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Fiorina ruft das neue HP aus

08.05.2002
HP-Chefin Carleton Fiorina hat nach Abschluss der Compaq-Übernahme gestern offiziell das neue Unternehmen gestartet und Details zu Entlassungen und zum künftigen Produktportfolio mitgeteilt.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - HP-Chefin Carleton "Carly" Fiorina, der neue President und frühere Compaq-Boss Michael Capellas und andere hochrangige Manager des Konzerns versammelten sich gestern im kalifornischen Cupertino, um das aus der Übernahme von Compaq entstandene neue Hewlett-Packard (im Netz bereits mit einem voll integrierten Angebot mit mehr als drei Millionen Unterseiten präsent) offiziell aus der Taufe zu heben. Dabei bemühte sich die Chefetage darum, die Stärken des Unternehmens in einem IT-Markt zu betonen, von dem sie selbst glaubt, dass er niemals wieder die Schwindel erregenden Wachstumsraten der späten 90er und des Jahres 2000 erreichen wird. "Die IT-Industrie wird nie wieder zu den berauschenden Tagen von 20, 30, 40 Prozent Wachstum zurückkehren", warnte Fiorina.

HP musste einräumen, dass IBM nach Umsatz auch weiterhin der größte IT-Player bleibt. Die Fiorina-Firma stellte Big Blue aber als gekettet an proprietäre Systeme dar. In anderen Märkten könnten etwa Imaging-Rivalen wie Xerox oder Lexmark nicht mit vergleichbaren IT-Fähigkeiten aufwarten wie das neue HP. Man werde vier Milliarden Dollar pro Jahr in Forschung und Entwicklung stecken, kündigte Fiorina an. Gleichzeitig gelte es, die operativen Kosten auf 15 bis 17 Prozent vom Umsatz zu drücken.

Drei Management-Ebenen wurden bereits in die kombinierte Konzernstruktur eingezogen. Für die 100 größten Kunden gibt es bereits neue Account-Management-Teams, und der komplette Vertrieb hat bereits Anweisungen für den Betrieb im Rahmen des neuen Unternehmens erhalten. "Wir sind bereit", erklärte Fiorina. "Wir führen unsere Entscheidungen bereits aus und treffen sie nicht erst. Wir halten unser Versprechen."

Für die Belegschaft gab es ebenfalls Interessantes zu hören: Was die durch die Integration zwangsläufig entstehenden Redundanzen angeht, hat sich laut Fiorina die zuvor geschätzte Zahl von 15.000 Entlassungen nicht verändert. Gleichzeitig erklärte die CEO (Chief Executive Officer), man müsse unterscheiden zwischen den 15.000 Stellen, die durch die Fusion überflüssig würden, und der gesamten Mannstärke des Unternehmens. Man werde etwa in den Bereichen Services und Imaging neue Arbeitsplätze schaffen. Finanzchef Bob Wayman ergänzte, HP habe auch in Flautezeiten im Schnitt einen Arbeitskräfteabgang von fünf Prozent pro Jahr, durch den sich einige Entlassungen vermeiden ließen. "Wir glauben nicht, dass es mehr als 15.000 werden", erklärte der CFO (Chief Financial Officer).

Erste Details zum Stellenabbau sollen Kunden ab dem kommenden Montag mitgeteilt werden. Angesichts der unterschiedlichen Rechtslage an den weltweiten Standorten des Unternehmens werde das komplette Programm aber sechs bis neun Monate dauern. Wie gehabt hofft HP als Folge der Fusion auf Einsparungen von 2,5 Milliarden Dollar pro Jahr. Finanzchef Wayman betonte, bei dieser Schätzung habe man "sehr konservative Annahmen" zugrunde gelegt. Ein Ausbau des Vertriebs, neue Imaging-Kategorien, das Direktgeschäft sowie neue Produkt-Roadmaps und Service-Angebote ließen hier durchaus Spielraum nach oben hin.

Die neue Produkt-Roadmap

Bei der Festlegung seines künftigen Produktportfolios hat HP nach eigenen Angaben vor allem den Faktor Marktanteil darüber entscheiden lassen, welche Produkte bald der Vergangenheit angehören. "Standardisierte" Building Blocks sollen in jedem Bereich eine Schlüsselrolle spielen.

Im Bereich Itanium/IA-64-Server hält sich das Unternehmen an die bisherige Planung der "alten" HP. Elemente aus Compaqs "Proliant"-Roadmap sollen hier aber zumindest einfließen. Sobald Intel seine dritte IA-64-Generation mit dem Codenamen "Madison" auf den Markt bringt, will HP die 64-Bit-Chips über seine gesamte Server-Palette "vom Lowend bis hin zum Highend, inklusive HP Nonstop Itanium" hinweg offerieren.

