Communities

Macht das Web 2.0 die User Groups überflüssig?

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Internet-Communities können einen weit effizienteren Informations- und Meinungsaustausch ermöglichen als Anwendergruppen. Wirklich? Um das herauszufinden, lud die COMPUTERWOCHE prominente Mitglieder der wichtigsten User Groups zum Roundtable ein.

User Groups muten an wie ein Relikt aus der Vor-Internet-Ära. Hier treffen sich Menschen noch persönlich zu Jahrestagungen und Work-Group-Konferenzen, zwischendurch rufen sie sich an oder schicken E-Mails, die angesichts von Social Networks und Blogs beinahe schon Uralt-Technik darstellen. Zudem bilden die Anwendervereinigungen mit ihren straffen Organisationen quasi einen Gegenentwurf zu den lockeren Web-Communities, wo der herrschaftsfreie Dialog gepflegt wird - zumindest theoretisch.

"Wozu eine User Group, wenn ich die Lösungen für meine Probleme auch im Internet finde?" - Mit dieser Frage wird auch Jürgen Zirke, Vorstand der Deutschen Notes User Group e.V. (DNUG), häufig konfrontiert. Die Antwort geht dem hauptberuflichen Vorstandsmitglied des Software- und Serviceanbieters Pavone mittlerweile geschmeidig von den Lippen: "Wenn ich genug Zeit mitbringe, finde ich diese Lösungen vielleicht. Aber das ist nicht effektiv."

Von links: DSAG-Geschäftsführer Mario Günter, Danone-CIO Michael Kollig, DOAG-Vorsitzender Fried Saacke und Michael Weiß von der GSE.
Von links: DSAG-Geschäftsführer Mario Günter, Danone-CIO Michael Kollig, DOAG-Vorsitzender Fried Saacke und Michael Weiß von der GSE.
Foto: Joachim Wendler

Böswillige werden Zirke jetzt Eigeninteresse unterstellen. Aber er bekommt überraschende Schützenhilfe von neutraler Seite. Harald Berger, CIO der Freudenberg Haushaltsprodukte KG, Mannheim, ist eigenen Angaben zufolge "noch in fünf bis sechs anderen Communities vernetzt". Doch die User Group - konkret: die Deutsche SAP Anwendergruppe (DSAG) - sei "eindeutig der Schwerpunkt" seiner Networking-Aktivitäten. "In technischer Hinsicht finde ich allein über Google heute wahnsinnig viel", räumt er ein, "aber als CIO sehe ich meine Aufgaben mehr im Bereich Geschäftsprozesse und Organisation, und was will ich da mit Web 2.0?" Über das Web könne er höchstens einen Kontakt herstellen: "Aber am Ende kommt es auf das persönliche Gespräch an."

"Selbst für Internet-geeignete, also technische Fragen ist es gut, wenn man eine moderierte Plattform hat", pflichtet ihm Michael Kollig bei. Der IS-Direktor für Ost-, Zentral- und Nordeuropa beim Lebensmittelproduzenten Danone Group (siehe auch: "CRM-Anwender wollen mehr Performance") registriert auch die Schwächen der Informationsbeschaffung im Web: "Gebe ich in Google einen technischen Begriff ein, bekomme ich 100 Millionen Hits und arbeite mich anschließend durch 500 000, die absolut nicht relevant sind."

Schriftlich ist weniger vertraulich

Die Themen User Group und Web-Community sind aus Kolligs Sicht komplementär zu betrachten: "Sie können nicht jeden Themenbereich im Web 2.0 abhandeln." Gehe es um technisch orientierte Fragen, so seien Internet-Communities, Blogs etc. "sicher eine gute Plattform", und die User Groups sollten sich überlegen, derartige Angebote in ihr Portfolio aufzunehmen. "Aber wo es sich um Management-Fragen dreht, ist das keine Alternative für den persönlichen Austausch", konstatiert der Danone-Manager. "Wenn man abends zusammensitzt, kann man auch mal vertraulich über Dinge sprechen, die öffentlich kein Thema wären."

Ähnlich argumentiert Michael Weiß, Region Manager der IBM-Anwendervereinigung Guide Share Europe (GSE): "Persönliche Kontakte sind zehnmal mehr wert als jeder digitale Austausch", so seine Überzeugung: "Sie dürfen die Bedeutung der Vertrauensbasis nicht vergessen. Auf einer User Group-Veranstaltung trinkt man auch mal zusammen einen Kaffee oder ein Bier. Da reden die Kollegen sicher offener miteinander, als sie es schriftlich im Internet tun würden."

Wie Zirke beteuert, haben die deutschen Notes-User schon vor zwei Jahren im Rahmen ihres Projekts "DNUG 2010" definiert, wie sie mit der Koexistenz von Web 2.0 und persönlichem Erfahrungsaustausch umgehen wollen: "Wir haben eine Web-2.0-Plattform aufgebaut, die die IBM mittlerweile als Kommunikationsmedium zu den deutschen Anwendern nutzt", berichtet er stolz. "Aber auch eine aktive Community wird niemals die persönlichen Kontakte ersetzen."

Diese Ansicht vertritt auch Mario Günter, Geschäftsführer der SAP-Anwendergruppe DSAG e.V. Der unmittelbare Vorteil der User- Group-Mitgliedschaft liege in der Netzwerk-Bildung und im täglichen Erfahrungsaustausch über die mehr als 150 Arbeitsgremien der DSAG: "Das Internet kann nur ein Teil des Angebots sein."