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Berchtold: "Wir müssen international erfolgreicher werden"

05.07.2005
Willi Berchtold, frisch wiedergewählt an die Bitkom-Spitze, fordert im Exklusiv-Interview mit der CW einen Staatsminister für Innovation im Kanzleramt.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit dem frisch wiedergewählten Bitkom-Präsidenten Willi Berchtold sprach CW-Redakteur Christoph Witte.

CW: In den kommenden Jahren, sagen Sie, sollen 370.000 Arbeitsplätze in den ITK-Unternehmen und -Anwenderfirmen entstehen. Überschätzen Sie damit nicht das Potenzial der ITK-Branche und winken gegenüber der Politik lediglich mit dem dicken Zaunpfahl Arbeitsplätze?

Berchtold: Die Zahlen entsprechen ziemlich genau den Zahlen, die die ITK-Branche bereits in den vergangenen zehn Jahren realisiert hat, denn seit 1995 sind 126.000 Arbeitsplätze entstanden, trotz der Krise nach dem Internet-Hype. Für die Zukunft müssen wir dafür sorgen, dass die inländischen ITK-Investitionen kommen, die Exportbilanz stimmt und Marktwachstum in Beschäftigungswachstum umgesetzt werden kann.

CW: Sie fordern von der Politik die Verbesserung der Rahmenbedingungen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaillie - Eigeninitiative die andere. Was haben die Branchenunternehmen selbst vor, um ihre Position zu stärken?

Berchtold: Wir setzen an vier Stellen an. Zum einen bringen wir jedes Jahr bei mehr als 400 Veranstaltungen 10.000 Experten und Top-Leute unserer Mitglieder zusammen. Hier bauen wir Plattformen für Partnerschaften und stiften somit mittelbar Innovationen im Kreis unserer Mitglieder. Unser neues Projekt "Metora" wird ein unternehmensübergreifendes Wissensnetzwerk aufbauen.

Zum zweiten haben wir einige Projekte gestartet, um die Schnittstellen zu Anwenderbranchen zu aktivieren. Im Dialogkreis Konvergenz haben wir Rundfunk- und Content-Anbieter an Bord. Mit der Logistikbranche gehen wir das Thema RFID und IT-Logistik an. Mit den Innenministern der Länder, die ja auch eine Anwender-"Branche" vertreten, bauen wir eine Innovationspartnerschaft E-Government auf.

Zum dritten unterstützen wir die Firmen bei der Abschätzung von Technologietrends und Marktentwicklungen. Hier setzen unser neues Projekt "Zukunftsprospektion" und unser Marktforschungsinstitut EITO an.

Vierter Punkt: Unternehmen, die reif für den internationalen Auftritt sind, begleiten wir in die internationalen Märkte. Wir machen Kooperationsveranstaltungen auf allen Kontinenten. Gerade waren wir in Russland, China und Israel. In Kürze gehen wir nach Dubai und Ägypten. Denn genau darum geht es letztlich: Wir müssen international erfolgreicher und präsenter werden.

CW: Mit welchem Recht fordern Sie einen Staatsminister im Kanzleramt für ITK? Müssten dann nicht Branchen wie die Automobilindustrie, die Finanzbranche und der Tourismus ähnliche Posten besetzen dürfen?

Berchtold: Wir fordern einen Staatsminister für Innovation. Nicht nur für ITK. Bitte sehen Sie sich einmal andere Länder an. Fast überall auf der Welt gibt es ein ganzes Ministerium für Information und Kommunikation. Innovation ist ein Querschnittsthema und es darf deshalb nicht in der Unterabteilung eines Fachministeriums landen. Die Stärkung der Innovationsfähigkeit unseres Landes ist die wichtigste Aufgabe überhaupt. Und deshalb muss sie im Kanzleramt verankert werden.

CW: Sie sprechen mehrfach von einer Innovationspolitik aus einem Guss. Wie sieht eine solche Politik aus? Stand bei diesen Überlegungen das japanische Miti Pate?

Berchtold: Lassen Sie uns lieber einen Blick auf Irland werfen. Erinnern Sie sich an Irland vor 20 Jahren? Und heute? Ein absoluter Spitzenstandort für IT in Europa. In Irland gibt es eine ITK-Politik aus einem Guss, wo angefangen bei der Bildungspolitik bis zur lokalen Industrieansiedlung alles zueinander passt. Deutschland hat bessere Voraussetzungen, als Irland sie je hatte. Die wollen wir nutzen.

CW: Erwarten Sie als ein Präsident, der kein Unternehmen der ITK-Branche im engeren Sinne vertritt, keine Schwierigkeiten, sich als Interessensvertreter in der Politik durchsetzen zu können?

Berchtold: Das gesamte Präsidium hat über die vergangenen Jahre hinweg eine sehr gute Arbeit geleistet. Es ist der ausdrückliche Wunsch unserer Mitglieder, dass diese Arbeit durch dieses Präsidium fortgesetzt wird. Kontinuität stand jetzt im Mittelpunkt, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Umbrüche in Deutschland und der EU. (ciw)