Keine Strategie, kein ROI

Abgesang auf BYOD

Werner Kurzlechner lebt als freier Journalist in Berlin und stellt regelmäßig Rechtsurteile vor, die Einfluss auf die tägliche Arbeit von Finanzentscheidern nehmen. Als Wirtschaftshistoriker ist er auch für Fachmagazine und Tageszeitungen jenseits der IT-Welt tätig.
Es hakt bei der Mobilität – in Europa sowieso und sogar in den USA. Forrester beerdigt den einstigen Hype BYOD, Gartner mahnt eine Applikationsstrategie an und Robert Half stellt fest, dass nur wenige Firmen Apps für Smartphones und Tablets entwickeln.

Viele Firmen haben keine Strategie für mobile Technologien - immer noch nicht. Keine Neuigkeit, könnte man sagen. Und zwar dann, wenn diese Erkenntnis aus Deutschland oder überhaupt aus Europa käme.

Ob Sylt, Adria oder Miami Beach: Das Gros der Firmen hat noch keine Apps entwickelt, die man bequem mobil abrufen kann.
Ob Sylt, Adria oder Miami Beach: Das Gros der Firmen hat noch keine Apps entwickelt, die man bequem mobil abrufen kann.
Foto: violetkaipa - Shutterstock.com

Sie stammt allerdings aus dem Land des notorischen technologischen Fortschritts, ermittelt von Robert Half Technology. Demnach geben 28 Prozent der US-amerikanischen CIOs frei von der Leber zu, momentan keine mobile Strategie zu haben.

App-Web-Mischmasch herrscht vor

Letztlich erweist sich damit auch derjenige der technologischen Megatrends als problematisch, der zunächst aus IT-Sicht den unkompliziertesten Eindruck machte - jedenfalls im Vergleich zur Wolke, zum undurchdringlichen und verdächtigen Big Data-Hype oder zum halben Marketing-Ding Social Media.

Momentan trommeln in Europa und global beispielsweise Forrester Research und Gartner für bessere strategische Unterfütterung des Themas Mobility. Und nun kommt Robert Half - immerhin auf Basis von mehr als 2300 eingeholten CIO-Stimmen - mit der Botschaft um die Ecke, dass die IT-Chefs in den USA nicht wirklich weiter sind.

Ein Drittel der Firmen dort hat also keine mobile Strategie. Und 56 Prozent setzen auf einen Mischmasch - soll heißen, einen Mix aus Apps und Webseiten, die auch mobil gut laufen. Branchenspezifisch zeigen sich Business-Dienstleister und der Handel als Vorreiter, während das strategische Defizit bei Healthcare-Unternehmen mit 36 Prozent besonders ausgeprägt ist.

Probleme wegen Compliance

"Compliance-Fragen haben es der Gesundheitsbranche schwer gemacht, so schnell wie andere mobile Angebote bereitzustellen", kommentiert Robert Half-Analyst John Reed. "Aber je stärker die Kundennachfrage nach mobilen Gesundheitsinformationen wächst, desto mehr werden formelle mobile Strategien zu einem überfälligen nächsten Schritt."

Offenkundig ist dieser aber selbst in den USA nicht allein von Healthcare-Firmen bislang nicht gegangen worden. 58 Prozent der befragten Unternehmen haben nach eigenen Angaben bisher keine mobilen Apps für Kunden entwickelt und werden das auch in einem Jahr noch nicht getan haben.

Weitere 22 Prozent planen Angebote immerhin binnen der kommenden zwölf Monate, nur 18 Prozent verfügen darüber bereits jetzt. Mittelfristig werden sich mobile Apps für Kunden aber nach Einschätzung von Robert Half von Kür- zu Pflichtangeboten entwickeln.

"Sinn eines Business Cases zweifelhaft"

Wie weit der Weg dahin auch hierzulande noch ist, hat unlängst Henning Dransfeld, Analyst bei Forrester Research, in einer Kolumne für CIO.de analysiert. Laut Dransfeld gestalten die IT-Abteilungen europäischer Unternehmen zwar durchaus aktiv den mobilen Zugriff der Mitarbeiter auf Unternehmensanwendungen. "In diesem Zusammenhang nimmt das Thema ROI-Kalkulation für Investitionen in mobile Technologien einen wichtigen Stellenwert ein", so der Forrester-Analyst. "Doch der Sinn eines einzelnen Business Cases ist zweifelhaft, wenn das große Bild nicht steht."

Bring-your-own device (BYOD) sei dafür ein Beispiel. Auf der einen Seite stünden Einsparungen, wenn Mitarbeiter ihre Endgeräte selbst einkaufen. Auf der anderen Seite komme es zu Kosten für erhöhte Anforderungen an die Governance, an die Abstimmung und Kommunikation einer BYOD-Policy, an zusätzliches Monitoring und an zusätzliche Sicherheitsstrukturen. "Zudem kommt es zu höheren Ausfällen durch die fehlende Unterstützung von Geräten, die die IT-Abteilung einfach nicht kennt", so Dransfeld in seiner Kolumne vom vergangenen Oktober.

Damals forderte Dransfeld eine bereichsumfassende und gezielte Mobile Engagement Strategie ein und berichtete, dass europäische IT-Entscheider einer solchen Strategie eine sehr hohe Bedeutung beimessen würden. Mittlerweile ist der Forrester-Experte in eine Studie und in Blog-Einträgen in seiner Analyse einen Schritt weitergegangen. Um es zuzuspitzen: BYOD, der einstige Hype, scheint von Forrester Research mehr oder weniger beerdigt worden zu sein.