Sonderkonjunktur durch COVID-19

Diese Märkte brummen dank Corona

19.06.2020
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Steven schreibt für unsere US-Schwesterpublikation Computerworld. Er beschäftigte sich bereits mit Business und Technologie als 300bps noch Highspeed war.
Obwohl die Weltwirtschaft leidet, erleben viele Technologieunternehmen einen Aufschwung – nicht nur Videokonferenz- und E-Commerce-Spezialisten.
Die Corona-Pandemie bringt auch zahlreiche Gewinner hervor. Lesen Sie, welche Branchen zu den Profiteuren der Krise gehören.
Die Corona-Pandemie bringt auch zahlreiche Gewinner hervor. Lesen Sie, welche Branchen zu den Profiteuren der Krise gehören.
Foto: Viacheslav Lopatin - shutterstock.com

Es stimmt, die Coronavirus-Pandemie setzt den Unternehmen kräftig zu, viele kleinere Betriebe treibt sie sogar in den Ruin. Trotzdem ist unübersehbar, dass es gerade auf dem Technologiesektor auch Gewinner gibt. Das betrifft vor allem E-Commerce-Giganten wie Amazon, Ebay oder hierzulande Zalando sowie Videokonferenz-Spezialisten wie Zoom und GoToMeeting.

Onlineshopping gegen Langeweile

Der aktuelle "Global Shopping Index" von Salesforce, der das Verhalten von einer Million Konsumenten weltweit analysiert, zeigt für das erste Quartal 2020 einen "dramatischen Anstieg" bei digitalen Einkäufen. Die Zahl der Einzelpersonen, die digital shoppen waren, kletterte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 40 Prozent. Salesforce-Manager Brian Solis registriert allein bei online gehandelten Haushaltswaren einen Anstieg von 51 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Verkäufe von Spielzeug und Computerspielen stiegen um 34 Prozent, Sportkleidung wurde um 31 Prozent häufiger abgesetzt. Sogar um 200 Prozent soll der Online-Umsatz mit Lebensmitteln und Produkten für Körperpflege zugelegt haben.

Meghan Stabler, beim Shopping-Softwareanbieter BigCommerce für das Produktmarketing verantwortlich, hat die Umsatzentwicklung der rund 60.000 angeschlossenen Online-Händler analysiert. Deren Einnahmen sollen zwischen dem 22. März und dem 15. Juni 2020 um durchschnittlich 76,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen sein. Ähnliche Beobachtungen machte Allison Auclair, Vice President im Bereich E-Commerce Produkt-Management bei Oracle NetSuite: "Bei unseren Kunden haben sich die Online-Bestellvolumina im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt. Die Zahl der Einzelkäufer ist ebenfalls um nahezu 100 Prozent gestiegen, was darauf hindeutet, dass die Händler nicht nur bestehende Kunden halten, sondern auch viele neue dazugewinnen."

Die hohe Nachfrage beim Online-Einkauf spiegelt sich auch im Datenverkehr. Das Netzwerk-Sicherheitsunternehmen Imperva stellte fest, dass in der Krise an manchen Tagen ein Traffic-Volumen erreicht wurde, das ansonsten nur an Aktionstagen wie dem Black Friday oder dem Cyber Monday zu beobachten ist. "Im März und April 2020 haben wir 30 Milliarden Anfragen pro Woche gezählt, das entspricht dem Black-Friday-Volumen".

Schlechte Nachrichten halten indes die Analysten des Capgemini Research Institute für die Betreiber klassischer Läden und Märkte bereit. Ihre Umfrage ergab, dass von den 59 Prozent der Verbraucher, die vor der Covid-19-Krise vorzugsweise im Geschäft einkauften, nur ein Viertel zum klassischen Shopping zurückkehren wollen. Die meisten Konsumenten gehen den Betreibern von Läden und Märkten demnach an den Online-Handel verloren. Das muss aber nicht bedeuten, dass nun alle Brick-and-Mortar-Geschäfte schließen werden. Etliche Einzelhändler verändern in der Krise ihre Geschäftsmodelle. "Sie nutzen ihre Ladengeschäfte als Lagerhäuser und gehen Partnerschaften mit Lieferdiensten ein", beobachtet Marc Gorlin, Gründer und CEO von Roadie, einem stark frequentierten Lieferservice aus den USA.

Meet meet - in Videokonferenzen, wo sonst?