Letzten Endes laufen im Rahmen der Server-Strategie alle Linien auf den Itanium zu. Die bereits veröffentlichten Pläne für PA-RISC (HP) und Alpha (Compaq) behalten ihre Gültigkeit. Mit PA-RISC zielt das Unternehmen erst einmal noch auf Neukunden, im Alpha-Segment werden - auch wenn hier noch mindestens zwei Prozessorgenerationen folgen - wohl nur noch die Bestandskunden gepflegt. Die von Tandem übernommenen hoch verfügbaren Nonstop-Systeme bleiben im Programm und werden irgendwann auf Itanium umgestellt.

Was die Server-Betriebssysteme angeht, siegt HP-UX über Compaqs Tru64. Zumindest dessen anerkannt gute Clustering-Fähigkeiten und File Systems sollen in HPs Unix-Derivat hinübergerettet werden. Compaq/DECs "OpenVMS" wird aber wie zuvor angekündigt auch auf IA-64 portiert.

Im Bereich IA-32 überlebt Compaqs bestens etablierte "Proliant"-Familie und bekommt lediglich ein HP vor den Namen gesetzt. Von HPs "Netservern" überleben nur die Einstiegsmodelle "tc2100" und "tc2200" sowie die für den Telco-Einsatz optimierten Bladeserver. Compaqs Bladeserver verbleiben ebenfalls im Programm.

Compaq bleibt die Marke für Business-Desktops und -Notebooks. Die Migration der betreffenden Produktlinien will das Unternehmen im Laufe der kommenden zwölf Monate vollziehen. HPs minimalistische "ePCs" bleiben im Angebot; die "Omnibook"-Portables wird es zumindest in diesem Jahr ebenfalls noch geben.

Was die Consumer-PCs angeht, überleben sowohl HPs "Pavilion" als auch Compaqs "Presario", dies könne allerdings von Land zu Land unterschiedlich sein. Bei den Handhelds bleibt Compaqs erfolgreicher "iPaq", HPs "Jornadas" werden eingestellt.

Im Storage-Bereich sollen die besten Produkte beider Anbieter weiterleben. Als Marke bleibt hier Compaqs "Storageworks". Die Virtualisierungstechniken beider Anbieter sollen trotz ihrer Unterschiede zusammengeführt werden. HPs "Openview" bleibt die zentrale Management-Software; dafür lösen Compaqs Arrays HP komplettes Midrange-Angebot ab. Im Highend wird das Unternehmen weiterhin Reseller für HDS' "Lightning"-Arrays bleiben.

Wohl das geringste Kopferzerbrechen bereitete der Bereich Printing and Imaging, wo Compaq gegenüber dem alten HP ohnehin verblasste. Capellas betonte in diesem Bereich die wachsende Bedeutung vom Mobilität, Fotoveredlung, Digitaldruck und Gerätekonvergenz.

Erstaunlich wenig gab es zum Bereich Services zu hören - das mag laut "Computerwire" daran gelegen haben, dass Bereichsleiterin Ann Livermore gestern nicht in Cupertino, sondern stattdessen in Boston weilte, wo ein Großteil der Aktivitäten angesiedelt ist. Capellas betonte stellvertretend in seiner Präsentation, HP wolle im Dienstleistungsbereich drei Dinge "richtig gut machen" - nämlich Kundendienst, Managed Services sowie Beratung und Integration. Im Consulting-Bereich werde man sich um Partnerschaften mit Systemintegratoren bemühen.

"Dieses neue HP wird zum größten und mächstigen Partner im Markt" für Anbieter wie Intel, Microsoft, SAP, Oracle, Siebel und andere werden, ist sich Fiorina sicher. "Jeder dieser Player braucht einen Systemanbieter mit unserer Bandbreite, um seine eigenen Versprechen zu vervollständigen." Ob das wirklich gelingen kann, bleibt aus Sicht von Analysten voerst einmal abzuwarten. "Das war HPs Coming-Out-Party", kommentierte beispielsweise Alan Promisel von der IDC. "Ich erwarte nicht, dass HP schon seine exakten Pläne enthüllt. Sie sind ja gerade erst aus dem Reinraum heraus."

Zum guten Schluss kündigte Carly Fiorina übrigens noch an, dass es auch weiterhin das Stadion "Compaq Center", Heimat der San Jose Sharks, sponsern wird. Allerdings wird die Arena umgetauft in "HP Pavilion". (tc)