Atos übernimmt SIS

Die Chancen und Risiken der SIS-Integration

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Der Siemens-Konzern stößt seine IT-Tochter Siemens IT-Services and Solutions (SIS) ab. Ob der Deal ein jahrelanges Problem löst, ist ungewiss.
Mit dem SIS-Verkauf schließt Siemens nun endgültig das Kapitel der Kommunikations- und IT-Lösungen aus dem eigenen Haus.
Mit dem SIS-Verkauf schließt Siemens nun endgültig das Kapitel der Kommunikations- und IT-Lösungen aus dem eigenen Haus.
Foto: Siemens

Siemens veräußert die IT-Sparte SIS für eine Gesamtsumme von 850 Millionen Euro an Atos Origin. Nur 186 Millionen Euro zahlt der neue Eigentümer in bar, den Rest begleicht Atos Origin in Wandelanleihen und Anteilsscheinen. Damit steigt Siemens bei dem französischen Dienstleister mit 15 Prozent ein und bekommt einen Sitz im Aufsichtsrat. Das finanzielle Engagement des deutschen Konzerns ist für die kommenden fünf Jahre festgeschrieben.

Die zweite wesentliche Komponente, um die Partner mittelfristig aneinander zu binden, ist ein Outsourcing-Abkommen über mindestens 5,5 Milliarden Euro und einer Laufzeit von sieben Jahren. "Das ist einer der weltweit größten, wenn nicht gar der größte IT-Auslagerungs-Deal", freute sich Thierry Breton, CEO von Atos Origin. Im Zuge dieses Abkommen betreibt der französische IT-Provider nahezu die komplette zentrale und dezentrale IT des Dax-Konzerns und stellt im wesentlichen Integrationsleistungen zur Verfügung. Atos Origin übernimmt dazu sämtliche Verträge, die der Konzern mit der IT-Tochter abgeschlossen hat. Erst kürzlich hatte Siemens beispielsweise einen Großauftrag über 150 Millionen Euro an die eigenen Tochter SIS vergeben. Dieser sieht die globale Betreuung von rund 60.000 Mitarbeitern vor. "Die Beschaffenheit der Verträge wurde nicht verändert", betonte Siemens-Finanzchef Joe Kaeser auf der gemeinsam mit Atos Origin veranstalteten Pressekonferenz. "Lediglich das Volumen hat sich infolge der längeren Laufzeit erhöht."

Das Gemeinschaftsunternehmen wird 78.500 Mitarbeiter beschäftigen, darunter 62.000 Ingenieure. Rund 1750 Siemensianer bleiben auf der Strecke. Infolge der Integration sollen ihre Arbeitsplätze gestrichen werden. Firmenangaben zufolge sind vornehmlich administrative Aufgaben betroffen. 650 Stellen davon fallen in Deutschland weg. Siemens stellt Restrukturierungsgelder in Höhe von 250 Millionen Euro bereit.

Atos will schnell integrieren

"Das ist eine gute Nachricht für Kunden und Mitarbeiter", warb Siemens-CEO Peter Löscher für den SIS-Verkauf.
"Das ist eine gute Nachricht für Kunden und Mitarbeiter", warb Siemens-CEO Peter Löscher für den SIS-Verkauf.
Foto: Siemens

Atos Origin möchte SIS zügig integrieren. Der Fahrplan sieht vor, das Projekt bis Mitte 2011 abzuschließen. Am Ende des Prozesses soll es zwei Firmen geben: Atos SBS (Specialized Business Services) wird Services etwa für Transaktionen und Geschäftsprozess-Outsourcing (BPO) bereitstellen. Ziel ist es, mit diesem Geschäft im Jahr 2013 rund zwei Milliarden Euro einzunehmen. Atos SBS wird 11.000 Mitarbeiter beschäftigen. Das zweite Standbein wird Atos ITS (IT-Services) bilden. Hier werden rund 67.000 Mitarbeiter Outsourcing- und System-Integrationsprojekte betreiben. Das prognostizierte Umsatzvolumen beläuft sich auf 7,5 Milliarden Euro.

Siemens-CEO Peter Löscher bemühte sich, die Vorteile des SIS-Verkaufs herauszustellen: "Das ist eine gute Nachricht für die Industriepartnerschaft zwischen Deutschland und Frankreich und für die Wettbewerbsfähigkeit von Europa. IT ist ein wichtiger Wegbereiter für Innovationen im Industriesektor", warb der Siemens-Chef für das Abkommen. Man trete in eine langfristige strategische Partnerschaft ein. "Wir haben nun die Größe, als europäischer IT-Champion in den Wettbewerb um globale Aufträge einzutreten. Damit werden wir größere und wichtigere Deals gewinnen. Für Mitarbeiter und Kunden tun sich enorme Entwicklungsmöglichkeiten auf."