Die jüngere Erfolgsgeschichte des Videokonferenz-Anbieters Zoom zeigt, wie die Nachfrage in diesem Bereich zuletzt explodiert ist. Derzeit etabliert sich das Verb "Zoomen" ähnlich wie zuvor bereits "Googeln", die Technologie hat sich trotz unübersehbarer Sicherheitsprobleme in kürzester Zeit zu einem Defacto-Standard für Geschäftsmeetings entwickelt. Doch auch die Konkurrenten verzeichnen starkes Wachstum. Einen Anhaltspunkt liefert App Annie, eine Website, die das Interesse an mobilen Apps misst.

Demnach wurden allein in der zweiten März-Woche insgesamt 62 Millionen Business-Apps für iOS- und Android-Phones heruntergeladen, ein Plus von 45 Prozent gegenüber der Vorwoche - ein Allzeithoch, die Zahl lag um 90 Prozent über dem wöchentlichen Durchschnitt der Downloads von Geschäftsanwendungen im Jahr 2019. Bei den meisten Apps handelte es sich um Videokonferenz-Produkte: Zoom an erster Stelle, aber auch Google Meet und Microsoft Teams verzeichneten signifikante Zuwächse.

Die genauen Zahlen für die Verbreitung von Videokonferenz-Plattformen variieren je nachdem, von wem die Informationen stammen. Satya Nadella, CEO von Microsoft, behauptet, dass Teams nun bis zu 75 Millionen aktive Nutzer täglich zähle. Bei Zoom heißt es, jeden Tag würden sage und schreibe 300 Millionen Sitzungsteilnehmer gezählt. Google Meet bringt es nach Unternehmensangaben auf bis zu drei Millionen tägliche Nutzer.

Cisco berichtet, dass seine Videokonferenzanwendung Webex im März eine Rekordzahl von 324 Millionen Teilnehmern verzeichnet habe. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie Monat für Monat ein hohes zweistelliges Wachstum aufweisen. Und natürlich wächst auch Skype rasant - für die meisten Privatanwender immer noch der Standarddienst. Allein die Skype-App wurde weltweit eine Milliarde Mal heruntergeladen, jeden Tag nutzen mindestens 40 Millionen User den Dienst.

Fragen an den Teledoktor

Nein, der Arztbesuch wird auch künftig nicht ganz wegfallen, aber dennoch lässt sich feststellen: Die Covid-19-Krise ist für E-Health- und Telemedizindienste ein Erweckungserlebnis. Der Health-Tech-Futurist Alfred Poor glaubt, dass das Coronavirus der Telemedizin einen "Tritt in den Hintern" gegeben habe. Digitale Veränderungen seien hier längst im Gange gewesen, doch die Krise habe wie ein Katalysator gewirkt. Dazu beigetragen habe, dass die Krankenversicherer in den USA und in anderen Ländern ihre Kostenerstattung für telemedizinische Dienste ausgeweitet hätten. In Deutschland ist das schon länger der Fall.

Laut Poor ist der Geist aus der Flasche, und er werde sich auch nicht wieder einfangen lassen: "Die Patienten müssen nicht mehr zwangsläufig in die Arztpraxis oder in andere klinische Einrichtungen gehen und dort mit anderen kranken Patienten in einem Wartezimmer sitzen." Auch könnten Ärzte ihre Patienten digital häufiger sehen. Das spare Zeit und Geld für alle Beteiligten und erhöhe die Zufriedenheit.

Einen Schub gibt es auch für die Fernüberwachung von Patienten. Laut Poor war diese vor der Pandemie auch schon auf gutem Wege - insbesondere bei Patienten, die gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen wurden oder an einer chronischen Krankheit leiden. Die Fernüberwachung ermögliche es, Probleme zu erkennen, bevor der Zustand des Patienten ein Krisenniveau erreiche. So lasse sich nicht nur die Behandlung verbessern, auch könnten alle Beteiligten - einschließlich der Versicherungsgesellschaften - Zeit und Geld sparen.

Begünstigt wird der Trend durch "Connected Devices" in den Haushalten, beispielsweise intelligente Waagen oder Blutdruckmess-Geräte, sowie durch erschwingliche Gesundheits-Kits, mit denen Patienten routinemäßig Körperfunktionen in den eigenen vier Wänden messen können. Der zugeschaltete Arzt aus der Ferne erhält diese Messergebnisse und kann eine Untersuchung und Diagnose auch via Videochat durchführen.

