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Wie das Xerox PARC die Welt verändert

22.12.1999
Interview mit Robert Bauer

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Robert Bauer ist Mitarbeiter der ersten Stunde im Forschungs- und Entwicklungslabor Palo Alto Research Center (PARC) von Xerox. Mit dem High-Tech-Guru, zur Zeit Chef des Advanced Systems Development Lab, sprach Don Tennant von der CW-Schwesterpublikation "Computerworld Hong Kong".

CW: Den PARC-Labors haftet die Legende an, daß aus der dort entwickelten Technologie kein Kapital geschlagen wurde. Das berühmteste Beispiel dürfte wohl der Verlust der grafischen Benutzeroberfläche sein. Würden Sie einmal Ihre Sicht der Dinge darstellen, warum und wie das geschehen konnte?

BAUER: Wir haben viel Zeit damit verbracht, herauszufinden, warum wir bei Xerox nicht in der Lage waren, Kapital aus dieser Entwicklung zu schlagen. Und der Fauxpas lag nicht bei denen, die die Benutzeroberfläche im Forschungslabor entwickelt hatten.

Als das Team nämlich von den Chefs des PARC aufgefordert wurde, Steve Jobs und seinem kleinen Team das auf Smalltalk basierende GUI vorzuführen, haben sich die Entwickler geweigert, dies zu tun. Sie sagten: "Sie können uns wegen Aufsässigkeit entlassen, aber es ist ein Unterschied, ob wir das System den Kunden - oder auch Steve Jobs - zeigen, die nicht viel davon verstehen, oder ob wir es den Ingenieuren zeigen, die sofort wissen, was zu tun ist, wenn sie das System gesehen haben." Doch sie wurden genötigt, es dem Team zu vorzuführen, denn seinerzeit hatte Xerox als Privatunternehmen bei Apple investiert und hielt einen kleinen Anteil.

Außerdem gab es jemanden in Stanford, dem Hauptsitz von Xerox, der den Chefs bei PARC aus mir unerfindlichen Gründen befahl, ihre Leute dazu zu bringen, das System vorzustellen. Ansonsten würde die Forschungsarbeit auf dem Gebiet eingestellt. Jemanden zu entlassen, ist eine Sache - ihm sein Kind wegzunehmen, eine andere.

Doch genau das taten sie, wohl wissend, was geschehen würde. Ich erinnere mich noch an den Tag, als der "Mac II" auf den Markt kam. Auch wenn die "Lisa" ein kommerzieller Flop war - als der Mac II herauskam, kauften ihn die Leute noch am selben Tag, um ihn auszuprobieren. Der Grund für den Erfolg von Apple und Jobs liegt darin, daß sie am Ball geblieben sind, nachdem die Lisa gescheitert war. Sie haben mit ihrer Basistechnik etwas hingekriegt, was die Leute wollen und dafür bezahlen. Jobs brachte es direkt auf den Markt.

Fast alles, was wir bei PARC entwickelt haben, war erfolgreich, hat sich aber meistens anders entwickelt als ursprünglich geplant. Sobald eine Sache auf den Markt kam, stellte sich heraus, daß dieser eigentlich etwas ganz anderes wollte. Adobe wollte eigentlich nie das tun, was es dann tatsächlich getan hat. Diejenigen, die Synoptics und später dann Bay Networks aus der Taufe hoben, wollten eigentlich das optische Ethernet entwickeln. Das Projekt wurde gestoppt, weil der Markt dafür noch nicht bereit war. Statt dessen landeten sie bei Twisted-Pair-Ethernet.

Fast alle Unternehmen, die wir hervorgebracht haben, haben später ihr Unternehmensmodell geändert. Internet-Firmen machen heute das gleiche. Das Internet ist kein Spiel mit der Technik, sondern ein Spiel mit Geschäftsmodellen. Man versucht herauszufinden, wie man mit dem Internet Geld verdienen kann. Die Technologie ist schon da - was bleibt, ist ein Unternehmensproblem. Die einzige Möglichkeit, es zu lösen, besteht darin, sich ans Netz anzuschließen.

