Young Professionals

Ein Doktortitel um der Karriere willen?

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Eine Promotion in Informatik beschleunigt selten die Karriere. Doch in einigen Branchen und Anwendungsgebieten kann der Doktortitel Pluspunkte bringen.

Ein Doktorhut ist kleidsam. Immer mehr Informatiker legen sich dieses akademische Accessoire zu - manche aus Begeisterung für das Fach, andere sicher auch aus Kalkül. In den vergangenen Jahren verließen immer mehr Studenten die Hochschulen mit einem Informatikabschluss. Waren es 1993 nur 4159 erfolgreich abgelegte Prüfungen und davon 183 Promotionen, schlossen 2010 mehr als doppelt so viele Kandidaten ihr Studium erfolgreich ab. Auch die Zahl der promovierten Informatiker nahm zu. 2010 waren es 728 Absolventen mit Doktortitel, ein Jahr später sogar 804 Promovierte.

Telekom-CIO Markus Müller begann seine Karriere mit einer Doktorantenstelle an der Uni Passau.
Telekom-CIO Markus Müller begann seine Karriere mit einer Doktorantenstelle an der Uni Passau.
Foto: Privat

Markus Müller wollte nach seinem Informatikdiplom eine wissenschaftliche Karriere einschlagen. Am Lehrstuhl Rechnerarchitektur und Systemprogrammierung der Universität Passau bot sich ihm 1990 die Chance, neben einer Doktorarbeit auch Lehraufgaben zu übernehmen. "Ich hatte damals schon Familie mit Kind, deshalb war neben der Möglichkeit des freien Arbeitens die finanzielle Absicherung über eine volle Assistentenstelle ein richtiger Glücksfall für mich", erinnert sich Müller, der heute als CIO der Deutschen Telekom arbeitet.

Durchhaltevermögen und komplexes Denken

Fünf Jahre widmete sich der Informatiker mit Begeisterung der Lehre und seinem theoretischen Promotionsthema. Trotz Höhen und Tiefen zweifelte Müller nicht an seinem Entschluss. "Eine erfolgreiche Promotion zeigt in erster Linie, dass jemand ein komplexes Thema in strukturierter Form in begrenzter Zeit bearbeiten kann und gleichzeitig einen anerkannten Beitrag zur Erweiterung des wissenschaftlichen Fach-Know-hows leistet", ist Müller überzeugt. Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen, komplexes Denken kommen ihm auch heute in der täglichen Arbeit zugute.

Beide Facetten vereint: Michael Müller-Wünsch arbeitete nach seiner Promotion als CIO, wurde dann Professor und kehrte nach 14 Monaten Hochschularbeit wieder in die Wirtschaft zurück.
Beide Facetten vereint: Michael Müller-Wünsch arbeitete nach seiner Promotion als CIO, wurde dann Professor und kehrte nach 14 Monaten Hochschularbeit wieder in die Wirtschaft zurück.
Foto: Lekkerland

Der studierte Informatiker und Betriebswirt Michael Müller-Wünsch hatte ebenfalls eine wissenschaftliche Karriere im Sinn, als er nach seinem Doppelstudium über künstliche Intelligenz promovierte. "Ich habe damals nicht darüber nachgedacht, ob ich später einmal CIO werden will, sondern ich wollte etwas Neues erforschen und in die Wissenschaft gehen", sagt er. Zwar lockte den promovierten Informatiker Müller-Wünsch anschließend die Wirtschaft, doch eine Hochschulkarriere schrieb der heute 51-Jährige all die Jahre nicht ganz ab. So nahm er eine Professur an der privaten Hochschule FOM in Berlin mit dem Themenschwerpunkt Internationales Management an: "Es war immer ein Traum, an die Hochschule zurückzugehen, und ich habe es ausprobiert." Nach 14 Monaten Hochschularbeit kehrte Müller-Wünsch in die Industrie zurück und übernahm im Januar vergangenen Jahres die CIO-Position bei Lekkerland in Frechen.

