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Das Personalkarussell der IT-Branche rotiert

26.07.2000
Amazon.com, Doubleclick, IBM, Marimba, Telefónica ...

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Es kommt einer groß angelegten Wachablösung gleich, was sich derzeit in den Führungsetagen hochkarätiger High-Tech-Unternehmen tut: Joseph Galli von Amazon.com geht zu einem Internet-Startup, Doubleclick verliert seinen Chief Executive Officer (CEO) Kevin O´Connor, Marimbas schillernde Chefin Kim Polese macht Platz für John Olsen und Juan Villalonga will angeblich heute seinen Rücktritt als Chairman des spanischen TK-Konzerns Telefónica bekannt geben. Auch bei IBM, Open Market und OpenTV kommt es zu einem Stühlerücken.

Joseph Galli verlässt Silicon Valley

Joseph Galli tauscht seinen Posten als President und Chief Operating Officer (COO) bei Amazon.com gegen die Chefposition beim B2B-Experten Verticalnet ein, der über 50 branchenspezifische Online-Marktplätze betreibt. Der 42-Jährige konnte eigenen Angaben zufolge der Versuchung nicht widerstehen, Chief Executive Officer (CEO) einer Internet-Company zu werden. Zudem wollte der Manager wieder in die Nähe seiner Kinder ziehen, die an der Ostküste leben - Verticalnet ist in Horsham, Pennsylvania, ansässig. Galli ersetzt bei dem Startup, das erst vor kurzem eine 100 Millionen Dollar schwere Investition von Microsoft erhalten hat (CW Infonet berichtete), Mark Walsh, der dem Unternehmen jedoch als Chairman erhalten bleibt.

Galli nimmt nach 13 turbulenten Monaten seinen Hut als Nummer zwei hinter Amazon.com-Frontmann Jeffrey Bezos. Er soll sich in der lockeren, familiären Unternehmensstruktur des Online-Händlers in Seattle, Washington, nicht wohl gefühlt haben. Eingeweihte Kreise berichten von Zusammenstößen des eher als Hardliner bekannten Galli und den Angestellten. Besonders unbeliebt soll er sich durch interne Kosteneinsparungsmaßnahmen gemacht haben. Andere Stimmen vermuten, Galli sei mit der zweithöchsten Position im Unternehmen unzufrieden gewesen.

Galli hatte bereits vor seinem Antritt als COO und President bei Amazon.com in der Öffentlichkeit Aufsehen erregt. Dem ehemaligen Top-Manager von Black & Decker wurde Mitte vergangenen Jahres neben dem Posten bei Amazon.com auch eine Führungsposition beim Getränkekonzern Pepsico angeboten. Galli konnte sich lange nicht zwischen den Jobofferten entscheiden, lehnte aber dann in letzter Minute die Stelle bei Pepsico ab.

Der Rücktritt von Galli fällt für Amazon.com mit einer schwierigen Zeit zusammen. Analysten bemängeln die anhaltenden Verluste, die hohe Schuldenlast und die angebliche schwindenden Cash-Reserven. Angesichts der derzeit prekären Situation vieler Dotcoms verlieren auch die Investoren allmählich ihre Geduld. Nachdem eine Nachrichtenagentur den Ausstieg von Galli gemeldet hatte, sank der Kurs von Amazon.com für kurze Zeit um über zehn Prozent. Später stabilisierte sich der Wert der Aktie wieder: Das Papier schloss bei 37,6 Dollar und damit um 2,9 Prozent unter dem Wert des Vortages.

Kim Polese macht Platz für einen alten Hasen

"Ein guter CEO weiß, wann er an seine Grenzen stößt," erklärte Kim Polese, als sie gestern ihren Posten als Chefin des auf Softwaredistribution via Internet spezialisierten US-Anbieters Marimba niederlegte. In einer für das Silicon Valley ungewöhnlich offenen Stellungnahme sagte die 38-Jährige, ihr fehle die Management-Fähigkeit, das Unternehmen in die nächste Wachstumsphase zu führen. Sie interessiere sich viel mehr für Produkte, Partnerschaften und Vertrieb. Daher mache sie dem erfahreneren Manager John Olsen Platz: Der 49-Jährige war zuletzt als President der Einheit Design Realization bei Cadence Design Systems tätig. Er soll nun das mit einer Marktkapitalisierung von 514 Millionen Dollar eher kleine Marimba in ein Branchenschwergewicht verwandeln. Polese wird dem Unternehmen jedoch in der neu geschaffenen Position des Chairman und der noch etwas vage definierten Rolle des Chief Strategic Officer erhalten bleiben.

Die aufgrund ihres jungen Alters und Aussehens bei den Medien beliebte Managerin und Ingenieurin hatte sich zunächst als Top-Frau bei Sun Microsystems mit der Einführung der Programmiersprache Java einen Namen gemacht. 1996 gründete Polese Marimba, damals Pionier im Bereich Push-Technologie. Nach zunehmender Konkurrenz auf diesem Gebiet stellte sie das Unternehmen auf Softwaredistribution via Internet um. Polese brachte die Firma vor 15 Monaten nicht nur erfolgreich an die Börse, sondern führte Marimba zudem aus den roten Zahlen.