Bares war Wahres

In der Pandemie haben viele Menschen Berührungsängste mit Bargeld und mit Kreditkartenlesern, in die sie eine PIN-Nummer eingeben sollen. Deshalb ist das Coronavirus mit dafür verantwortlich, dass kontaktloses Zahlen ähnlich wie der E-Commerce einen Sprung nach vorne gemacht hat. Auch das Smartphone wird kräftig genutzt, um über Dienste wie Apple Pay oder Google Pay Zahlungstransaktionen abzuwickeln.

In einer repräsentativen Kurzumfrage fand der Bundesverband Deutscher Banken heraus, dass etwas mehr als 60 Prozent der Deutschen heute im Einzelhandel mit Karte oder Handy zahlt. Die Zahl derer, die nur aufgrund des Corona-Virus ihr Verhalten geändert haben und nun zu Karte oder Handy greifen, liegt der Analyse zufolge bei rund 26 Prozent. Alle anderen zahlen weiter mit Bargeld.

Wenig überraschend variiert das Verhalten stark nach Alter: Vor allem die Verbraucher über 60 Jahre sind nicht willens oder fähig ihr Verhalten zu ändern, sie zahlen mehrheitlich bar. Jüngere Konsumenten haben dagegen schon vor der Krise mit Karte oder Handy bezahlt. Bewegung ist in die Altersgruppe der 50- bis 60-Jährigen gekommen: Von ihnen folgen besonders viele dem Wunsch des Einzelhandels und verzichten auf eine Barzahlung.

3D-Druck - da geht noch was

Industrieunternehmen kennen den 3D-Druck seit vielen Jahren, sie haben ihn vor allem für die Entwicklung von Prototypen genutzt. Der vielfach prophezeite Durchbruch blieb bislang jedoch aus. In der Corona-Krise gab es dann plötzlich Use-Cases, die aufhorchen ließen: Persönliche Schutzausrüstung wurde nun häufiger mit 3D-Druckern produziert - schnell, vor Ort, individuell und zu günstigen Kosten.

Christina Perla, Mitbegründerin und CEO von Makelab, einem Dienstleistungsunternehmen für 3D-Druck, glaubt nun an eine Wiederbelebung des Marktes: "Aufgrund der Krise haben sich Menschen mit dem 3D-Druck beschäftigt, die zuvor keine Berührungspunkte hatten. Ich hoffe, dass diese Erfahrungen Ingenieure in verschiedenen Industriezweigen dazu anregen, einzusteigen." Es sei eine wertvolle Technologie, die es verdient habe, über den Kreis der Nerds und Maker hinaus Verbreitung zu finden - nicht nur für die Prototyperstellung, auch für die Fertigung generell.

Laut Perla gab es in den vergangenen Monaten ein "exponenzielles Wachstum" für die Technik. Viele Anbieter hätten ihren Geschäftsschwerpunkt verlagert, um Engpässe bei Gesichtsschutz, Sicherheitsausrüstungen und medizinischem Equipment auszugleichen. HP, der größte Hersteller von 3D-Druckern, berichtet, seit März gemeinsam mit den Partnern über 2,3 Millionen 3D-gedruckte Teile produziert zu haben, um die Bekämpfung von Covid-19 zu unterstützen. Gemeinsam mit Partnern aus anderen Industrien wurden nicht nur Schutzausrüstung, sondern auch Freihand-Türöffner, Teile von Beatmungsgeräten und vieles mehr hergestellt.

Dass die 3D-Fertigung nun vor dem großen Durchbruch steht, scheint trotz dieser Erfolge aber alles andere als sicher. Sarah Boisvert, Expertin für digitale Fertigung und Autorin von "The New Collar Workforce" urteilt, der 3D-Druck werde auf absehbare Zeit nicht mit anderen "hochvolumigen" Produktionsmethoden mithalten können. Dafür sei er zu langsam und zu teuer. Doch die Corona-Krise zeige, dass es Anwendungsfälle gebe, in denen sich der Einsatz auszahle - vor allem bei bestimmten Ad-hoc-Anforderungen auf lokaler Ebene.

Auch könne sich das Bild in Zukunft grundsätzlich ändern, wenn eine neue Generation von High-End-Druckern Verbreitung finde. Bosivert prophezeit: "Es werden 3D-Produktionsdrucker wie die von NEXA3D oder HP sein, die in der Lage sein werden, auf hohem Niveau kosteneffizient zu produzieren."

