Mitarbeiterbindung heute

Lockere Beziehungskisten

ist freie Wirtschaftsjournalistin in London.
Der IT-Nachwuchs deutet Loyalität heute anders als frühere Generationen. Führungskräfte müssen sich viel einfallen lassen, um ihre Mitarbeiter auch künftig bei der Stange zu halten.
Bärbel Meiborg, HP: "Die Hemmschwelle, das Unternehmen zu verlassen, ist eindeutig gesunken. Da spielt die junge Generation mit offenen Karten."
Bärbel Meiborg, HP: "Die Hemmschwelle, das Unternehmen zu verlassen, ist eindeutig gesunken. Da spielt die junge Generation mit offenen Karten."
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Diplomatisch ist anders. Bärbel Meiborgs Mitarbeiter bei Hewlett-Packard (HP) nehmen ihrer Chefin gegenüber jedenfalls kein Blatt vor den Mund. "Als Führungskraft wird mir offen signalisiert, dass man sich etwa als Alternative zu HP auch einen Wechsel zu einem Mittelständler oder ein längeres Sabbatical vorstellen könnte", erzählt die PC Country Category Managerin PPS Germany. Meiborg macht sich nichts vor: "Die Hemmschwelle, das Unternehmen zu verlassen, ist eindeutig gesunken. Da spielt die junge Generation mit offenen Karten."

Dies gilt nicht nur bei HP, sondern überall in der Branche. Die Loyalität zum Arbeitgeber steht derzeit vielfach auf dem Prüfstand. Statt als jahrelange Treue dem Unternehmen gegenüber interpretieren junge Mitarbeiter den Begriff heute ganz anders. "Loyalität wird heute als Treue gegenüber einem Projekt oder Team verstanden", sagt Nelly Riggenbach Hasler, Director Western Europe der Marktforschungsgesellschaft Universum Communications. Ist ein Projekt abgeschlossen oder wechselt eine geschätzte Führungskraft, folgten nicht selten Abgänge von Kollegen, beobachtet die Marktforscherin. Man sehe heute ganze Teams zur Konkurrenz wechseln.

Bloß keine Hierarchien

Die Generation Y - also die Geburtsjahrgänge nach 1980 - lehnt Zwänge und Hierarchien oft ab. Selbstverwirklichung steht bei ihnen ganz oben auf dem Wunschzettel. "Man möchte einen Sinn in der Arbeit sehen, und Langeweile im Job ist ein Killerkriterium", sagt Riggenbach Hasler. Die von Ungeduld getriebene Generation investiere viel und fordere viel.

Finden sich die Herausforderungen nicht (mehr) im eigenen Team, wird ein anderes gesucht. Mit dem Internet aufgewachsen, bewegt sich die Generation parkettsicher im Web 2.0. Soziale Netzwerke werden professionell in die Jobsuche eingespannt - und in die Bewertung des aktuellen Arbeitgebers auch. Für Vorgesetzte birgt dies eine doppelte Gefahr: Wenn die Sache schiefläuft, verlieren sie nicht nur einen guten Mitarbeiter, sondern auch ihren guten Ruf.

Gerade in der IT sind lockere Beziehungskisten schon heute an der Tagesordnung. Wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ermittelte, arbeiten 7,8 Prozent aller Branchenbeschäftigten derzeit ohne festen Vertrag als freie Mitarbeiter - rund viermal so viel wie im bundesdeutschen Branchenschnitt.

Loyalität zur Firma nimmt ab

Barsche Befehle vom Chef? Das geht heute bei wechselwilligen Young Professionals gar nicht mehr.
Barsche Befehle vom Chef? Das geht heute bei wechselwilligen Young Professionals gar nicht mehr.
Foto: Michael_Kowalski - shutterstock.com

Unverbindliche Arbeitsverhältnisse sind en vogue. Dabei hat die Bindungsunlust längst nicht nur den Nachwuchs befallen. Auch erfahrene IT-Kräfte fühlen sich dem Arbeitgeber nicht mehr so verbunden wie in früheren Jahren. Das unterstreicht die Studie "Universum Professional Survey 2012", die 663 IT-Professionals nach ihren Wechselabsichten befragte. Satte 59 Prozent von ihnen haben sich im Ablauf des verstrichenen Jahres um einen neuen Job beworben. 17 Prozent intern, 26 Prozent extern, und weitere 15 Prozent haben auf ihren aktuellen Posten gewechselt.

Ein derart starker Wechselwille kann Vorgesetzten arge Kopfschmerzen bereiten - Meiborg nicht. Loyalität, so die HP-Managerin, sei heute zwar schwieriger zu erreichen als früher, aber nicht unmöglich. Als Vorgesetzte setzt sie nach eigenen Angaben "auf Fairness, Feedback und Förderung" ihrer Mitarbeiter. Ganz praktisch heißt das: Ein Teammitglied, das eine Passage ihrer Präsentation vorbereitet hat, soll nicht zusehen müssen, wie die Chefin dafür die Lorbeeren erntet. Er oder sie darf den Part des Vortrags stattdessen selber halten. "So etwas motiviert mehr als manche Gehaltserhöhung", ist sich Meiborg sicher.

Althergebrachte Statussymbole wie Extrazahlungen oder Eckbüros ziehen heute weniger, um Leute bei der Stange zu halten. Meiborg wird stattdessen öfter um ihre Unterstützung in Sachen Work-Life-Balance gebeten - oder um eine Auszeit für eine lang geplante Traumreise.

Damit ist sie nicht allein. Als Mittel, die die persönliche Loyalität zum Job fördern, liegen Gehaltserhöhungen und Benefits abgeschlagen nur auf Rang fünf, wie eine internationale Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services belegt, der 134.000 Personen in 29 Ländern befragt hat. Gerade mal neun Prozent aller Befragten empfinden mehr Geld als Treuekatalysator. Dagegen gelten abwechslungsreiche Tätigkeiten den Befragten mit 47 Prozent als weitaus wichtigster Faktor für ihre Loyalität.