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Schicksalstag für Mobilcom

12.09.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Heute dürfte sich das Schicksal der deutschen Mobilfunkgesellschaft Mobilcom entscheiden. Am späten Nachmittag wird in Paris der Aufsichtsrat der France Télécom tagen, mit zwei wichtigen Punkten auf der Tagesordnung: Zum einen der Ausstieg bei Mobilcom, zum anderen die Entscheidung über eine Kapitalerhöhung, um Geld in die leeren Kassen des Konzerns zu bringen.

In Branchenkreisen gilt der Rückzug der Franzosen, die 28,5 Prozent an Mobilcom halten, als ziemlich sicher. Seit längerem tobt zwischen dem Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid und France-Télécom-Chef Michel Bon ein Streit über die Zukunft des deutschen Carriers. Mobilcom hatte, den französischen TK-Giganten im Hintergrund, eine der UMTS-Lizenzen für Deutschland ersteigert und wollte mit dessen finanzieller Hilfe das UMTS-Netz aufbauen. Mittlerweile hat France Télécom aber aufgrund seiner enormen Schuldenlast das Interesse an den Deutschen verloren und würde das Kapitel Mobilcom gerne schließen. Problematisch daran ist jedoch, dass sich die Franzosen vertraglich dazu verpflichtet haben, Mobilcom beim Aufbau der Netzinfrastruktur zu unterstützen. Seit Monaten sucht Bon nach einem Schlupfloch, um möglichst billig aus dem Abenteuer Mobilcom herauszukommen. Auf der Gegenseite verweisen der unterdessen als Vorstand abgelöste Schmid

und sein Nachfolger Thorsten Grenz auf die vertraglichen Verpflichtungen des französischen Teilhabers und drohen mit Schadensersatzklagen.

Trotzdem scheint Michel Bon jetzt fest entschlossen zu sein, die deutsche Beteiligung aufzugeben. Einem Bericht der Zeitung "Le Figaro" zufolge ist es dem France-Télécom-Vorstand gelungen, die französische Regierung von seinem Vorhaben zu überzeugen. 55 Prozent des Carriers befinden sich derzeit noch in Staatsbesitz, so dass Bon für diese Maßnahme unbedingt die Zustimmung des Hauptaktionärs benötigt. In Büdelsdorf, dem Mobilcom-Sitz in Deutschland, will man von solchen Absichten nichts wissen. In einer Pressemitteilung hieß es, man gehe davon aus, dass die Partnerschaft mit France Télécom fortdauern werde. Für Absatzbewegungen gäbe es keine Anhaltspunkte. Gleichwohl deutet Mobilcom in der Mitteilung auf mögliche Schadenersatzforderungen hin. Auch Gerhard Schmid, zusammen mit seiner Frau Hauptaktionär der Mobilcom, glaubt nicht an einen Ausstieg, weil die Franzosen gerade noch 30 Millionen Euro nach Büdelsdorf

überwiesen haben.

Dennoch spricht vieles dafür, dass die Hoffnung von Schmid und Grenz an den Fortbestand der Allianz mit den Franzosen trügt. Über eine Abwicklung gibt es nämlich bereits konkrete Pläne. Demnach würden France Télécom die sechs Milliarden Euro an Krediten für Banken und Lieferanten der Mobilcom in Beteiligungskapital umwandeln. Die Banken, so berichtet die Financial Times Deutschland, würden France-Télécom-Aktien erhalten, die Lieferanten Orange-Papiere im Tausch gegen ihre Forderungen. Orange ist die Mobilfunktochter der Franzosen.

Michel Bon scheint jedenfalls bereit zu sein, diesen Preis zu zahlen, um die Episode Mobilcom endgültig zu beenden. Er will heute bei der Sitzung des Aufsichtsrats für diesen Schritt werben, der nach Ansicht der meisten Beobachter die Insolvenz der Mobilcom zur Folge hätte. Aber auch die Tage von Bon gelten als gezählt. Das Gremium wird mit ziemlicher Sicherheit auch eine Kapitalerhöhung in Form einer Bezugsrechtsemission beschließen, eine Maßnahme, die Bon immer abgelehnt hatte. Der ohnedies in die Kritik geratene Konzernchef wird deshalb wahrscheinlich seinen Hut nehmen. Mit der Emission will der Carrier Kredite decken, die in den kommenden Jahren fällig werden. (pg)