Open-Source-Plattform für SAP

Die Telekom trimmt Kernanwendungen auf Linux

Bettina Dobe ist freie Journalistin aus München. Sie hat sich auf Wissenschafts-, Karriere- und Social Media-Themen spezialisiert. Sie arbeitet für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland.
Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Mit dem Forderungsmanagement hat der Bonner TK-Konzern eine der weltweit größten SAP-Installationen auf Intel-Server unter dem Open-Source-Betriebssystem Linux migriert.

Über den hauseigenen IT-Dienstleister T-Systems nutzt die Telekom für unternehmenskritische Anwendungen verstärkt Linux-Plattformen. "Wir verfolgen die Strategie, möglichst weite Bereiche unserer Prozesse zu automatisieren und zu industrialisieren", erläutert Christoph Böhm, verantwortlich für den operativen Betrieb und die technische Infrastruktur der Abrechnungssysteme. "Dieses Ziel erreichen wir unter Linux deutlich besser, da wir hier vollständig herstellerunabhängig arbeiten können."

Intel-Server arbeiten unter Suse Linux

Einen Meilenstein auf diesem Weg erreichte die Telekom mit der Migration des Forderungsmanagements auf das Open-Source-Betriebssystem. Die Bonner verwenden dazu die SAP-Software RM-CA (SAP Revenue Management - Contract Accounting). Als Server-Plattform dienen x86-Rechner von Fujitsu-Siemens Computers unter Suse Linux und der Datenbank Oracle 10g RAC. Das Forderungsmanagement führt Buch über sämtliche Privat- und fast alle Geschäftskunden, die der TK-Anbieter in Deutschland abrechnet. Ausgenommen sind lediglich Konzernkunden mit speziellen Kostenstellenstrukturen, die in gesonderten Systemen abgebildet wurden. Jedes Jahr verarbeitet das Abrechnungssystem rund 500 Millionen Zahlungstransaktionen, die etwa 40 Millionen Kundenkonten betreffen.

Linux-Migrationspläne im Jahr 2005

Im Jahr 2005 erstellte die Telekom zunächst ein Gesamtkonzept für alle Anwendungssysteme in der Abrechnung. Den IT-Strategen ging es dabei vor allem um folgende Fragen: Welche Systeme lassen sich zu welchem Zeitpunkt auf Linux umstellen? Welche müssen bis auf weiteres auf einem Unix-Derivat laufen, da deren Hersteller Linux noch nicht unterstützen? "Dabei stellte sich heraus, dass etwa ein Drittel der aktuell eingesetzten Systeme noch nicht Linux-fähig ist", berichtet Böhm. Vor allem Spezialanwendungen waren davon betroffen (siehe dazu auch: Wie Linux Unix-System verdrängt).

Die übrigen Anwendungen stellten die Bonner auf das Open-Source-Betriebssystem um, ein Prozess der noch andauert. Zu den größten Migrationsprojekten in diesem Kontext zählte das Forderungsmanagement. Im Zeitraum zwischen 2001 und 2004 konsolidierte das IT-Team zunächst 15 einstmals regionale Systeme auf eine einzige Plattform. Dabei ersetzte die Telekom auch 15 Unix-basierende Hardware-Plattformen durch einen leistungsstarken Cluster aus 130 Sparc 4+-Prozessoren von Sun Microsystems. Böhm: "Weil diese Plattform zu erheblichen Abschreibungskosten führte, hat T-Systems ein dynamisches, verbrauchsbezogenes Hosting-Konzept entwickelt, auf das wir nach Ablauf des Abschreibungszeitraums der zuvor eingesetzten Unix-Umgebung gewechselt sind."

Dynamisch bedeutet in diesem Fall, dass der IT-Dienstleister Rechenleistung und Speicherplatz nach der tatsächlichen Nutzung abrechnet. Nach Angaben der Telekom ergeben sich dadurch Kosteneinsparungen. Zudem sei es T-Systems gelungen, die Stapelverarbeitung um 20 Prozent zu beschleunigen. "Die Rechenleistung unter Linux ermöglicht es uns, die Prozessschritte des Forderungsmanagements zwischen 20 und 40 Prozent schneller zu verarbeiten", so Böhm. "Für unsere 5000 Concurrent SAP User erzielen wir durchschnittliche Antwortzeiten von etwas mehr als zwei Sekunden".