Chile fördert und unterstützt internationale Startups

Mehr Zukunft als Vergangenheit

06.03.2015
Dirk Stähler befasst sich seit vielen Jahren mit der innovativen Gestaltung von Organisationen, Prozessen und IT-Systemen. Er unterstützt privatwirtschaftliche Unternehmen und öffentliche Verwaltungen in Europa, dem Mittleren Osten und Nordamerika dabei, Mehrwert durch die kreative Nutzung ihrer Informationstechnologie zu gewinnen. Ein besonderes Augenmerk seiner Arbeit liegt auf den Chancen und Risiken, die sich aus der Verwertung öffentlich verfügbarer Inhalte des Internets ergeben. Die "Wissensmaschine" Internet und den Wert ihrer Inhalte für jeden zugänglich zu machen, ist sein erklärtes Ziel.
Wohin gehen Gründer mit innovativen Ideen aber ohne Kapital? Anschubfinanzierungen suchen viele direkt im Silikon Valley und übersehen ein weltweit herausragendes Programm für Gründer.
Start-Up Chile - Working Gebäude in Santiago de Chile
Start-Up Chile - Working Gebäude in Santiago de Chile
Foto: Dirk Stähler

Wer bereit ist mit ein paar Einschränkungen zu leben, dem bieten sich in der Hauptstadt Chiles - 10.000 Kilometer südlich von San Francisco - Bedingungen, die selbst im Silikon Valley nicht zu finden sind. Aber nicht nur für Gründer ist interessant, was die Regierung des lateinamerikanischen Andenstaates aufgebaut hat (Computerwoche berichtete). Auch Verantwortliche in Politik und Förderinstitutionen sollten nach Chile schauen, wenn sie Anregungen für das digitale Deutschland suchen.

In den letzten Jahren hat sich das Land zu einem Magneten für Startups entwickelt. Das 2010 von der staatlichen Wirtschaftsförderung Chiles ins Leben gerufene Programm Start-Up Chile hat maßgeblichen Anteil daran. Es verfolgt das Ziel, Startups aus aller Welt in einer frühen Phase der Gründung - zumindest temporär - in Chile anzusiedeln. Die Teilnehmer erhalten für sechs Monate eine Förderung von ca. 40.000 Dollar, ein Jahresvisum, Büroflächen, Zugang zu internationalen Mentoren und PR-Kanälen. Finanziert wird das Programm aus Geldern des Wirtschafts-, Entwicklungs-, Außen- und Innenministeriums. Das Besondere ist, dass der chilenische Staat im Gegenzug keine Beteiligung an den Startups fordert. Wer dies ließt stellt sich unweigerlich die Frage, wo ist der Haken?

Das Motiv hinter Start-Up Chile

Die chilenische Regierung möchte mit Start-Up Chile keinen Profit durch die schnelle Inkubation und den Verkauf von Unternehmen machen. Ziel ist es, internationales Wissen ins Land zu holen und an die chilenische Gesellschaft weiterzugeben. In einem Land, das noch vor wenigen Jahren von neoliberalen Gedanken der Chicagoer Schule dominiert wurde, ist das ein gewaltiger Schritt.

Start-Up Chile war das erste Programm seiner Art und wird mittlerweile in vielen Ländern kopiert. Vergleichbare Programme existieren mittlerweile in Kanada, Jamaika, Peru, Brasilien und Australien. Aber das Original ist immer noch etwas Besonderes. Luke Ball, Direktor für Acceleration & Experience bei Start-Up Chile, fasst es in einem Satz zusammen: "Weltweit gelingt es keinem anderen Land eine so große Menge an Gründern, in so kurzer Zeit und so erfolgreich durch ein Start-Up Programm zu schleusen. Alle vier Monate nehmen wir 100 neue Gründer auf".

In den letzten fünf Jahren förderte Chile mehr als 1.000 Gründer aus 75 Ländern. Es wird also Zeit nachzuschauen, ob das Programm wirklich die erwarteten Resultate erbringt oder nur eine gut vermarktete Geschichte über den Aufbau der digitalen Industrie in einem Schwellenland ist. Dazu haben wir mit Gründern und den Verantwortlichen gesprochen, kritische Fragen gestellt und Einblicke in Startups am anderen Ende der Welt erhalten.

Was Start-Up Chile auszeichnet

40.000 Dollar ohne Verpflichtung? Nicht ganz. Die ersten 20.000 Dollar erhalten Gründer direkt nach Ankunft im Land. Die zweite Hälfte wird ausgezahlt, wenn eine vorgegebene Anzahl von Punkten "erarbeitet" wurde. Mit einem detaillierten Bewertungssystem steuert die chilenische Regierung den Nutzen für Gründer und Gesellschaft. Es geht nicht ausschließlich um den wirtschaftlichen Erfolg der geförderten Unternehmen. Natürlich sollen sie erfolgreich am Markt agieren und sind angehalten die Fördergelder angemessen zu verwenden. Den Gründern wird aber viel Spielraum eingeräumt.
Nikita Gulin - Gründer von pycno - formuliert den Nutzen für sein Unternehmen: "Gerade für uns als Startup mit eigener Hardwareentwicklung war es besonders interessant schnell einen Prototyp zu entwickeln, ohne dass Geldgeber großen Einfluss auf unsere Arbeiten nehmen. Der Bau von Prototypen erfordert hohe Investitionen, bei denen Kapitalgeber normalerweise mitentscheiden möchten. Bei Start-Up Chile waren wir sehr frei in der Verwendung der Gelder".

