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Als die Dotcom-Seifenblase platzte

18.07.2000
Internet-Firmen kämpfen um ihr Renommee

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Spätestens seit März dieses Jahres ist die Feierlaune der Internet-Szene in Katerstimmung umgeschlagen. Aktienkurse purzelten, Firmenchefs nahmen ihren Hut, Mitarbeiter wurden entlassen, Dotcoms schlossen ihre Pforten. Auf so genannten "Todeslisten" werden die Namen der Startups verzeichnet, die demnächst von der Bildfläche verschwinden werden. Initiiert wurden diese Listen vom "Platow Brief" und von "Capital". Die Berater von Pricewaterhouse Coopers hatten den Stein mit einer Untersuchung über die Überlebensfähigkeit der am neuen Markt gehandelten Internet-Companies ins Rollen gebracht.

Unternehmen, denen laut Listen die Zahlungsunfähigkeit droht, sind unter anderem Musicmusicmusic, Artnet, Ebookers, Ricardo, QXL, buch.de oder Fortunecity.com genannt. Dabei ging alles so vielversprechend los: Das Beispiel von Internet-Highflyern vor Augen, stürzten sich Gründer, Mitarbeiter und Investoren bis vor kurzem scharenweise in neue Web-Projekte - ungeachtet der Risiken oder gerade deswegen. Je risikoreicher das Unternehmen, desto mehr brüsteten sich die Teilnehmer mit ihrem Wagemut.

Venture Capital gab es in Massen, Aktienoptionen köderten Mitarbeiter, die glanzvollen IPOs (Initial Public Offerings) vieler Internet-Firmen heizten das Klima weiter an. Startups traten mit einer Wir-können-alles-Einstellung an, stampften innerhalb kürzester Zeit mehrere Niederlassungen aus dem Boden, investierten munter in teuere Marketing- und Werbe-Aktionen. Selbst die abstrusesten Firmengründungsideen wurden mit Millionen von Dollar finanziert, wie beispielsweise Alladvantage.com. Diese US-Firma trat mit dem Konzept an, Mitglieder ihrer Website für das Surfen im Internet zu bezahlen, besaß jedoch keinen plausiblen Business-Plan. Alladvantage.com konnte mit seiner unausgegorenen Idee 135 Millionen Dollar Startkapital akquirieren. (Inzwischen gab die Company bekannt, zwischen Dezember 1999 und März 2000 fast 33 Millionen Dollar an seine Mitglieder ausgezahlt zu haben - bei Einnahmen von lediglich 9,1 Millionen Dollar). Auch die noch in den Kinderschuhen steckenden Online-Shopping-Projekte erhielten in diesen Tagen Venture Capital in Höhe von mehreren Millionen. Alle noch so vorsichtig geäußerten Warnungen wurden als feige abgetan. Die Internet-Blase wuchs und wuchs, immer mehr Startups wurden gegründet, weitere Börsengänge hatten Erfolg, die Medien feierten die jungen Entrepreneure, und jeder wollte ein Stück vom New-Economy-Boom abhaben.

Bis im März der Hype ein jähes Ende fand: Aktienkurse brechen ein, viele Unternehmen sagen ihren geplanten Börsengang ab. Von März bis Mai verliert der Nasdaq Composite Index etwa 37 Prozent. Im Mai sendet der einst hoch gelobte Online-Kleiderhandel Boo.com mit seiner Konkursanmeldung Schockwellen durch die Internet-Community. Viele Unternehmen müssen Farbe bekennen, darunter Gooey-Hersteller Hypernix, der finanzielle Probleme meldet, und Disneys Spiele-Website Toysmart, die im Mai geschlossen wird.

Gewinn- und Umsatzwarnungen vieler anderer Unternehmen bleiben nicht aus. Jüngste Schwierigkeiten meldet nun die Online-Apotheke Drkoop.com. Die US-Company warnte in einem Schreiben an die US-Börsenaufsicht vor einem höher als erwartet ausgefallenen Verlust im zweiten Quartal. Das Minus soll statt der von Analysten geschätzten 30 Cent je Aktie 1,15 bis 1,18 Dollar betragen. Aufgrund dieser Hiobsbotschaft nahmen COO (Chief Opertaing Officer) Dennis Upah und Finanzchefin Susan Georgen-Saad ihren Hut bei Drkoop.

Auch in Deutschland müssen sich die Internet-Companies warm anziehen. Die geistigen Urheber der Todesliste von Pricewaterhouse Coopers prognostizieren: "Jedes siebte am Neuen Markt notierte Internet-Unternehmen wird innerhalb der kommenden 24 Monate mit Liquiditätsproblemen zu kämpfen haben." Die Auguren untersuchten dabei 56 an der Frankfurter Technologiebörse notierter Unternehmen. Inzwischen sind diese Analysen jedoch in Kritik geraten. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zitiert zwei Analysten der GZ-Bank, die den kritisierten Firmen eine bessere Liquiditätssituation bescheinigt als die Todeslisten. Sie beanstandeten vor allem auch die Berechnungen dieser Listen, die "nicht gerade sorgfältig durchgeführt" worden seien und "methodische Mängel" aufwiesen.

Inzwischen bemühen sich die betroffenen Firmen, ihre finanzielle Lage öffentlich klarzustellen und Anleger zu besänftigen. So gab das Online-Reisebüro Ebookers.com bei der Veröffentlichung seiner Halbjahreszahlen auch bekannt, man habe zusätzliches Kapital sichergestellt. Zudem soll spätestens im ersten Quartal 2002 ein positiver Cash-Flow erzielt werden; ursprünglich hatte das Unternehmen dieses Ziel für 2003 anberaumt. Der Vorstandschef des in die Negativschlagzeilen geratenen Online-Musikanbieters Musicmusicmusic, Wolfgang Spegg, erklärte auf der gestrigen Hauptversammlung in München, sein Unternehmen besitze derzeit eine Liquidität von 7,5 Millionen Dollar. Monatlich verbrauche die Firma zwischen 450 000 und 500 000 Dollar. Ohne Umsatzeinnahmen würde das Kapital damit noch 15 Monate ausreichen. Die Aktie von Musicmusicmusic war nach der Veröffentlichung der Todesliste des "Platow Briefs" um 50 Prozent auf ein Jahrestief von 2,15 Euro eingebrochen.

Andere Dotcoms versuchen, ihre Kosten durch Entlassungen zu senken. Allein in den USA wurden zwischen Dezember 1999 und Juni 2000 über 5000 Stellen bei Internet-Unternehmen gestrichen. Unlängst erklärte die deutsche Online-Drogerie Vitago.com, seit März 22 Mitarbeiter freigestellt zu haben (CW Infonet berichtete).

In Anbetracht der augenblicklichen Situation ist es kaum verwunderlich, dass die Anleger mit äußerster Skepsis in die Zukunft blicken. Eine Umfrage des Online-Wirtschaftsdienstes Boerse.de ergab, dass von 15 000 befragten Investoren 86,6 Prozent in den nächsten zwölf Monaten mit Konkursen am Neuen Markt rechnen. Nur 2098 Börsianer haben sich ihren Optimismus bewahrt.