Lieber Kündigung statt mieser Chef

Gute Führung braucht Kommunikation

Jürgen Bockholdt ist Geschäftsführer der PERIT Consulting Personalberatung und CEO der Careers Lounge. Seit mehr als 18 Jahren sucht er als Personalberater im Auftrag führender Unternehmen nach erfolgreichen Fach-, Vertriebs- und Führungskräften. Im Jahr 2014 gründete er die Careers Lounge, ein branchenübergreifendes Wissensforum für den beruflichen und persönlichen Lebenserfolg. Seine Themen sind berufliche Veränderungen aus unterschiedlichen Perspektiven, Gestaltung eines individuellen Karrierepfads und die Entwicklung einer starken persönlichen Marke.
Führungskraft zu sein, heißt nicht automatisch Kompetenz in Personalführung zu haben. Jedem zweiten Chef fehlt es nämlich an guter Menschenführung. Ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor im Verhältnis zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter liegt in der richtigen Kommunikation. Sie motiviert und bindet Angestellte.

Das Wissen zum Thema Führung ist riesig. Nichtsdestotrotz besteht auf Seiten der Mitarbeiter oft eine große Unzufriedenheit mit der Art und Weise, wie geführt wird. Doch welche Faktoren werden bei der Vielzahl an Theorien, Modellen und praktischen Handlungsanleitungen zur Führung nicht ausreichend beachtet? Was hilft dabei, Menschen zu motivieren? Oder sitzen viele Menschen in ihrem Beruf einfach nicht an der richtigen Stelle?

Ein guter Chef kommuniziert mit seinen Mitarbeitern und hört auch zu.
Ein guter Chef kommuniziert mit seinen Mitarbeitern und hört auch zu.
Foto: Phovoir - shutterstock.com

Während viele Manager in der asiatischen oder amerikanischen Führungstheorie und -praxis nach Antworten suchen, lenken andere ihre Aufmerksamkeit auf klassische Werke unseres Kulturkreises. So findet zum Beispiel die "Benediktsregel der erfolgreichen Führung" derzeit große Resonanz bei Menschen, die nach Auswegen aus dem scheinbaren Dilemma des Führens suchen. Sie wurde von Anselm Bilgri, dem ehemaligen Prior des Klosters Andechs, neu interpretiert und kürzlich präsentiert.

Mangelhafte Menschenführung

Aktuelle Forschungsergebnisse wie die Studie "Ethische Grundlagen guter Führung" des Roman Herzog Instituts belegen, dass die Mitarbeiter in Unternehmen ihren Führungspersonen zwar eine gute fachliche Kompetenz bescheinigen, in Bezug auf Menschenführung aber schlechte Noten verteilen. Jeder zweiten Führungskraft wird die angemessene Menschenführung sogar vollkommen abgesprochen, sogar, wenn man Führungskräfte selbst befragt. Ein Grund dafür kann die mangelnde Konzentration auf das Wesentliche sein, denn wer sich auf das Fachliche konzentriert, vernachlässigt seine Führungsaufgabe. Fachkompetenz, so Bilgri, sei bei einer Führungskraft nicht immer das Wichtigste. 80 Prozent der Zeit sollten für das Führen und 20 Prozent für andere Tätigkeiten reserviert sein. "In der Realität bleiben Managern jedoch häufig kaum 60 Prozent ihrer Zeit zum Führen übrig, mit fatalen Folgen", erklärt der heute als Unternehmensberater tätige Bilgri.

Anselm Bilgri: Managern bleibt nicht genügend Zeit zum Führen.
Anselm Bilgri: Managern bleibt nicht genügend Zeit zum Führen.
Foto: CAREERS LOUNGE

Kündigung wegen des Chefs

Die drastischen Auswirkungen mangelnder Führung zeigt auch eine Gallup-Studie. Sie brachte ans Licht, dass über zwei Drittel der Beschäftigten nur Dienst nach Vorschrift machen und innerlich gekündigt haben. Die emotionale Mitarbeiterbindung wird dabei unmittelbar vom Verhalten des direkten Vorgesetzten beeinflusst. Ein Viertel aller befragten Mitarbeiter hat sogar einmal im Berufsleben die Stelle wegen des Chefs gekündigt.