Die Welt bewegt sich mittlerweile zu schnell. Neulich erzählte mir jemand, daß man im Silicon Valley im Schnitt 96 Stunden braucht, um Kapital für die Finanzierung einer Start-up zu beschaffen. Ist das nicht unglaublich? Wer seine Geschäftsidee nach sechs Wochen nicht finanziert bekommt, muß aufgeben und von vorn anfangen.

Die Aufgabe der Kapitalgeber ist es, die Glaubwürdigkeit eines Teams festzustellen. Sie wissen genau, daß das Team etwas ganz anderes tun wird, wenn es erst einmal den Raum verlassen hat. Es wird also nicht wirklich in die Geschäftsidee investiert. Es geht um eine viel komplexere Entscheidung.

CW: Fehler mögen ja dazugehören, aber einige sind schwerwiegender als andere - siehe das Satelliten-Telefonprojekt Iridium. Was denken Sie über diesen Schnitzer von Motorola?

BAUER: Vor drei Jahren war ich auf einem Seminar, bei dem der Chef von Motorola sagte, daß Iridium ein Selbstläufer sei. Das hat damals auch mich beeindruckt. Und viele Leute haben investiert. Ich denke eher kurzfristig und bin eher der ausführende Typ. Als ich damals von Iridium hörte, dachte ich: Hey - das ist eine große Sache, schau dir die mal näher an.

Iridium ist aber im nachhinein ein Musterbeispiel für Leuten, die fernab vom wirklichen Markt agierten. Als ich zwei Jahre später erfuhr, daß ihre Telefone so groß wie ein Schuhkarton sein würden, war mir klar, daß die Sache scheitern muß. Es hatte nichts mit dem Alltag der Menschen zu tun - einen echten Nutzen davon haben höchstens Leute, die in Ägypten nach Öl suchen.

Irgendwann einmal wird aber jemand Geld mit Iridium verdienen. Es gibt eine Menge Bandbreite dort oben, und man wird herausfinden, wie sich diese nutzen läßt. Die Technik wird Fortschritte machen, die Telefone werden immer kleiner. Die Iridium-Idee wird Erfolg haben - allerdings nicht unbedingt mit Motorola.

CW: Was denken Ingenieure wie Sie über die Tatsache, daß so vieles über die finanziellen Möglichkeiten und die „schnelle Mark“ gesteuert wird?

BAUER: Es gibt unglaublich viele Techniker, die die Welt verändern wollen. Die wirklich daran glauben, sie könnten die Welt verändern. Wenn man damit auch noch viel Geld verdient, ist das cool. Es ist auch nichts falsch daran, viel Geld zu machen. Letzten Endes lassen sich Techniker aber am stärksten durch die technische Herausforderung motivieren.

Deshalb können wir immer noch sehr gute Leute einstellen. Sie bewerben sich beim PARC, weil sie an Innovationen teilhaben wollen, die sowohl technisch als auch geschäftlich ausgerichtet sind. Aber wer wirklich reich werden will, kommt nicht ins PARC. Bei uns kann man die Welt verändern und hat dabei sein Auskommen. Wir arbeiten einfach sehr vielfältig.

CW: Wollten Sie selbst sich schon einmal mit einer Idee selbständig machen?

BAUER: Ja, es gab da über die Jahre mehrere Dinge. Ich habe jahrelang geglaubt, daß das Internet es immer noch nicht geschafft hat, einen Nutzen für die Gemeinschaft zu schaffen. Das Netz ist toll, es bringt den Leuten viel Geld, und es ermöglicht Geschäfte - es gibt einfach so viele Informationen da draußen. Von einer virtuelle Gesellschaft sind wir aber noch weit entfernt. Sie und ich, wir sollten diese Unterhaltung eigentlich führen können, während ich in Palo Alto bin. Das können wir immer noch nicht.