Zusammen mit ihrem Rückttritt als CEO verkündete Polese gestern die erstmals schwarzen Zahlen des Unternehmens. Im abgelaufenen zweiten Quartal meldete Marimba einen Nettogewinn von 1,3 Millionen Dollar oder fünf Cent je Aktie. Ein Jahr zuvor verzeichnete die Firma noch eine Verlust von 1,5 Millionen Dollar oder acht Cent pro Anteilschein. Der Umsatz stieg um 75 Prozent auf 12,1 Millionen Dollar.

Rücktritt von Juan Villalonga erwartet

Angeblich will Juan Villalonga, der umstrittene Präsident und Vorstandschef des spanischen TK-Konzerns Telefónica, bei der heutigen Vorstandssitzung seinen Rücktritt erklären. Zeitungsberichten zufolge soll Cesar Alierta, Chairman der Tabakgruppe Altadis, seine Position übernehmen. Villalonga war zunehmend wegen seines autoritären Führungsstils kritisiert worden. Der 47-Jährige soll die spanische Regierung sowie die Hauptinvestoren von Telefónica zu wenig über wichtige Deals informiert haben. Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet Villalonga erstmals, als er den umstrittenen früheren EU-Kommissar Martin Bangemann als Berater engagieren wollte. Nachdem der Aufsichtsrat des Unternehmens unlängst die von Villalonga vorgeschlagene Fusion mit dem niederländischen TK-Anbieter KPN abgelehnt hatte, verschlechterte sich die Stimmung im Konzern weiterhin. Zuletzt produzierte der Top-Manager wegen angeblichen Insiderhandels Schlagzeilen. Villalonga hat derartige Vorwürfe entschieden zurückgewiesen.

Der spanische Manager soll Berichten zufolge zunächst die Möglichkeit erhalten, sein Amt als Chairman der Telefónica-Tochter Terra Networks beizubehalten, bis deren geplante Fusion mit Lycos über die Bühne gegangen ist. Sollte Villalonga, der den Deal eingefädelt hat, frühzeitig ausscheiden, könnte der Merger abgeblasen werden, befürchten Marktbeobachter. Ob Villalonga aber noch im Telefónica-Konzern bleiben will, ist unklar. Angeblich sollen bereits mehrere andere Jobofferten bei ihm eingegangen sein.

Villalonga hat in seiner vierjährigen Amtszeit die spanische Teleco von einem Monopolisten in Staatsbesitz zu einem europäischen Power-Haus umgewandelt. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens stieg in dieser Zeit um knapp das Fünffache. Unter seiner Führung baute der Carrier die Präsenz im lateinamerikanischen Markt deutlich aus.

Kurznotizen zu Doubleclick, IBM, Open Market, Open TV und Red Hat

Online-Werbefirma Doubleclick hat ihren President und COO Kevin Ryan zum neuen CEO ernannt. Er ersetzt in dieser Position Kevin O´Connor, der dem Unternehmen jedoch als Chairman erhalten bleibt. Während Ryan für das tägliche Geschäft zuständig ist, soll sich O´Connor künftig um die Marktentwicklung und Langzeitstrategien kümmern.

Die Neuordnung im Top-Management bei der IBM geht weiter, nachdem Samuel Palmisano bereits vor ein paar Tagen zum President und COO und John Thompson zum Vice-Chairman berufen worden waren. Wie nun bekannt wurde, hat Dave Thomas überraschend seinen Hut genommen. Eine Begründung für das Ausscheiden des Top-Manns, der die kränkelnde PC-Einheit von IBM sanieren sollte, wurde nicht genannt. Sein Nachfolger wird nun Vice President Robert Moffat. Big Blue gab zudem weitere Personaländerungen bekannt: Bill Zeitler wird Chef der Servergruppe, Linda Stanford soll künftig die Storage-Abteilung leiten, Steve Mills ersetzt in der Position als Senior Vice President den aufgestiegenen Thompson und verantwortet das gesamte Software-Business. John Kelly erhält den Titel des Senior Vice President der Technology Group.

Der auf E-Commerce-Software spezialisierte Anbieter Open Market gab den Rücktritt seines President und CEOs Ronald Matros bekannt. Der 46-Jährige nahm seinen Hut unmittelbar nach der Verkündigung seines enttäuschenden Geschäftsergebnisses für das zweite Quartal. Damit scheidet Matros nach nur sechs Monaten im Amt bei Open Market aus. Interims-Chef wird nun das bisherige Vorstandsmitglied Harland La Vigne.

OpenTV, US-Hersteller von Software für interaktives Fernsehen, hat den Chef seines größten Kunden abgeworben. James Ackerman wird zum 1. September seinen Posten als CEO bei British Interactive Broadcasting an den Nagel hängen und als President zu OpenTV wechseln. In dieser Position löst er Jan Steenkamp ab, der seine Stelle als CEO jedoch behalten wird.