Künstliche Intelligenz

KI-Pionier Marvin Minsky stirbt im Alter von 88 Jahren

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Wenn in diesen Tagen wieder viel von Künstlicher Intelligenz die Rede ist und die bange Frage im Raum steht, ob Computer menschliches Denken und Verhalten simulieren oder gar überflügeln könnten, dann kommt die Rede meist auf den langjährigen MIT-Forscher Marvin Minsky. Er ist am vergangenen Sonntag gestorben.

In seinem bahnbrechenden Buch "Society of Mind" erklärte Minsky, wie der menschliche Verstand funktioniert und wie es gelingen könnte, Maschinen eine ähnliche Arbeitsweise beizubringen. Der Professor hatte sich Zeit seines akademischen Lebens mit der Frage beschäftigt, ob und wie sich das menschliche Denken in Maschinen abbilden und gegebenenfalls verbessern lassen könne. Minsky starb an einer Hirnblutung, so teilte das MIT Media Lab mit.

Marvin Minsky war einer der Pioniere im Bereich Künstliche Intelligenz.
Marvin Minsky war einer der Pioniere im Bereich Künstliche Intelligenz.
Foto: Louis Fabian Bachrach via MIT

Im Laufe seines langen Lebens wurde Minsky zunehmend skeptischer. 1982 schrieb er in einem viel beachteten Aufsatz, dass es noch lange dauern werde, bis wir Maschinen bauen können, die das Niveau eines Menschen erreichen. Zwar habe es enorme Fortschritte bei spezialisierten Expertensystemen gegeben, doch eine Maschine, die imstande sei sich selbst zu verbessern, sei in weiter Ferne.

Auch Emotionen lassen sich maschinell abbilden

Im Jahr 2006 erschien sein letztes Buch: "The Emotion Machine: Commonsense Thinking, Artificial Intelligence, and the Future of the Human Mind". Minsky beschrieb darin, warum sich emotionale Zustände prinzipiell nicht von Denkprozessen unterscheiden. Er wollte damit den Weg bereiten für Maschinen, die in der Lage sind, nicht nur zu denken, sondern auch zu fühlen.

Minsky, Jahrgang 1927, war ein renommierter Forscher, der viele Auszeichnungen erhalten hat. Besonders prestigeträchtig war der 1969 überreichte A.M. Turing Award. Minsky hatte zunächst an der Harvard University studiert, diente dann im zweiten Weltkrieg in der US-Navy und erwarb schließlich 1954 seinen Doktor in Mathematik an der Princeton University. Wie das MIT Media Lab erinnert, baute Minsky dort auch seinen ersten Neuronalen-Netzwerk-Simulator "SNARC".

Er heuerte dann1958 im Department of Electrical Engineering and Computer Science am MIT an, um im folgenden Jahr das "Artificial Intelligence Laboratory" mitzugründen. Heute ist es als "Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory" bekannt und konzentriert sich darauf, Systeme und Computer intelligenter und einfacher bedienbar zu machen. Minsky beschäftigte sich vorrangig damit, menschliche Eigenschaften wie Wahrnehmung und Intelligenz auf Maschinen zu übertragen. Unter anderem entwickelte er an intelligenten Roboterarmen mit.

Gründungsmitglied beim MIT Media Lab

1985 wurde der KI-Pionier Gründungsmitglied des MIT Media Lab, das sich unter anderem mit Wearables, Touch-gesteuerten Benutzeroberflächen und Affective Computing beschäftigt. Bis vor kurzem lehrte er dort als "Toshiba Professor of Media Arts and Sciences", schreibt das MIT Media Lab in einem Nachruf.

Minsky zählt zwar zu den Pionieren im Bereich Künstlicher Intelligenz, aber erste gedankliche Wegbereiter gab es schon weit früher, die Spuren reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück, wie bereits 1988 der IBM-Forscher Hans-Joachim Novak gegenüber der COMPUTERWOCHE ausführte. Schon im Jahre 1270 beschäftigte sich demnach der Philosoph Raimundus Llull in seinem Werk "Ars Magna" damit, "Wahrheit zu finden, ohne zu denken oder Sachverhalte zu erforschen". Und gute fünf Jahrhunderte später bemühte Gottfried Wilhelm Leibniz sich um die Konzeption einer neuen Art von Algebra: Sie sollte die Darstellung von Gedankengängen erlauben und damit einen Weg eröffnen, auf dem man durch algebraische Manipulationen, die automatisiert werden können, Gedanken verfolgen und sogar "neue Gedanken entwickeln" könnte.

Boole, Turing, Shannon und andere

Weitere wichtige Daten im Zuge eines Rückblicks auf die Wurzeln der KI sind die Jahre 1854, 1947, 1950 und 1955. Im Jahr 1854 versuchte der Mathematiker George Boole in seinem berühmten Werk "Laws of Thought" Regeln des Denkens aufzustellen, die in mathematischen Theorien der Logik und der Wahrscheinlichkeit gründeten. Der gleichfalls britische Rechnerpionier Alan M. Turing, der im zweiten Weltkrieg maßgeblich an der Entschlüsselung deutscher Funksprüche beteiligt war, untersuchte 1947, auf welche Weise bei Maschinen intelligentes Verhalten herbeigeführt werden kann.

1950 zeigte dann der amerikanische Nachrichtentechniker Claude Shannon von den Bell Labs in einem grundlegenden Beitrag, dass Computer dem Prinzip nach Schach spielen können müssten, wobei er hier gleichzeitig die elementare Idee der symbolischen Programmierung entwickelte. Fünf Jahre später präsentierte Alex Bernstein das erste Schachprogramm, das für einen Computer IBM 704 geschrieben war. Jener Rechner hatte immerhin 7 KB Hauptspeicher.

Als Ahnherren und Vorläufer aller späteren Programme aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz sehen Fachleute heute das Programm "Logic Theorist" der US-Computerwissenschaftler Allen Newell und Herbert A. Simon aus dem Jahre 1956. Dieses Programm war erstmals in der Lage, eine Menge von logischen Theoremen - unter anderem aus der "Principia Mathematica" von Bertrand Russell und Alfred North Whitehead - zu beweisen. Damit konnte gezeigt werden, dass Programme zu Aktionen fähig sind, für die ein Mensch Intelligenz braucht - ein Meilenstein in der KI-Geschichte.

Die berühmte Dartmouth Conference

Minsky war 1956 einer von zehn wissenschaftlichen Mitarbeitern der legendären, zweimonatigen Dartmouth-Konferenz. Zu diesem Kreis gehörten neben ihm drei weitere prominente KI-Protagonisten der Frühzeit: der Stanford-Forscher John Mc Carthy und die beiden Kollegen Allen Newell und Herbert A. Simon von der Carnegie-Mellon-University in Pittsburgh. Das Dartmouth Seminar gilt heute als Geburtsstunde des akademischen Forschungsgebiets der Künstlichen Intelligenz.