Führungskräfte sollten wertschätzen

"Der Unternehmenserfolg ist abhängig vom Engagement, vom Wissen und von der Kreativität der Mitarbeiter. Es geht um die Menschen, die ihren Job begeistert oder frustriert machen, die Energie ins Unternehmen bringen oder deren Job ihnen Energie und Gesundheit raubt", erklärt Bilgri. Führungsmaßnahmen sollten daher die Mitarbeiter ans Unternehmen binden, motivieren und ihr kreatives und innovatives Potenzial unterstützen. Mitarbeiter, so der Berater, benötigen einen für sie passenden Rahmen, der nicht nur aus Leistung bestehen dürfe. Es sei vielmehr die Wertschätzung durch die Führungskräfte, die an erster Stelle bei den Mitarbeitern stehe.

Spannungsfeld Führung

Doch die Anforderungen an eine erfolgreiche Führungskraft sind hoch. Eine Vielzahl von Aufgaben ist zu erledigen, von der Definition der Ziele über das Treffen von Entscheidungen bis zur Koordination, Planung und Kontrolle. All diesen Aufgaben ist eines gemeinsam: Es geht hier immer auch um die Kommunikation. Der häufig als zeitintensive Aufgabe vernachlässigte Bereich der Kommunikation ist laut Bilgri faktisch sogar der wichtigste Aspekt von Führung.

Kommunikation ist alles

Gute Kommunikation beinhaltet in erster Linie das Zuhören. Darüber hinaus geht es auch darum, Fragen zu stellen und zu beantworten, Bedenken und Konflikte zu erkennen sowie empathisch zu reagieren. "Überspitzt kann man sagen, dass 80 Prozent aller Führungstätigkeit Kommunikation ist", sagt Dieter Frey, Professor am Roman Herzog Institut. Kommunikation findet dabei nicht nur verbal, sondern auch nonverbal statt durch Mimik, Gestik und Körperhaltung und auch zunehmend ohne persönliches Gegenüber per E-Mail, Videokonferenz oder Telefon.

Zuhören können

Die Kommunikation ist bereits aus der Sicht der 1500 Jahre alten Ordensregel des heiligen Benedikt das wichtigste Kriterium gelungener Führung. Das Hören, Annehmen und Tun der Führungsverantwortlichen, so Bilgri, sei essentiell für die Führung eines Unternehmens und habe auch schon zu Zeiten des heiligen Benedikts unterschiedliche Facetten wie grundsätzliche Dialogbereitschaft, aktives Hinhören, Aufgeschlossenheit und Loyalität umfasst. Grundsätzlich sollten Führungskräfte bei ihren Fragestellungen und Entscheidungen auch häufiger auf den Rat der Mitarbeiter vertrauen und deren Meinung einholen, empfiehlt der Unternehmensberater. Erst nach dem Gespräch sollten Führende mit sich selbst zurate gehen und entscheiden. Dabei ist es unerlässlich, dass sie auch Kritik annehmen. "Vor allem sollten auch jüngere Mitarbeiter gehört werden, da sie oft gute und frische neue Ideen haben."

Mitarbeiter stagnieren

Zugleich gilt es, den Mitarbeiten Möglichkeiten für ihre Weiterentwicklung und Perspektiven im Unternehmen aufzuzeigen. "Es wird nicht ausreichend berücksichtigt, dass es auch ein Vakuum gibt, in dem Mitarbeiter gefangen sind, nämlich zwischen der Loyalität zu ihren Vorgesetzten und der Leidenschaft zu den Aufgaben, die sie betreuen. Und zwischen der Sehnsucht und dem Erkennen, dass sie eigentlich noch viel Kraft und Lust haben, etwas Neues anzugehen", erklärt Nese Sevsay-Tegethoff, Geschäftsführerin des Roman Herzog Instituts. Es würden Ressourcen verschwendet, wenn Mitarbeiter unterfordert sind und es den Vorgesetzten nicht gelinge, das Potenzial der Mitarbeiter in die richtigen, produktiven Bahnen zu lenken. (pg)