Blick in die digitale Zukunft

Die Grenzen zwischen IT und Business verschwimmen

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Lange prophezeit, wird die Verbindung von Business und IT endlich Realität: Das Geschäft ist digital, und viele IT-Bereiche haben Produktverantwortung. Das sind gute Nachrichten für die Unternehmens-IT, oder? Im Prinzip ja, aber ...

Am 11. Juni 2014 traten Taxi-Fahrer in vielen westeuropäischen Hauptstädten kurzzeitig in den Ausstand. Mit dieser Aktion protestierten sie dagegen, dass ihre jüngste Konkurrenz, die Betreiber und Nutzer einer mobilen App namens Uber, weitgehend schranken- und regellos in ihren Revieren wildern darf. So legitim der Verweis auf fehlende Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollmöglichkeiten auch ist - hinter dieser Aktion stand augenscheinlich noch ein anderes Ziel: Sie war auch der Versuch, das seit Jahrzehnten auf Taxizentralen, -ständen und -rufnummern basierende Geschäft zu schützen.

Handel, Service und letztlich auch die Fertigungsindustrie werden von einer digitalen Monsterwelle überrollt.
Handel, Service und letztlich auch die Fertigungsindustrie werden von einer digitalen Monsterwelle überrollt.
Foto: Denys Rudyi, Fotolia.com

Doch Apps wie "MyTaxi" weisen den Weg, den das gesamte Business über kurz oder lang geht: Handel, Service und letztlich auch die Fertigungsindustrie werden von einer digitalen Monsterwelle überrollt. Was haben klassische Unternehmen dem entgegenzusetzen? Nicht viel! Wer sich gegen diese Welle stemmt, wird zerrissen, entwurzelt, weggespült.

Die Überlebenschance besteht darin, die Welle zu reiten. Aber wie kommt man hinauf, wenn man noch nie auf einem Surfbrett gestanden hat? Und wer sagt einem, welche Welle den Surfer besonders weit trägt, oder: wie sich die Mechanismen digitaler Märkte beherrschen lassen und welche Risiken dafür eingegangen werden müssen?

Was bedeutet Digitalisierung? Pascal Matzke, Country Leader Germany bei Forrester, hat drei Aspekte herausgearbeitet:

Es gilt, den digitalen Moment zu erwischen, also genau dann präsent zu sein, wenn ein (potenzieller) Kunde in seinem aktuellen Kontext einen Service benötigt. Die treibende Kraft ist hier das Marketing; der CIO bleibt zumeist außen vor.
Es geht darum, die Transaktionsprozesse für den Kundenkontakt neu zu gestalten. Das setzt quasi eine Atomisierung der Geschäftsprozesse voraus. Hier hat der CIO einen Heimvorteil.
Federführend ist meist die Produkt-entwicklung – manchmal, so etwa bei Robert Bosch, mit Unterstützung durch ein internes Softwarehaus. Die IT-Abteilung wirkt unterstützend – mit Testsystemen etc.

Falsche Prioritäten

In vielen Unternehmen wenden sich die Geschäftsleitungen erwartungsvoll an ihre IT-Organisationen. Doch auch dort sind über Jahre gewachsene Strukturen, Prozesse und Rollenverständnisse tief verwurzelt. Ob Analysten, Berater oder die CIOs selbst, alle wissen: Einem Elefanten bringt man nicht so einfach das Surfen bei.

In der jüngeren Vergangenheit haben die unternehmensinternen IT-Bereiche vor allem mit Zuverlässigkeit und Effizienz gepunktet. Im diesjährigen "IT-Kompass", der breit angelegten Anwenderstudie von IDC und COMPUTERWOCHE, nannten die IT-Entscheider als ihre wichtigsten Aufgaben die Gewährleistung von IT-Sicherheit sowie die Standardisierung und Konsolidierung der IT-Landschaft.

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IT-Budgets außerhalb der IT

All das ist wichtig. Um aber die Digitalisierung des Unternehmens voranzutreiben, wären andere Themen wichtiger: zum Beispiel die Unterstützung mobiler Arbeitsplätze, die Absicherung von Entscheidungen durch Analytics-Tools oder die Einbindung sozialer Medien. Viele IT-Manager priorisieren diese Themen noch nicht, weshalb Topmanager mit ihrer internen IT oft unzufrieden sind.

Einer aktuellen Studie von Forrester Research zufolge ("Was der europäische CEO von seiner IT braucht") ist für die Unternehmenslenker die Technik "zu wichtig, um sie allein der IT zu überlassen". Ihnen zufolge reagiert die IT zu langsam auf Veränderungen des Business.

Die Fachbereiche denken ähnlich und richten sich ihre eigenen IT-Umgebungen ein. Laut Forrester beschafft sich ein Drittel der Business-Manager ein Gutteil seiner IT-Services selbst. Häufig kolportiert wird auch die Prognose des Forrester-Konkurrenten Gartner, wonach die IT-Budgets in Fachbereichen wie Marketing oder Vertrieb 2017 höher sein werden als in der IT selbst. CIOs glauben meist nicht daran, können aber nicht umhin, die Existenz einer "Schatten-IT" anzuerkennen.

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