E-Signatur - der Prozessbeschleuniger

Das "papierlose Büro" geistert schon seit mehr als 30 Jahren als Utopie durch den ITK-Markt. Mit der Verlagerung der Arbeit von den Bürogebäuden in die privaten Häuser und Wohnungen könnte das Thema nun tatsächlich den entscheidenden Kick erhalten. Craig Peasley, Marketing-Direktor bei Adobe, stellt fest: "Manuelle Workflows sind für Unternehmen und Organisationen mit vielen Mitarbeitern im Homeoffice eine echte Herausforderung.

Das macht sich vor allem bemerkbar, wenn es gilt Verträge, Budgetpläne, Genehmigungen oder Ähnliches zu unterzeichnen. Hier sind in der Regel Papierformulare und Ausdrucke im Umlauf. Peasly sieht in der Corona-Krise einen Durchbruch für digitale Lösungen, allen voran E-Signaturen, von denen neben Adobe vor allem Docusign profitiert (siehe auch: Docusign-CEO Dan Springer im CW-Interview).

Peasly nennt das Beispiel des US-Bundesstaats Utah, der binnen 30 Tagen elektronische Signaturen für über 2.500 Nutzer einführte. Dank dessen konnten in dieser Zeit über 5.000 signierte Dokumente weitergeleitet werden, wobei jede Transaktion im Durchschnitt nur wenige Minuten in Anspruch nahm.

Rob Garcia, Chief Strategy Officer beim Hypothekenunternehmen SnapFi, bilanziert: "Seit Beginn der Pandemie haben sich die online beantragten Kredite verdoppelt, die Hypothekenberatung am Telefon oder über Zoom hat sich fast verdreifacht." Seit 2017 betreibe SnapFi eine digitale Plattform für die digitale Verarbeitung von Hypothekenanträgen. Mit der Bereitstellung einer E-Signatur-Funktionalität könnten Kunden dort Dokumente bearbeiten, prüfen und unterzeichnen. Inzwischen nutzten 93 Prozent der Kunden diese Plattform, 2017 sei es nur ein Drittel gewesen.

Auch die notarielle Beglaubigung und Beurkundung erfolge inzwischen über einen entsprechenden Online-Service digital. Seitdem die notarielle Abwicklung binnen 24 Stunden möglich sei, sei der Bann gebrochen. Vor allem Hausbesitzer und Investoren aus Hochrisikogruppen, die Immobilien außerhalb ihres Wohnortes besitzen, nutzen den Service, um Gefährdungen durch das Virus zu minimieren. "Sie schließen ihre Transaktionen vollständig online ab", beobachtet Garcia. Das werde in Zukunft auch so bleiben.

In vielen Anwaltskanzleien verschwinden derzeit ebenfalls die Papierdokumente. Der auf Legaltech spezialisierte Anbieter Vaultie, ein führendes Unternehmen im Bereich E-Notariat und digitale Identität, bietet "ein Tool für digitale Signaturen, das speziell auf Rechtsanwälte und Notare zugeschnitten ist". Mitgründer und COO Meyer Mechanic bilanziert eine erhebliche Geschäftsbelebung in den vergangenen zwei Monaten: "Tendenziell wenig innovationsfreundliche Rechtsanwälte und auch Regulierungsbehörden mussten innerhalb von zehn Tagen die Innovationen vorwegnehmen, für die sie sonst zehn Jahre brauchen würden - nur um ihre Geschäfte fortführen zu können.

Das passiere auch deshalb, weil in den USA etliche Bundesstaaten Notstandsverordnungen erlassen haben, die den Einsatz von E-Notaren legalisieren. Mechanic kann es nur recht sein: "Die Zahl unserer Nutzer, also Rechtsanwälte und Notare, ist seit Beginn der Pandemie um das 20-fache gestiegen. Die Menge der Transaktionen ist um etwa ebenso viel gewachsen".

Auch in Deutschland können Notare beispielsweise Belaubigungen oder andere einfache Zeugnisse elektronisch ausstellen. In der Praxis wird davon aber nur im Handelsregisterverkehr Gebrauch gemacht. Es gelten besondere Sicherheitsanforderungen, darunter die Signaturkarte (FAQ) eines qualifizierten Vertrauensdiensteanbieters wie der Bundesnotarkammer. Die Signaturkarte ersetzt dann die Notarunterschrift und auch das Amtssiegel. (hv/fm)