Die Qual der Wahl

Welches Linux ist das Richtige?

16.08.2014
Von Hermann Apfelböck
Der verästelte Stammbaum der verschiedenen Linux-Distributionen ist auf üblichen Medien nicht mehr komplett darstellbar. Doch trotz zahlloser Systeme ist die Entscheidung für Windows-Umsteiger gar nicht so schwer.

Allein von Debian und Ubuntu gibt es eine dreistellige Zahl von Abkömmlingen. Neben diesen zahllosen Debian-Systemen gibt es noch die Slackware- und Red-Hat- sowie die kleineren Arch- und Gentoo-Zweige. Insgesamt nutzen etwa lebende 350 Distributionen den Linux-Kernel. Viele Varianten sind eng spezialisiert und scheiden als Desktop-System von vornherein aus, viele weitere sind zwar Desktop-tauglich, aber für Windows-Umsteiger eher ungeeignet. Lesen Sie hier, was für Einsteiger taugt und eine verlässliche Zukunft bietet.

Welches Linux ist das Richtige?
Welches Linux ist das Richtige?
Foto: julien tromeur, fotolia.com

Vorsortierung für Umsteiger

Etwas Linux-Familiengeschichte muss hier sein, denn damit können Sie schon mal ganz grob vorsortieren: Gentoo- und Arch-basierte Systeme sind Inseln für Linux-Kenner und für Windows-Umsteiger definitiv ungeeignet. Bei den Red Hat-Systemen lassen sich zwei Distributionen herausheben, die für technisch versiertere Umsteiger in Betracht kommen:

Fedora Linux

ist in fast jeder neuen Version (aktuell 20) ein Hingucker mit innovativen Funktionen. Fedora ist aber weder auf Sparsamkeit getrimmt (falls Sie älteres Windows durch neues Linux ersetzen wollen) noch auf Einsteigerfreundlichkeit. Es ist das von Red Hat gesponserte Vorzeigeprojekt für Linux mit Fokus auf Aktualität.

Infos und Download zu Fedora: https://fedoraproject.org/de.

Mageia

hat aktuell Versionsnummer 3 und gehört ebenfalls zur Red-Hat-Familie. Es ist dort die einzige Variante, die eindeutig auf den Endanwender-Desktop zielt. Der Installationsassistent gehört zum Besten, was Linux bieten hat, und die Oberfläche ist bei jeder Wahl intuitiv (KDE oder Gnome). Gegen Mageia spricht nur, dass die junge Distribution (seit 2010) keine Tradition hat und ihre Nachhaltigkeit noch ungewiss ist.

Infos und Download zu Mageia: www.mageia.org/de.

Mageia 3: Diese Distribution hat am Desktop das Potenzial, zu den Ubuntu-Systemen aufzuschließen. Besonders gelungen sind die Installation und Systemverwaltung.
Mageia 3: Diese Distribution hat am Desktop das Potenzial, zu den Ubuntu-Systemen aufzuschließen. Besonders gelungen sind die Installation und Systemverwaltung.

Open Suse

ist der einzige hier zu nennende Slackware-Abkömmling, aktuell ist die Version 13.1. Es war mehr als ein Jahrzehnt unangefochten das einzige Linux, das mit komfortabler grafischer Bedienung und Konfigurierbarkeit (Yast – „Yet another Setup Tool“) auf den PC-Desktop zielte. Die grundsolide, aber durchaus komplexe Distribution hat in den letzten Jahren zugunsten der Ubuntu-Familie an Bedeutung eingebüßt.

Infos und Download zu OpenSuse: www.opensuse.org/de.

Ubuntu & Co.

sind Debian-Abkömmlinge und mit gutem Grund erste Wahl bei Einsteigern und Umsteigern. Wer einfach und schnell ein funktionierendes System braucht, ohne sich in der Tiefe mit dem System selbst und der Administrierung befassen zu wollen, ist hier richtig. Außerdem bietet die Ubuntu-Familie bei identischer Basis und vergleichbaren Installern fertig konfektionierte Varianten mit unterschiedlicher Ausstattung für jeden Einsatzzweck und Geschmack: Neben Ubuntu selbst sind das unter anderem Linux Mint (Version 16), Kubuntu mit dem alternativen KDE-Desktop, Xubuntu mit geringen Hardware-Anforderungen und das besonders leichtgewichtige Lubuntu.

Infos und Downloads: www.linuxmint.com, www.ubuntu.com, http://xubuntu.org, www.kubuntu.org, www.lubuntu.net.

Die interessantesten „Ubuntus“

Ubuntu 13.10 (und 12.04 LTS): Seit der ersten Version 2004 hat sich Ubuntu zur beliebtesten Distribution und für viele Anwender wie Entwickler zum Quasi-Standard für Linux auf dem Desktop entwickelt. Die Installation, jedenfalls als Solo-System, ist einfach.

