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Es gibt nicht nur Reinräume

Bericht: Chipfabriken machen krank

05.10.1998
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Es gibt nicht nur Reinräume

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) – Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" ist die weltweite Chipproduktion keineswegs die heile Welt mit "Bunny People" in supersauberen Reinräumen, die Otto Normalverbraucher in den Medien präsentiert wird. Im schottischen Greenock etwa protestieren Angestellte gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen im Werk ihres Arbeitgebers National Semiconductor (Natsemi). 128 ihrer Kollegen aus den Fertigungsstätten in East Fishkill, Burlington und San Jose verklagen die IBM aus den gleiche Gründen. Sie alle wollen über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte einer Dauerbelastung durch gesundheitsschädigende Chemikalien ausgesetzt worden sein. Die Folgen: Krebserkrankungen, Fehlgeburten und Behinderungen bei Kindern. "Wir alle haben einen Cocktail aus Gasen, Säuren und Chemikalien bekommen", klagt etwa Grace Morrison, die 16 Jahre bei Natsemi in Greenock tätig war und inzwischen an Gebärmutterkrebs erkrankt ist. Noch drastischer drückt sich die 61jährige, an Brustkrebs erkrankte Doreen Robinson aus: "Es hätten noch viel mehr mit uns hier sein können, um zu protestieren – aber die sind alle schon tot." Die betroffenen Hersteller sind sich selbstverständlich keiner Schuld bewußt. Obwohl hinlänglich bekannt ist, daß in der Chipherstellung mit kanzerogenen Substanzen hantiert wird (darunter Arsen, Benzol oder Chrom), schieben sie die Schuld auf andere Faktoren. Die Industrie behauptet, daß doch eine Reihe nicht berufsbezogener Einflüsse wie Erbanlagen, Rauchen oder Ernährung mit größerer Wahrscheinlichkeit für Krebs- und sonstige Erkrankungen ihrer Arbeitnehmer verantwortlich seien. Die Wissenschaft sieht das etwas differenzierter. Nach Ansicht von Katherine Hammond, Medizinprofessorin an der Universität Berkeley, schützen auch Reinräume und Schutzanzüge modernster Fabriken die Arbeiter nicht vor den 500 bis 1000 Chemikalien, die üblicherweise zum Einsatz kommen: "Die schützen zwar die Silikon-Wafer vor den Leuten, nicht aber die Menschen vor den Chemikalien."