CW: Wann wird so etwas möglich sein?

BAUER: Keine Ahnung. In 25 Jahren wird es so etwas sicher bestimmt geben. Dazu ist eine permanente Globalisierung nötig, eine weltweite Wirtschaft. Zur Zeit verdienen nur wenig Menschen wirklich Geld mit dem Internet - anders als die Aktionäre der Unternehmen.

Es wird eine Menge passieren. Die Technologie ist bereits vorhanden, es geht lediglich darum, ob ausreichend Geld da ist, um die Bandbreite zu erweitern. Wenn das geschieht, müssen die vielen Pipelines mit Inhalten gefüllt werden. Das wird mit Audio, Video und ähnlichem schnell geschehen. An meinem Arbeitplatz hören die Leute schon den ganzen Tag Internet-Radio. Jeder kann seinen persönlichen Radiosender zusammenstellen - das Internets macht das schon heute möglich. Solche Dinge können wirklich etwas verändern.

CW: Warum haben Sie das PARC nicht verlassen?

BAUER: Viele von denen, die das PARC irgendwann verlassen haben, wurden superreich und hatten Erfolg. Trotzdem betrachten sie ihre Zeit im PARC als die schönste. Sie schauen immer wehmütig zurück. Im PARC orientiert man sich nicht an unrealistischen Zielen, aber jeder hat die Freiheit, Dinge zu erforschen und daran vielleicht auch zu scheitern. Ich will es einmal so ausdrücken: Ich kann immer noch produktiv versuchen, Mehrwert zu erzeugen, und trotzdem Spaß dabei haben.

Die Zeiten sind allerdings im Moment hart. Die Xerox-Aktie hat seit Juli 60 Prozent verloren. Xerox versucht sich neu zu erfinden. Alles neu zu strukturieren, ins Netz zu gehen, zum Lösungsanbieter zu werden, das sind schwierige Probleme.

CW: Was ist heute für die Mitarbeiter des PARC spannend? Was finden die Leute aufregend?

BAUER: PARC ist ein sehr großer und uneinheitlicher Ort. Wir haben über 300 Angestellte, davon 190 Techniker. Das klingt zwar nicht nach viel, bringt aber trotzdem eine große Bandbreite an Meinungen und Interessen. Das Internet ist natürlich eine großes Ding, und auch die Art und Weise, wie wir es für uns nutzen.

Ansonsten dreht sich eigentlich alles um drei zentrale Themen. Das eine sind sogenannte „Knowledge ecologies“, die Ökosysteme des Wissens, eine großartige Idee. Es geht nicht um Knowledge Management des Wissens, sondern um eine Ökologie. Die Menschen leben in einem System. Das muß man als ganzes sehen und erkennen, welche Kräfte alles beeinflussen. Dann gilt es die Technik zu finden, die da hineinpaßt.

Ein weiteres Thema ist "denkende Materie" [smart matter], eine Art Brückenschlag zwischen der physikalischen und der virtuellen Welt. Wie läßt sich das Arbeiten von Computern auf andere Dinge und Materialien übertragen? Stellen Sie sich einmal einen Drucker oder Kopierer ohne Ersatzteile vor, der sich selbst repariert. Das ist die Vision dieser Leute. Maschinen sollen sich einmal so reparieren, wie es bisher unsere Techniker getan haben.

Das dritte Thema ist das Internet oder Internet-Dienstleistungen. Wie bekommt man das Netz dahin, Probleme anzugehen? Die Menschen sollen in diesem Medium wirklich interagieren und Informationen austauschen können.

CW: Die Erfindung des Web wird Tim Berners-Lee zugesprochen. Stimmen Sie dem zu?

