Experton Kommentar

Was steckt hinter dem Job-Abbau bei T-Systems?

Andreas Zilch ist als Vorstandsmitglied der Experton Group verantwortlich für den Bereich Consulting und Advisory Services. Sein Schwerpunkt liegt auf Anwender- und Anbieterberatung zu den Themen IT-Architektur und -Infrastruktur, Green IT, Cloud Computing, Client of the Future und allgemein in IT-Beschaffungs- und -Verhandlungsstrategien.
Die Telekom-Tochter T-Systems will 6000 Stellen abbauen. Die Experton Group schaut sich das Vorhaben genau an und kommt ich ihrem Kommentar zu einem besonderen Schluss.

Erinnern Sie sich? Am 1. Februar 2012, zur besten Sendezeit, ein Bericht des "Heute Journals" im ZDF: "IBM plant in Deutschland 8.000 von 20.000 Mitarbeitern zu entlassen und diese durch freie Mitarbeiter zu ersetzen". Die Redaktion der ZDF-Nachrichtensendung beruft sich auf einen Bericht des Handelsblattes vom gleichen Tag, der sich auf das "IBM Liquid Challenge Program" bezieht. Als Ziel dieser Maßnahmen wurde die Einsparung von Personalkosten, damit Steigerung des Gewinns und daraus resultierend ein Anstieg des Aktienwertes genannt.

IBM-Mitarbeiter wurden nicht entlassen

Foto: IBM

Der Kommentar der Experton Group vom 2. Februar 2012: "Was für ein Unfug". Das (internationale) Liquid Programm hat nur am Rande mit Stellenstreichungen zu tun, sondern vielmehr mit der reibungslosen Projektzusammenarbeit mit externen Mitarbeitern. Zudem wäre Deutschland (neben Frankreich) wohl der denkbar schlechteste Kandidat für einen solchen "Testballon". Gleichzeitig haben wir darauf hingewiesen, dass IBM, wie auch andere IT-Unternehmen, die Herausforderung hat, die Mitarbeiter-Ressourcen ständig an das sehr dynamische Marktumfeld und die Nachfrage der Kunden anzupassen. Dies ist in Deutschland, u.a. wegen der gesetzlichen Regelungen eher schwierig, trotzdem für alle Anbieter eher "Business as usual" (siehe Pressemeldung der Experton Group: IBM entlässt 8.000 Mitarbeiter in Deutschland? - Was für ein Unfug!!). In der Folge wurde uns vorgeworfen, als "Sprachrohr der IBM Geschäftsführung" zu agieren.

Was ist - mittlerweile 22 Monate später - daraus geworden? Ganz klar nachweisbar: IBM hat definitiv nicht 8.000 Mitarbeiter in Deutschland entlassen, uns sind keine betriebsbedingten Kündigungen bekannt. Wohl aber hatte IBM nach dieser Meldung über mehrere Wochen große "Kommunikationsprobleme" mit Kunden, Partnern und Mitarbeitern - unterm Strich wohl eine klare Geschäftsschädigung.

Umbaupläne bei T-Systems

Jetzt kommt - aus der gleichen Quelle - die nächste Schreckensmeldung: "Telekom will bis zu 6.000 Jobs streichen" meldete das Handelsblatt Anfang der Woche exklusiv. Das sind keine guten Nachrichten für die Telekom-Tochter T-Systems: Ihr steht offenbar ein radikaler Umbau bevor. Die Gewerkschaften fürchten erstmals in der Geschichte des Konzerns auch betriebsbedingte Kündigungen.

Stützen wir uns zunächst einmal auf Tatsachen - und eine kurze Experton Group Analyse: Eine Belegschaft von 29.000 Mitarbeitern zu managen und die Skills in der sehr dynamischen ICT-Branche aktuell zu halten, ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Bei T-Systems ist diese Aufgabe aufgrund der Historie sicher nicht einfacher als bei anderen ICT-Anbietern. In den letzten Jahren sind hier deutliche Fortschritte gemacht worden. Aus unserer Analysten-Sicht zwar viel zu langsam - aber die externe Bewertung ist immer einfacher als die interne Umsetzung.

