Lizenz-Management in der Cloud

Wie Cloud-Anwender der Lizenzfalle entgehen

Harald Lutz lebt und arbeitet als Fachjournalist und Technikredakteur sowie in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in Frankfurt am Main. Spezialgebiete: Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), Logistik, Informationslogistik, Wissenschaft und Forschung.
Lizenzverstöße können teuer werden - auch in der angeblich so preisgünstigen Cloud. Wer seine Software-Landschaft trotz Komplexität im Griff behalten will, sollte sich an Standards orientieren und auch die "alte" IT-Welt im Blick haben.

Klassisch serverbasierte On-Premise-Software, Software-Virtualisierung, Infrastruktur-, Plattform- und Software as a Service im lupenreinen, rein nutzungsbasierten Cloudbetriebsmodell oder doch besser in einer hybriden Infrastruktur mit dem Besten aus beiden Welten? Die komplexen Welten des zeitgenössischen industriellen Computings finden ihren Niederschlag auch in vielfältigen, meist herstellerspezifischen Lizenzierungsmodellen. Die Gefahr ist groß, sich im Tarifdschungel der Volumen-, Leistungs- oder Nutzungsabrechnungsmodelle zu verlieren. Lizenzverstöße können teuer werden. CIOs sind daher gut beraten, sich über ein ausgefeiltes Lizenzmanagement auf dem aktuellen Stand zu halten.

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"Die erste große Herausforderung für das klassische Soft-ware-Lizenzmanagement kam mit dem Thema Virtualisierung auf", analysiert Christian Tueffers, Cloud Computing-Koordinator bei Accenture für Deutschland, Österreich und die Schweiz (DACH). Bereits auf der Ebene der On-Premise-Software hat man sich hierbei von der zugrundeliegenden IT-Infrastruktur gelöst. Die meisten Software-Lizenzen, die im Einsatz sind, richten sich nach der Nutzerzahl oder der Anzahl und Leistung der Prozessoren. Tueffers: "In einer virtuellen Infrastruktur dagegen ist es sehr schwierig, exakt zu bestimmen, wie viel Kapazität wirklich genutzt wird und ob das tatsächlich dem entspricht, was lizenziert worden ist oder nicht."

Christian Tueffers versucht, im Lizenzdschungel der Cloud den Durchblick zu wahren.
Christian Tueffers versucht, im Lizenzdschungel der Cloud den Durchblick zu wahren.
Foto: Accenture

Virtuelle CPUs werden in der Praxis des Lizenzmanagements heute weitgehend der physischen Prozessorleistung gleichgesetzt: "Die Hersteller gegen davon aus, dass anstelle der Maximalnutzung der virtuellen Instanzen auch die maximale physikalische Infrastruktur genutzt werden könnte", so Tueffers. Der Cloud- und Lizenzexperte würde sich von den Herstellern allerdings mehr Flexibilität wünschen: Völlig ohne die Cloud bestünde für viele Unternehmen somit bereits Gefahr, sich in einem komplexen Lizenzierungsdschungel zu verlieren und im schlimmsten Falle saftige Vertragsstrafen berappen zu müssen.

Einer der möglichen Auswege sei es, sich über den Aufbau eines Lizenzmanagements – mit oder ohne Tool – über die im Unternehmen installierte oder genutzte Software auf dem Laufenden zu halten. Tueffers: "Erschwerend kommt noch hinzu, dass einige Anbieter in ihren Lizenzverträgen die Nutzung einer virtuellen Infrastruktur ausgeschlossen haben, obwohl diese technisch möglich wäre."

Neue Lizenzmodelle für die Cloud

Einige Komplexitätsgrade obendrauf birgt der Weg in die Cloud. Zwei Fälle sind zu unterscheiden: zum einen Software as a Service (SaaS), wobei ein Provider einen kompletten Service anbietet. Tueffers: „Die Applikation ist sozusagen fertig und steht den Nutzern komplett als Service zur Verfügung.“ Das Lizenzmodell zwischen Nutzer, Anwenderfirma und Provider ist mit cloudspezifischen Bedingungen wie beispielsweise einem Abrechnungsmodell nach tatsächlicher Nutzung, klar und eindeutig geregelt.

Bei den dem Cloudbetriebsmodell ebenfalls zugrundeliegenden Varianten Infrastructure as a Service (IaaS) und Platform as a Service (PaaS) ist das schon deutlich komplexer. "Bei Infrastructure as a Service wird beispielsweise nur Rechenkapazität zur Verfügung gestellt: Server mit einem entsprechenden Leistungsspektrum", so Tueffers. Offene Fragen bleiben: Wie gehen Anwender mit den Betriebssystemlizenzen um? Kann beispielsweise der Windows-Server mit dem momentanen Lizenzmodell darauf installiert werden? Die Spitze des Eisbergs: Platform as a Service. Neben dem Betriebssystem verfügt man auf dieser unterlagerten Cloudebene eventuell noch über ein eigenes Datenbanksystem und mehrere Applikationsserver – selbstverständlich mit jeweils unterschiedlichen Lizenzierungsmodellen.