BAUER: Ja, er hat es erfunden. Diejenigen, die das Rennen machen, besitzen eine Art elegante Einfachheit in allem, was sie tun. So auch Berners-Lee. Er hat der Hypertext-Welt die Komplexität genommen, indem er zwei sehr einfache Dinge erfand - das Hypertext Transfer Protocol und die Hypertext Markup Language. Er hat es einfach getan. Die Menschen sahen es und waren verblüfft.

CW: Gab es zu der Zeit im PARC Leute, die an so etwas gedacht haben?

BAUER: Wir arbeiteten mit Hypertext, und wir benutzten Netzwerke dazu. Die Vorstellung von Computern, die miteinander vernetzt sind und auf Client-Server-Services zugreifen können, gibt es schon seit 1971.

CW: Das Internet hat einen großen Rausch ausgelöst und viel verändert. Kann so etwas noch einmal in ähnlicher Form passieren?

BAUER: Das Internet entstand - rein technisch betrachtet -, weil die Infrastruktur dafür bereits vorhanden war. Dann kamen ein paar enorme Wachstumsschübe, aber auch immer wieder radikale Unterbrechungen. Weil das US-Militär um die Überlebensfähigkeit seiner Befehls- und Kontrollsysteme fürchtete, kam der Wunsch nach verteilten Computersystemen und Netzwerken auf. Nur deshalb wurde in den 60ern das Arpanet gegründet, ohne das es heute kein Internet gäbe. Das alles ist nicht über Nacht geschehen.

CW: Wirkliche Veränderungen gab es aber erst in den letzten paar Jahren.

BAUER: Das stimmt.

CW: Wird es nun ein anderes, ähnliches Phänomen geben, das die Welt nochmals verändert? Oder passiert so etwas nur alle tausend Jahre einmal?

BAUER: Fragen Sie sich doch einmal selbst: Wußte irgend jemand, daß es das Internet geben würde? Ich kenne niemanden, der das vorausgesagt hätte. Kein Unternehmen war darauf eingestellt, niemand hat es vorangetrieben. Es ist einzig ein organisches Phänomen, das auf einer Technik basiert, die bereits installiert war. Wie soll ich jetzt etwas vorhersagen, was - wie das Internet beweist - nicht vorherzusehen ist?

Sicher bin ich mir nur, daß die Verbindung von Mensch und Technik im kommenden Jahrhundert das Rennen machen wird. Diejenigen, die nicht wahrhaben wollen, daß es dabei ebenso um das Menschliche wie um die Technologie geht, werden verlieren. Außerdem glaube ich, daß die Globalisierung als Phänomen die größten Auswirkungen haben wird. Das wird alles verändern.

CW: Können Sie das näher umschreiben? Was genau wird sich Ihrer Meinung nach ändern?

BAUER: Wie alle großen Firmen expandieren wir weltweit. Wir haben Entwickler, die für uns in Singapur und Indien Software schreiben, und wir haben unsere eigenen Entwicklungszentren. Das wird sich immer weiter bewegen. China hat einen großen Markt und ein enormes Potential an Talenten.

Die Wirtschaft Israels steht nur durch High-Tech heute dort, wo sie steht. Die natürlichen Ressourcen, die die israelische Wirtschaft benötigt, können nicht mehr aus der Kibbuz-Landwirtschaft kommen. Und wie schnell können die arabischen Länder nachziehen? Die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit ist es doch, die den Frieden im Mittleren Osten bringen kann.

Für die meisten ist Software etwas Geheimnisvolles, aber es ist keine Hexerei. Die Entwicklungswerkzeuge werden immer einfacher. Das wird die Fähigkeit, Anwendungen maßzuschneidern, wirklich revolutionieren. Man denkt sich etwas aus, man sagt jemandem in Afrika bescheid, und er kann das Programm schreiben. Die Entwicklungszyklen liegen inzwischen bei 24 Stunden, wenn global produziert wird. Dadurch wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer mehr verschwinden - auch wenn wir daran noch viel tun müssen und die Sache nicht ganz trivial ist.