CEO Pat Gelsinger im Interview

“VMware entwickelt sich zum Cloud-Provider”

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
CEO Pat Gelsinger verrät, wie er VMware vom Softwareentwickler zum Service-Provider weiterentwickeln und Konkurrenten wie Microsoft in Schach halten will.

Sie haben mehr als 30 Jahre als Techniker und zuletzt als CTO für Intel gearbeitet, bevor Sie zu EMC und schließlich zu VMware wechselten. Wie fühlt es sich an, einen im Vergleich zu Intel doch relativ kleinen Softwarehersteller zu führen?

"Für VMware geht es künftig nicht mehr nur darum, Software zu entwickeln." Pat Gelsinger, CEO VMware
"Für VMware geht es künftig nicht mehr nur darum, Software zu entwickeln." Pat Gelsinger, CEO VMware
Foto: VMware

Gelsinger: Der Wechsel von Intel zu EMC war für mich schon eine dramatische Veränderung. 30 Jahre in einem Unternehmen aus der Chipbranche mit einer ganz eigenen Kultur prägen natürlich. Auch auf der Sales-Seite sind die Unterschiede gravierend. Im Vergleich zur technisch geprägten Welt bei Intel herrscht bei EMC eine Sales-orientierte Kultur. Eine EMC beispielsweise hat rund 50.000 Kunden. Um 50 Prozent des Umsatzes zu erzielen, muss man schon 300 bis 400 Kunden kontaktieren. Um 50 Prozent des Intel-Umsatzes zu generieren, braucht es nur drei große Kunden. Der Wechsel von EMC zu VMware war dann wieder relativ leicht. Ich kehrte zurück zu einer Westküsten-Company mit viel weniger kulturellen Unterschieden zu Intel. Zudem kannte ich VMware schon aus meiner Intel-Zeit.

Was hat sich seit Ihrem Amtsantritt bei VMware im September 2012 verändert?

Gelsinger: Ich nenne es gerne das nächste Kapitel in der Geschichte von VMware. Lange Zeit hatte sich das Unternehmen ja fast ausschließlich auf das Thema Server-Virtualisierung konzentriert. Jetzt haben wir das Spektrum deutlich verbreitert: Wir wollen das Data Center virtualisieren. Wir wollen IT-Ressourcen sowohl in der Private als auch in der Public Cloud verfügbar machen. Und wir entwickeln uns zum Service Provider. Es geht künftig nicht mehr nur darum, Software zu entwickeln, sondern auch darum, Software bzw. die dazugehörige Infrastruktur zu betreiben. Das ist eine neue Kultur.

Wie stark wird Microsoft Hyper-V?

Lassen Sie uns trotzdem zunächst über Ihr Kerngeschäft Server-Virtualisierung sprechen. Hier hat sich Microsoft mit seinem kostenlosen Hypervisor Hyper-V zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten entwickelt. Wie reagieren Sie darauf?

Gelsinger: Wir konkurrieren mit Microsoft in diesem Markt ja schon seit sieben bis acht Jahren. Microsoft hat sein Produkt langsam verbessert, das registrieren wir. Und hier denke ich an meinen alten Mentor Andrew Grove (Intel-CEO von 1987 bis 1998, Anm. d. Red.) der einst den Satz prägte: „Only the paranoid survive“. Wir müssen in der Tat paranoid sein, wenn es um Microsoft geht. Das Unternehmen hat große finanzielle Möglichkeiten und die nötige Beharrlichkeit. Wie oft hat Microsoft erfolglos versucht, mit seinem Browser erfolgreich zu sein? Sie haben nicht aufgegeben und irgendwann hat es geklappt. Sie waren auch nicht die ersten, die eine grafische Benutzeroberfläche anboten. Aber Sie haben das Thema dann doch erfolgreich besetzt. Wir gehen davon aus, dass sich das auch in anderen Marktsegmenten wiederholen kann.

Mit Hyper-V scheint Microsoft auf einem guten Weg zu sein.

Gelsinger: Hyper-V startete im Lowend des Marktes mit anfangs sehr überschaubarem Erfolg. Wir haben übrigens auch eine umfassende Virtualisierungslösung für mittlere und kleine Kunden für 84 Dollar; und unseren Hypervisor erhalten unsere Kunden schon lange kostenfrei. Geld kann man mit solchen Produkten nicht verdienen. Wenn es um größere Deals geht, kann ich mich nicht erinnern, wann wir das letzte Mal einen Auftrag an Microsoft verloren haben.

Die Kunden haben viel Geld in unsere Produkte investiert und es wäre sehr teuer für sie, noch eine andere Lösung zu implementieren. Und unsere Produkte funktionieren einfach. Ich habe gestern mit zehn CIOs aus deutschen DAX-Unternehmen zu Abend gegessen. Wir haben jeden Einzelnen gefragt, was er von VMware hält. Die Antwort: das Produkt arbeitet fantastisch und wir lieben Euren Support.

VMware: zu teuer und zu komplex?

VMware-Produkte gelten im Markt aber auch als teuer und komplex.

Gelsinger: Zur Kostenfrage kann ich nur sagen: Es hat in den letzten zehn Jahren keine Technologie im Data Center gegeben, die so effizient und kosteneffektiv war wie VMware. Insofern kann man durchaus argumentieren: Es sind wahrscheinlich unterm Strich sogar die billigsten Produkte, die Unternehmen bis dato installiert haben.

Dessen ungeachtet entwickelt sich der blanke Hypervisor immer mehr zu einem Commodity-Produkt. VMwares Strategie ist es, ein Ökosystem an Software um sein Kernprodukt herum aufzubauen. Dazu gehören etwa Monitoring- und Management-Tools. Wie erfolgreich ist dieser Weg und was sind die nächsten Schritte?

Gelsinger: Die Strategie ist durchaus erfolgreich. Vergangenes Jahr haben wir beispielsweise unsere vCloud Suite auf den Markt gebracht. Diese Produktsammlung übertrifft unsere Wachstumserwartungen. Kunden, die die Suite kaufen, lassen dreimal so viel Umsatz bei uns als wenn Sie nur unser Hypervisor-Produkt gekauft hätten. In einer aktuellen IDC-Erhebung erscheint VMware nicht nur als größter sondern auch als am schnellsten wachsender Anbieter von Management-Software für die Cloud. Auf der Liste stehen eine Menge anderer Unternehmen, darunter Citrix, IBM, BMC, Dell und so weiter.