Die Benutzung über ein Hauptpanel oben und ein Startpanel links überzeugt nicht nur ästhetisch, sondern leuchtet auch sofort ein – obwohl sie mit klassischen Regeln bricht. Diese Desktop-Eigenentwicklung Unity wird daher von vielen Linux-Fans kritisiert, und auch der vorinstallierte proprietäre Cloud-Dienst „Ubuntu One“ sowie die Zusammenarbeit mit Amazon und Ebay gefallen nicht jedem.

Windows-Umsteiger werden dies gelassener sehen: Die reduzierte Unity-Oberfläche ist ideal für Linux-Anfänger, die wenig System und viel Software sehen wollen. Ubuntu One bietet fünf kostenlose GB und eine exzellente, allerdings englischsprachige Cloud-Software, die auch als Windows-Version bereitsteht. Und das Einblenden von Amazon-Angeboten lässt sich abschalten oder durch präzisere Sucheingaben verhindern.

Xubuntu 12.04: Das Ubuntu-Leichtgewicht mit XFCE-Desktop wirkt nach der Installation recht unscheinbar, erweist sich aber als vorbildlich anpassungsfähig.
Xubuntu 12.04: Das Ubuntu-Leichtgewicht mit XFCE-Desktop wirkt nach der Installation recht unscheinbar, erweist sich aber als vorbildlich anpassungsfähig.

Xubuntu 13.10 (und 12.04 LTS):Dieses schlanke Ubuntu ist ideal für ältere Hardware und schwach ausgestattete Netbooks. Nach der Installation mit dem Ubuntu-üblichen Installer präsentiert sich die Distribution zwar eher unvorteilhaft und düster, aber der exzellente XFCE-Desktop bietet jeden Spielraum für individuelle Gestaltung. Etwas (Windows-) Erfahrung sollten Sie dafür mitbringen. Xubuntu bietet Leisten mit allem Transparenz-Schick, ein stets verfügbares Anwendungsmenü (nach Rechtsklick am Desktop) und ein Drag & Drop mit rechter Maustaste, wie Sie es sonst nur unter Windows finden.

Kubuntu 13.10 (und 12.04 LTS): Kubuntu ist ein Ubuntu, das statt dem einfachen Unity-Desktop die anspruchsvolle KDE-Oberfläche mitbringt. KDE vereint zweifellos Eleganz mit Funktionalität durch maximale Konfigurierbarkeit. Die Oberfläche kann ihre Stärken aber nur am PC auf großen Bildschirmen ausspielen und eignet sich für kompetente Nutzer, die Spaß am Optimieren ihrer Arbeitsumgebung haben.

Linux Mint 16 (und 13 LTS) basiert zu großen Teilen auf Ubuntu-Code. Die derzeit beliebteste Distribution benutzt aber als wesentlichste Eigenentwicklung die Desktop-Oberfläche „Cinnamon“. Diese klassische Oberfläche ist eine Absage an Ubuntus Unity-Oberfläche, und insbesondere das Startmenü erscheint als einladende Haustür für Windows-Umsteiger. Daneben bringt Mint eigene System-Tools wie etwa das grafische Sicherungs-Tool MintBackup mit. Da die Support-Laufzeit jeder Linux-Mint-Version vom zugehörigen Ubuntu abhängt, gibt es auch bei Linux Mint eine LTS-Variante. Die aktuelle LTS-Version ist das ältere Mint 13, das auf Ubuntu 12.04 basiert.

Foto: Donauer

Ubuntu-Varianten Was bedeutet LTS?Von Ubuntu gibt es immer eine aktuelle Variante (derzeit 13.10) und eine LTS-Variante (Long Term Support, derzeit 12.04). Die LTS-Versionen haben zwar nicht die neuesten Funktionen, werden aber in Unternehmen wie bei vielen Privatanwendern bevorzugt, weil sie fünf Jahre durch Updates versorgt werden. Die Zwischenversionen erhalten hingegen nur neun Monate Support. Im Netz finden Sie alle Varianten: Wenn Sie sich für das neue Ubuntu 13.10 entscheiden, läuft der Support bereits im Juli 2014 aus, bei 12.04 LTS läuft er bis April 2017.

Wenn der Umstieg nicht eilt, können Sie auch auf die demnächst erscheinende LTS-Version 14.04 warten – mit Support bis 2019. Da Ubuntu jedoch ein Upgrade auf die nächsthöhere Version erlaubt, ist auch die Installation eines Ubuntu 13.10 keine kurzlebige Entscheidung: Sie können dann das System bei Erscheinen der nächsten Version im Prinzip mit einem Befehl upgraden („apt-get install dist-upgrade“).

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag der PC-Welt. (mhr)