"Das erste Ziel der Regierung war es, Chile weltweit als Startup-Standort bekannt zu machen. Dafür war es erforderlich Gründer ins Land zu holen. Das haben wir erreicht. Als nächstes wollen wir Einfluss auf die chilenische Gesellschaft nehmen, selbst High-Tech Unternehmen zu gründen. Da sind wir auf einem sehr guten Weg, wie die Wachstumszahlen bei den Teilnehmern aus Chile zeigen. Die Regierung ist sehr zufrieden mit den Ergebnissen", erläutert Ball den Hintergrund.

Aber es ist kein Laissez-faire. Start-Up Chile behält die Ziele im Blick und steuert das Programm sehr genau. Während des Förderzeitraums von sechs Monaten sind alle Teilnehmer verpflichtet, aktiv Beiträge zur Entwicklung des digitalen Chiles zu leisten. Darunter fallen zum Beispiel Tätigkeiten als Mentoren an chilenischen Universitäten, die Durchführung von regionalen Projekten, die Vorbereitung und Ausrichtung von Workshops für chilenische Gründer oder Publizierungen in internationalen Medien. "Jeder Teilnehmer muss einen Beitrag zur Entwicklung der Startup Szene in Chile leisten. Man bekommt Punkte für die Organisation von Veranstaltungen wie Startup Weekends, Programmier-Workshops für Frauen und vieles mehr. Ich selbst habe rund 50 Personen in verschiedenen Universitäten als Mentor betreut", erklärt Lisandro Pavetti, Gründer von Guarnic. Was zunächst nach Zusatzarbeit klingt, wird von allen befragten Teilnehmern im Ergebnis als sehr wertvolle Erfahrung empfunden.

Pycno-Gründer Nikita Gulin (li.) bei der Arbeit im chilenischen Sommer.
Pycno-Gründer Nikita Gulin (li.) bei der Arbeit im chilenischen Sommer.
Foto: Dirk Stähler

Seit der Gründung im Jahr 2010 wurden insgesamt rund 50 Millionen Dollar in die Ideen internationaler Gründer und die Entwicklung der Startup Szene in Chile investiert. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von über 260 Milliarden Dollar ist das selbst für das nach OECD Kriterien immer noch als Schwellenland klassifizierte Chile keine große Summe. Und der Erfolg zahlt sich aus. Die Arbeiten von pycno werden zum Beispiel bereits in der chilenischen Landwirtschaft - nach dem Bergbau der wichtigste Industriebereich - getestet. "Für uns ist Chile mit seinen großen landwirtschaftlichen Anbauflächen ideal. In England war es sehr schwierig interessierte Farmer zum Test unserer Prototypen zu bewegen. Britische Farmer haben eigentlich genug von allem. Sie bekommen ausreichend Regen und haben fruchtbares Land. In der Regel wollen sie nichts Neues ausprobieren. Hier war das völlig anders. Es besteht ein Interesse an neuen Ideen. Angefangen bei den Farmern bis zur chilenischen Regierung" erklärt Gulin die Reaktion der hiesigen Wirtschaft auf Start-Up Chile.

Welchen Nutzen hat Chile

Von den 1.000 geförderten Unternehmen verließen 80 Prozent nach sechs Monaten wieder das Land. Davon 34 Prozent in Richtung USA. Ist das Programm vielleicht doch nur für internationale Gründer hilfreich und hat wenig Nutzen für Chile?

"Das sehen wir überhaupt nicht als Problem. Die Unternehmer verlassen Chile in der Regel um die nächste größere Finanzierungsrunde abzuschließen. Bis dahin haben sie aber einen erheblichen Beitrag für den digitalen Wandel im Land geleistet" erklärt Ball.
Auch die Chilenen Javier Smith und Nicolas Justiniano vom Startup EasyPoint sind von dem Nutzen des Programms überzeugt. "Man muss bedenken, dass Start-Up Chile von Null begonnen hat, weshalb wir mit dieser Form der Kritik vorsichtig sind. Aus unserer Generation bleiben jetzt viel mehr Menschen in Chile, da sie in den lokalen Veränderungen eine Chance sehen. Seit Jahren wächst der Anteil der Teilnehmer aus Chile kontinuierlich. In einigen Jahren wird die Mehrzahl aus Chile kommen. Genau das will Start-Up Chile erreichen. Man muss einfach Geduld aufbringen". Justiniano beschreibt es noch deutlicher: "Die ausländischen Gründer haben einen erheblichen Anteil daran die Einstellung in Chile zu verändern. Sie zeigen uns was es bedeutet, wenn man an seine Ideen glaubt und sie umsetzt. Das ist für die Startup Szene in Chile unbezahlbar".

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