T-Systems verdient zu wenig

Foto: T-Systems

Insgesamt bewegt T-Systems ihr Geschäftsmodell in Richtung höherwertiger, zumeist Cloud-basierender Services. Dass dabei geringwertigere Services zurückgefahren oder teilweise abgestoßen werden, versteht sich von selbst.

Die Marge von T-Systems ist seit Jahren nicht zufriedenstellend: ein bis zwei Prozent sind ungenügend, fünf bis acht Prozent erachten wir als Experton Group für einen ICT-Service Provider als angemessen. Im letzten Quartal hat die T-Systems 3,8 Prozent erreicht - eine positive Entwicklung, die aber nachhaltig fortgesetzt werden muss.

Bedenklich sind weitere Passagen des Handelsblatt-Artikels. Darin heißt es etwa: "T-Systems gilt schon seit Jahren als Sorgenkind des Konzerns. Die Telekom-Tochter übernimmt und managt die IT-Sparte von Großkonzernen wie Shell. Doch das Geschäft ist wettbewerbsintensiv und wirft nur geringe Gewinne ab."

Dies greift zu kurz. Aus Sicht der Experton Group ist T-Systems ein sehr wichtiger strategischer Bestandteil des Telekom-Konzerns: die Mehrwert-Leistungen von T-Systems werden für Unternehmen potenziell immer wichtiger. Die Rolle von T-Systems im Konzern wird damit immer bedeutender.

Wie bei unserer Stellungnahme zu den Gerüchten über IBM-Entlassungen im vergangenen Jahr liegt es uns fern, einen ICT-Anbieter zu verteidigen - wir sind nur unabhängige Analysten, die aus Erfahrung und Marktkenntnis heraus Zusammenhänge erklären und dies auch können.

Mitarbeiter in der Pflicht zur Fortbildung

Wer muss sich also Gedanken machen? Die T-Systems Kunden sind zunächst nur insoweit betroffen, dass eine gewisse Unruhe entsteht. T-Systems wird - wenn überhaupt - sicher keine Mitarbeiter entlassen, die für die Kunden wertvoll sind. Ein geordneter Verkauf von bestimmten Unternehmensteilen ist bei Unternehmen dieser Größenordnung normal und hat nicht unbedingt negative Effekte auf Kunden.

Wirklich nachdenklich sollten aber IT-Mitarbeiter werden, nicht nur bei T-Systems. Welchen Wert stellen sie für das Unternehmen dar, haben sie die richtigen Skills und investieren sie selbst genug in die eigene Weiterbildung?

Foto: Robert Kneschke - Fotolia.com

Die strukturellen (Personal-)Probleme des deutschen ICT-Marktes leiten sich teilweise von diesen Überlegungen ab, sind dabei aber wesentlich tiefliegender: bei zirka eine Millionen Beschäftigten im IT-Markt in Deutschland spricht der Branchenverband Bitkom von rund 40.000 offenen Stellen. Bedenklicher sind die Schätzungen der Experton Group, wonach mindestens 50.000 der derzeitigen ICT-Beschäftigten nicht die richtige Qualifikation aufweisen. Dies betrifft sowohl Anbieter als auch und insbesondere interne IT-Abteilungen. Um dieses Problem zu lösen, müssen die Arbeitgeber fortlaufend Weiterqualifikation und -bildung fördern und fordern. Die Mitarbeiter stehen in der Pflicht, ihren Teil beizutragen. Wer dazu nicht bereit ist, hat in der sehr dynamischen ICT-Branche keine Zukunft.

Ein interessanter Ansatz ist etwa, dass der Arbeitgeber zehn (zusätzliche) Weiterbildungstage im Jahr fördert und der Arbeitnehmer dafür fünf Urlaubstage einbringt. Das ist ein konkretes Beispiel - raten sie einmal, was der Betriebsrat dazu gesagt hat?

Der ICT-Arbeitsmarkt insgesamt braucht bezüglich der Mitarbeiter und ihrer Skills eine angepasste Vorgehensweise, denn das ist ein klares Qualitätskriterium für zukünftige Erfolge. (jha)