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IT "mattert" - deutliche Antworten auf Carrs Thesen

17.06.2005
Auf der sd&m-Konferenz 2005 nahmen prominente CIOs Stellung zu Nicholas Carrs provokanten Thesen zur schwindenden Bedeutung der IT.

FRANKFURT (COMPUTERWOCHE) - Nicholas Carr hat es wieder einmal geschafft: Die rund 1200 Teilnehmer der Konferenz "Software-Industrialisierung", die derzeit von der sd&m AG in Frankfurt am Main ausgerichtet wird, hingen an seinen Lippen, als der Journalist und Buchautor ("Does IT matter?") in seinem gestrigen Eröffnungsvortrag einmal mehr das Differenzierungspotenzial von IT im unternehmerischen Wettbewerb in Frage stellte. Carr stieß auf Zustimmung und Ablehnung gleichermaßen.

Dirk Berensmann, CIO der Postbank, widersprach Carr und betonte, dass sich insbesondere in Vertrieb und Marketing, aber auch im Bereich der Prozessoptimierung große Chancen durch optimalen IT-Einsatz böten. Nicht realisiert werde derzeit in vielen Fällen das Potenzial, das eine Synchronisation der verschiedenen Vertriebskanäle biete - beispielsweise beim Online- und Filialgeschäft einer Bank. Im Übrigen gehe es letztlich um die Optimierung von Geschäftsprozessen durch die IT - "das einzige, was ich im Unternehmen wirklich beeinflussen kann". Die IT habe sich hier in den letzten Jahren zu wenig weiterentwickelt.

Berensmann, von der COMPUTERWOCHE im vergangenen Jahr zum "IT-Executive des Jahres" gewählt, betonte die Notwendigkeit, die IT-Ressourcen besser zu steuern und zu kontrollieren. IT-Spezialisten seien anders zu führen, ihre Interessen und Präferenzen wichen von denen der Durchschnittsbevölkerung ab. Deshalb bedürfe die IT einer "eigenen Governance". IT-Profis hätten ihre eigenen Wertmaßstäbe, mit herkömmlichen Führungs- und Steuerungsstrukturen seien sie kaum zu erreichen. "Wo erlaubt man der IT eine eigene Governance? Nirgends", ereiferte sich der Postbank-CIO. Wenn man dafür sorge, werde die Zufriedenheit wachsen und damit auch die Produktivität. "Die Veränderung in der IT selbst wird das entscheidende Thema sein", schloss Berensmann seinen Vortrag ab.

Sue Unger, CIO von DaimlerChrysler, erklärte ebenfalls, es komme ausschließlich auf die Art und Weise an, in der IT genutzt wird. "Die Technik selbst ist Commodity, da hat Carr recht", sagte Unger. Entscheidend sei der IT-Einsatz, um Geschäftsprozesse zu verbessern. Wie viel Spielraum es hier gibt, belegte Unger am Beispiel des mit sd&m-Hilfe realisierten Tools "cvd Partfinder". Daimler Chrysler spürt damit im weltweiten Konzern Einzelteile auf, die zur Herstellung von Fahrzeugen benötigt werden. Ein Lkw beispielsweise bestehe aus rund 10.000 davon. Mit dem Tool gelinge eine effizientere Verwaltung, außerdem könne man gezielter einkaufen und bessere Preise erzielen.

Auch Clemens Jochum, Chief Technology Officer der Deutschen Bank, ging auf Carr ein. IT werde zur Infrastruktur, insofern liege der Autor richtig. Allerdings bedeute das nicht, dass Informationstechnik damit weniger wichtig werde. "IT mattert", sagte Jochum und betonte, dass die IT der Deutschen Bank angesichts der täglich abzuwickelnden Transaktionen in mehrstelliger Milliardenhöhe wie ein Uhrwerk funktionieren müsse - ein Ausfall sei eine Katastrophe. "Es geht um Stabilität und geringe Komplexität", so der CIO. Ein Wettbewerbsvorteil lasse sich heute jedoch durch IT oder individuell entwickelte Software nicht mehr erzielen.

Die Deutsche Bank hat ihre IT-Infrastruktur in Mitteleuropa an IBM ausgelagert, betreibt aber selbst weiterhin Rechenzentren in Großbritannien, Nordamerika und Asien. Das IBM-Projekt laufe nach anfänglichen Schwierigkeiten inzwischen rund: "Ich würde es heute wieder machen", so Jochum. Allerdings solle man sich an Outsourcing-Projekte nur wagen, wenn die Prozesse definiert seien und die Schnittstellen und Service-Level-Agreements stünden. "Wenn man glaubt, der Dienstleister löst die Schnittstellenprobleme, dann liegt man schief", warnte der CIO. (hv)