Jedes Produkt mit eigenem Bepreisungsmodell

Manche Cloud-Provider bieten an, bereits vorhandene On-Premise-Lizenzen weiterzunutzen. Bei anderen Anbietern wiederum herrschen entsprechend eigene Lizenzbestimmungen, die das Cloudbetriebsmodell entsprechend einpreisen. Oftmals sind die Lizenzbestimmungen sogar innerhalb eines Providers – wie beispielsweise bei Microsoft und SAP – von Produkt zu Produkt unterschiedlich geregelt. "Im Hause SAP hat jedes Produkt ein eigenes Bepreisungsmodell", bestätigt Bert Schulze, VP Co-Innovation für die Cloud Suite der SAP. Gängige Metriken sind die Anzahl der Nutzer, der Mitarbeiter oder der Kundendatensätze. Auch die ausgeführten Transaktionen oder die Prozessorleistung können für die Lizenzierung herangezogen werden. Schulze: "Beim Cloud Computing kommt der Mietkauf noch hinzu."

Bert Schulze weist auf die unterschiedlichen Lizenzierungsmodelle der Cloud-Provider hin.
Bert Schulze weist auf die unterschiedlichen Lizenzierungsmodelle der Cloud-Provider hin.
Foto: John Ord / SAP AG

Ähnlich sieht es bei Microsoft aus, das diverse Lizenzmodelle für die Cloud anbietet - wenn auch nicht in der gleichen Vielfalt wie bei seinen klassischen Produkten. "Es kommt immer darauf an, wie und für welche Zwecke der Service genutzt wird", sagt Claudia Fischer, als Volume Licensing Lead verantwortlich für die Lizenzmodelle bei Microsoft Deutschland. Bei der Cloudplattform Azure beispielsweise wird der tatsächlich genutzte Service abonniert. Klassische Lizenzmodelle mit Server- und Zugriffslizenzierung gehören dort faktisch der Historie an. Fischer: "Die Online-Services für E-Mail, Instant Messaging und weiterer Office-365-Lösungen dagegen orientieren sich mit einer Lizenzierung pro Nutzer noch eher an den klassischen Lizenz-Metriken."

Claudia Fischer erklärt, dass die klassischen Microsoft-Lizenzmodelle mit Server- und Zugriffslizenzierung Auslaufmodelle sind.
Claudia Fischer erklärt, dass die klassischen Microsoft-Lizenzmodelle mit Server- und Zugriffslizenzierung Auslaufmodelle sind.
Foto: Microsoft Deutschland GmbH

Auf ihrem Weg in die Cloud sind die Anwender auf jeden Fall gut beraten, sich für jede einzelne Komponente exakt anzuschauen, ob das derzeitige Lizenzmodell auch den Einsatz in der Cloud erlaubt oder nicht. Tueffers: "Allen gängigen Varianten ist gemeinsam: Mit den ganzen Problematiken muss sich der Nutzer selbst auseinandersetzen – in der Pflicht, alles richtig zu machen, steht stets das einsetzende Unternehmen." Cloud Computing ist im Unterschied zu SaaS, On-Demand etc. nach wie vor ein sehr weit gefasster Begriff. In rechtlicher Hinsicht sei es unabdingbar, seinen Vertrag entsprechend schnell terminieren zu können – und zwar in beide Richtungen. Tueffers: "Das gehört – genauso wie Transparenz in der Verbrauchsnutzung und auch in der Abrechnung – einfach dazu." Auch hiefür gibt es verschiedene Abrechnungsmodelle. In der Praxis ganz weit vorne liegen die Gigahertz-Kapazität der CPUs pro Stunde oder im SaaS-Umfeld die Anzahl der Nutzer respektive Log-ins pro Monat.

Fehlender Standard

Cloud Computing oder On-Premise-Software? Immer mehr Anwender lösen diese Gretchenfrage mittlerweile mit einem klaren "sowohl als auch". Führende Hersteller wie Microsoft, SAP und IBM geben daher mittel- und langfristig dem Hybrid-Modell die besten Chancen, sich am Markt zu behaupten. Aus dem Blickwinkel des Lizenzmanagements ist dabei vor allem zu beachten, ob bereits existierende Lizenzen auch in der Cloud eingesetzt werden dürfen oder nicht. Tueffers: "Idealerweise wünscht man sich einen einheitlichen Standard. Diesen gibt es in der Branche momentan leider nicht." Ein Defizit, das von vielen Anbietern gar nicht oder sehr individuell gelöst wird. Es kann daher leicht die Situation eintreten, dass ein Unternehmen eigentlich genug Lizenzen besitzt, diese aber nicht in der Cloud nutzen darf. Tueffers: "Unser Wunsch wäre es, dass – sowohl On-Premise als auch in der Cloud – ein einheitlicher Rahmen dafür geschaffen wird, wie Software-Lizenzen genutzt werden können."

Im Lizenzbereich sei man mittlerweile so weit, einen einheitlichen Standard aufzusetzen, an den sich alle Beteiligten - sowohl die Vendoren als auch die Anwender - halten können. Tueffers: "In Zusammenarbeit mit den Branchenverbänden könnten einheitliche Standards geschaffen werden, die es den Anwendern erleichtern in die Cloud zu gehen und damit gleichzeitig für Rechtssicherheit sorgen."

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