Krise - nicht mit uns!

Jobwunder Internet-Wirtschaft

26.08.2009
Von Anja Dilk und Heike Littger

Euphorie in der Spielebranche

Olaf Wolter, BIU: Keine Branche versteht es im Moment besser, neue Käuferschichten anzusprechen, als die Spieleindustrie.
Olaf Wolter, BIU: Keine Branche versteht es im Moment besser, neue Käuferschichten anzusprechen, als die Spieleindustrie.

Ebenfalls im Aufwind befindet sich die Computer- und Videospielbranche. Seit fünf Jahren schnellen die Verkaufs- und Umsatzzahlen in die Höhe. Allein im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 55,6 Millionen Spiele für Computer, Konsolen und Handhelds verkauft. Das sind acht Prozent mehr als im Vorjahr. Ein Knick ist laut Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) nicht zu befürchten. "Keine Branche versteht es derzeit so gut, neue Käuferkreise zu erschließen", so BIU-Geschäftsführer Olaf Wolters. "Die interaktive Unterhaltungsindustrie erfindet sich immer wieder neu. Das ist der Grund für ihren Erfolg - und so wie es aussieht, wird diese auch die Krisenzeiten überdauern." Das erwartet auch die Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers. Sie prognostiziert in Deutschland ein Marktvolumen von 2,6 Milliarden Euro im Jahr 2010, das wäre gegenüber 2008 fast eine Verdopplung.

Einer der ganz Großen hierzulande ist Gameforge. Die Browsergame-Entwickler aus Karlsruhe verzeichnen mehr als 75 Millionen registrierte Spieler weltweit. Diese wollen die Vorherrschaft im Weltraum an sich reißen oder gegen Werwölfe und Vampire kämpfen. Gameforge stellt seit Anfang des Jahres zehn bis 15 neue Mitarbeiter pro Monat ein. 200 sind für 2009 insgesamt geplant. Wer beispielsweise Game-Development an der Hochschule Heidelberg studiert oder einen Abschluss von der Games Academy in Berlin in der Tasche hat, kann im Bewerbungsgespräch punkten.

Arbeiten ohne feste Strukturen

Doch auch Quereinsteiger kommen laut Personal-Managerin Anett Graf immer wieder zum Zug. "Wir wollen Leute, die wirklich Spaß daran haben, sich neue Spiele auszudenken und umzusetzen." Und: Sie müssen ins Unternehmen passen. "Leute, die feste Strukturen brauchen", so Graf, "sind bei uns fehl am Platz. Wir passen uns dem Markt schnell an, und dafür müssen wir unsere Ressourcen immer wieder neu verteilen."

Ein Rezept, mit dem auch Sapient bislang gut gefahren ist. Die Marketing- und IT-Beratung wächst nach eigenen Angaben "in beiden Bereichen - Sapient Consulting und Sapient Interactive" und sucht für 2009 europaweit 100 neue Mitarbeiter. Für die Länder Deutschland, Holland, Schweden und die Schweiz ist Jasmin Martensmeier zuständig für das Recruiting. Sie kommt gleich zum Punkt: "Wir sind ein internationales Unternehmen, fließendes Englisch ist Pflicht."

Pluspunkt Beratungskompetenz

Insbesondere mit dem Mutterhaus in den USA, aber auch mit den Kollegen in England und Indien bestehe ein enger Kontakt. Reine Fachkenntnis reiche da nicht aus: "Wir suchen IT-Spezialisten, die Lust darauf haben, in multikulturellen und multidisziplinären Teams zu arbeiten." Offenheit sei dafür nötig, aber auch Führungsqualitäten. In mehreren Interviews klopft Sapient deswegen die Kandidaten nicht nur auf ihre fachliche Qualifikation ab: Ist darüber hinaus auch ihr Englisch wasserdicht, können sie Feedback geben und annehmen, Ideen treiben und dafür auch die Verantwortung übernehmen? Außerdem wichtig: Kundenorientierung. "Wir beraten Unternehmen bei der Entwicklung von Business- und IT-Strategien", so Martensmeier, "im Prozess- und Systemdesign sowie bei der Implementierung von Standardsoftware wie .NET und Java. Im Consulting-Bereich gearbeitet zu haben ist für unsere Bewerber ein großer Vorteil."

Auch T-Systems Multimedia Solutions sucht IT-Kräfte, die nicht nur in ihrem Fach spitze sind. Unternehmenssprecher Thomas Köplin: "Neben Fachwissen in Informatik brauchen unsere Leute fundierte Kenntnisse aus den Branchen unserer Kunden sowie Erfahrungen mit Projekt-Management, Beratung und Konzeption." Die Full-Service-Internet-Agentur aus Dresden möchte in diesem Jahr 150 neue Mitarbeiter einstellen, davon um die 90 IT-Kräfte. Damit liegt sie über dem Branchendurchschnitt.

Laut Arndt Groth, Präsident des Bundesverbands Digitale Medien (BVDW), ist die Zahl der Festangestellten bei den Full-Service-Internet-Agenturen und -Dienstleistern im Geschäftsjahr 2008 im Durchschnitt um 10,2 Prozent gestiegen. In diesem Jahr rechnet er mit einem Zuwachs von 8,4 Prozent. "2009 hat sich an der guten Beschäftigungssituation in der digitalen Wirtschaft wenig geändert. Allerdings sprechen wir nicht mehr von einem Fachkräfte-, sondern einem Talentemangel", so Groth. Einfallsreichtum und smarte Technologien - das seien die Treiber von Innovation. Clay Shirky, Professor an der New York University, brachte es Mitte Juni auf dem Deutschen Multimedia Kongress (DMMK) in Berlin auf den Punkt: Die guten Internet-Entwickler lassen "aus kleinen Ideen Großes entstehen".

Begehrte Jobs

  • Der Suchmaschinen-Profi: Wer ganz oben auf die Seiten einer Suchmaschine gelangt, hat bessere Chancen, in der digitalen Welt wahrgenommen zu werden. Deswegen sind sie heiß begehrt: Männer und Frauen, die herausfinden, nach welchen Kriterien und mit welchen Softwarealgorithmen Suchmaschinen wie Google, Yahoo oder Bing Web-Seiten sortieren. Keine leichte Aufgabe, denn die Suchdienste lassen sich hinsichtlich der verwendeten Allgorithmen nicht in die Karten schauen. Eine förmliche Ausbildung zum Suchmaschinenoptimierer, im Englischen Search Engine Optimizer (SEO) genannt, gibt es nicht. Gute Chancen haben Web-Gestalter, Web-Programmierer und Webmaster.

  • Online-Tester: Internet-Anwendungen müssen sicher funktionieren. Sie müssen die nötigen Schnittstellen enthalten und auch dann stabil sein, wenn Tausend Benutzer gleichzeitig auf die Seite zugreifen. Softwaretester stellen deshalb die Entwicklungen systematisch auf den Prüfstand. Die Arbeit erfordert Präzision, Perfektionismus und Ausdauer. Eine offizielle Ausbildung zum Online-Tester gibt es nicht. Gute Chancen haben Informatiker und Wirtschaftsinformatiker, die selbst Erfahrungen in der Entwicklung haben und sich dann auf das Testen spezialisieren.