Interview

Microsoft-Vize Turner setzt voll auf die Cloud-Karte

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Horst Ellermann ist Herausgeber des CIO-Magazins.
Kevin Turner, nach Steve Ballmer der zweite Mann bei Microsoft, glaubt an das Cloud-Modell. Im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE erklärt er: "Wir erfinden Microsoft gerade neu!"

CW: Sie sagen, dass Microsoft Vorreiter beim Cloud Computing sei. Gleichzeitig müssen Sie Ihr klassisches Lizenzgeschäft verteidigen. Ist Cloud eher eine Chance oder ein Risiko für Microsoft?

Turner: Wir erleben derzeit eine Übergangsphase. Es gab mehrere solcher grundlegenden Einschnitte, man denke etwa an das zentrale Mainframe-Modell, das vorherrschte, bis Bill Gates dann das erste PC-Betriebssystem schrieb. Verteilte Server-Umgebungen haben ebenfalls eine neue IT-Ära eingeleitet und natürlich das Internet.

Wir glauben tatsächlich, dass die nächste große Marktveränderung Cloud-Services sind. Unser Unternehmen ist voll darauf ausgerichtet, hier eine führende Rolle zu spielen. Wenn Sie sich unser Produktportfolio ansehen, können Sie feststellen, dass wir eigentlich schon seit 15 Jahren im Cloud-Geschäft sind.

CW: Was war denn Ihr erster Cloud-Service?

"Wenn Sie sich unser Produktportfolio ansehen, können Sie feststellen, dass wir eigentlich schon seit 15 Jahren im Cloud-Geschäft sind."
"Wenn Sie sich unser Produktportfolio ansehen, können Sie feststellen, dass wir eigentlich schon seit 15 Jahren im Cloud-Geschäft sind."

Turner: Wir haben schon seit vielen Jahren unser MSN-Business. Zu den Angeboten für Privatkunden gehören MSN, Windows Live oder unsere 400 Millionen Hotmail-User. Oder denken Sie an Xbox Live - wir zählen rund 20 Millionen Nutzer. Und dann gibt´s ja auch die Windows Live Applications mit rund 500 Millionen Windows-Live-IDs.

CW: Das sind Beispiele, die eher aus dem Bereich B2C stammen. Was macht Microsoft im Bereich B2B?

Turner: Wenn wir uns unsere kommerziellen Cloud-Services ansehen, dann gibt es Office in the Cloud mit entsprechenden Web-Apps. Auch Exchange ist in der Cloud verfügbar, dasselbe gilt für Sharepoint und unsere gesamte Business Producitivity Online Suite (BPOS). Wir haben in den letzten sechs Monaten allein in Deutschland über 500 Kunden gewonnen. Das ist phänomenal! Und natürlich haben wir die Azure-Plattform, also SQL Azure, Windows Azure und die gesamte Entwicklungsplattform in der Cloud. Unternehmen können damit Anwendungen schnell in der Cloud schreiben und bereitstellen.

CW: Das heißt, Sie nehmen Ihre traditionellen Produkte und stellen Sie entweder als Cloud-Angebote bereit oder stricken Zusatzangebote in der Cloud?

Turner: Richtig. Wir erfinden Microsoft gerade neu! Was mir besonders gefällt: Alles, was ich Ihnen erzähle, ist keine Zukunftsvision, es ist entweder schon jetzt oder in den nächsten 90 Tagen am Markt. Wir stecken mitten in dieser umfangreichen Veränderung, und das ist auch der Grund, warum diese CeBIT so wichtig war: Wir haben hier den Vorhang beiseitegezogen und gezeigt, was wir in der Cloud anzubieten haben.

CW: Ist Microsoft nicht in Wirklichkeit massiv unter Druck, diesen Weg zu gehen?

Turner: Hier geht es vor allem um Chancen! Es vollzieht sich eine faszinierende technische Revolution über alle Plattformen hinweg. Wenn Märkte sich so verschieben, muss man an vorderster Front dabei sein, oder man gerät in Rückstand. Wir arbeiten ja nicht erst seit gestern an Cloud Computing, wir sind schon seit einigen Jahren voll involviert. Was Sie heute hier sehen können, sind die Ergebnisse dieser Investitionen.

Das Gute daran ist, wir haben nicht großartig erzählt, wie sich Microsoft in der Cloud positionieren wird. Wir haben entschieden, damit zu warten und erst an den Markt zu gehen, wenn wir wirklich etwas vorweisen können.