Auch Markus Müller beendete seine Universitätskarriere mit dem Doktortitel in der Tasche. Statt an seinem Spezialthema Computersimulation von Mikrochips weiter zu forschen, bewarb er sich bei der Unternehmensberatung McKinsey und stieg dort als Senior-Berater ein. Besonders die für seine weitere Karriere notwendigen Management-Qualifikationen konnte sich Müller dort aneignen. Disziplin, theoretisches und praktisches Wissen brachte der Informatiker dagegen mit. Den Berufseinstieg in einer Unternehmensberatung kann der Telekom-CIO nur empfehlen, denn neben einer guten Bezahlung bot sich Müller "ein Spektrum an Tätigkeiten, das eine gute Vorbereitung auf einen späteren Einsatz im Management ist".

Der Telekom-CIO rät Studenten davon ab, nur wegen des Geldes oder besserer Berufsperspektiven zu promovieren. Für seinen eigenen Karriereweg sei diese Qualifikation weder hinderlich noch besonders nützlich gewesen: "Eine Promotion sollte beginnen, wer begabt ist, Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten hat und noch eine Zeit lang die akademischen Freiheiten nutzen möchte." Er habe sich für die Promotion entschieden, weil ihn das Thema interessierte. "Damals habe ich keine konkreten Karrierepläne damit verbunden", erinnert sich der heutige IT-Manager Müller. Allerdings sollte diese Lebensphase nicht zu lange ausgedehnt werden: "In den Naturwissenschaften sind vier Jahre ein guter Schnitt, wer sechs oder sieben Jahre braucht, muss das gut begründen."

Wenn Gerhard Humbert ein Suchprofil vom Kunden erhält, wird selten explizit nach einem promovierten Informatiker gefragt. "Die Bedeutung des Doktortitels ist für die meisten Unternehmen gering", erklärt der Niederlassungsleiter von HSC Personalmanagement in Wiesbaden, und ergänzt: "Höchstens auf der Vorstands- oder Senior-Management-Ebene wird die Promotion manchmal gerne gesehen, weil man sich Vorteile für die Außendarstellung verspricht."

Humbert selbst begann seine Karriere in der IT-Branche vor mehr als 30 Jahren nach Studium und Promotion in Mathematik als Consultant und Programmierer. Der Titel brachte ihm ein um 500 Mark höheres Einstiegsgehalt. Sein damaliger Arbeitgeber, ein Softwarehaus, schätzte promovierte Absolventen, da sie angeblich schneller produktiv einsetzbar seien. "In manchen Firmen gab es aber auch Vorurteile. Sie sahen promovierte Naturwissenschaftler als wirtschaftsfremde Theoretiker", erinnert sich Humbert.

Michael Müller-Wünsch arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der IT-Branche. Doch er kann sich nicht erinnern, in dieser Zeit jemals explizit einen neuen Mitarbeiter mit Doktortitel gesucht zu haben. "In manchen Industrien und Anwendungsgebieten ist eine Promotion durchaus sinnvoll und karrierefördernd", glaubt der Lekkerland-CIO und nennt Beispiele: "Neben universitären Forschungsstellen kann eine Promotion in der medizinischen Softwareentwicklung sowie der Chemie- oder Pharmabranche nützlich sein", so der 51-Jährige. Dagegen spiele der Titel für Management-Aufgaben oder den Leiter eines Rechenzentrums kaum eine Rolle.

Personalberater Humbert sieht es ähnlich. Auch für ihn ist eine Promotion in Informatik außerhalb des universitären Kosmos irrelevant. Einem IT-Absolventen nach dem Master-Abschluss rät Humbert deshalb zur sorgfältigen Abwägung: "Finanzielle Vorteile bringt eine Promotion nur in den seltensten Fällen." Ihre Soft Skills könnten Doktoranden dagegen in dieser Zeit weiterentwickeln, ebenso methodisches und strukturiertes Arbeiten: "Wer ein spannendes Thema, Spaß am Forschen und Lernen sowie eine gute finanzielle Basis mitbringt, soll ruhig eine Doktorarbeit beginnen." Jedoch warnt der Personalberater davor, mit einer Promotion den Berufseinstieg hinauszuschieben. Manche Informatiker forschten auch an einem innovativen Thema, mit dem sie später ein eigenes Unternehmen gründen oder sich direkt mit diesem Projekt bei einer Firma bewerben könnten. Das sei auf jeden Fall eine interessante Option.