Interview mit Stefan Hansen, Lufthansa Systems

"Den Preiskampf bei der Infrastruktur wollen wir nicht mitgehen"

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Lufthansa Systems will seine Rechenzentren auslagern. Warum es aus Sicht des Dienstleisters sinnvoll ist, sich vom Infrastrukturgeschäft zu trennen, erläutert Geschäftsführer Stefan Hansen im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE.

CW: Lufthansa Systems hat die Auslagerung seiner Rechenzentren an einen großen internationalen Betreiber angekündigt. Um wen handelt es sich?

Hansen: Das können wir noch nicht sagen. Wir führen derzeit Gespräche und wollen den Prozess bis Ende des Jahres abgeschlossen haben. Wir stecken also mitten im Auswahlprozess und gehen hier natürlich sehr strukturiert vor. Die Auslagerung der IT-Infrastruktur ist Teil unserer strategischen Neuausrichtung. Wir werden hier nichts übers Knie brechen.

Stefan Hansen,Geschäftsführer Lufthansa Systems
Stefan Hansen,Geschäftsführer Lufthansa Systems
Foto: Lufthansa Systems

CW: Sie suchen einen internationalen Betreiber. Käme auch ein Unternehmen wie T-Systems in Frage?

Hansen: Wir sprechen natürlich mit einer ganzen Reihe möglicher Partner. Am Ende geht es darum, wer das beste Angebot hat - nicht nur bezogen auf einen reinrassigen Outsourcing-Deal, sondern auch darauf, was wir als Lufthansa Systems erwarten.

CW: Was ist denn das Besondere an Lufthansa Systems?

Hansen: Als ich vor ein paar Jahren zur Lufthansa Systems kam, was das Unternehmen in einer schwierigen Lage. Das Geschäft begann defizitär zu werden und wir verloren zunehmend Geld im externen Markt. Also haben wir das Unternehmen neu ausgerichtet. Heute gibt es zum einen das Geschäft mit der Konzernmutter, wo wir nach Infrastruktur- und Airline-relevanten Themen unterscheiden. Ein zweiter Geschäftsbereich positioniert sich mit Lösungen für den globalen Airline-Markt, die Airline Solutions. Hier haben wir ungefähr 300 Airline-Kunden. Und wir haben einen weiteren Geschäftsbereich für deutsche Industriekunden.

Im Rahmen der Restrukturierung haben wir viele eigenständige Gesellschaften zusammengeführt, Schnittstellen beseitigt, ein Drittel der Führungsmannschaft herausgenommen und etwas mehr als zehn Prozent der Mitarbeiter abgebaut. Das ist in den tarifgebundenen deutschen Gesellschaften geschehen - wir haben uns also nicht gescheut, den schwierigen Weg zu gehen. Diese Maßnahmen haben Früchte getragen. Wir haben den Umsatz und die Ergebnisse kontinuierlich steigern können. So richtig gegriffen hat das im letzten Jahr.

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CW: Warum dann jetzt der Outsourcing-Beschluss?

Hansen: Der Markt für IT-Infrastrukturservices erfordert die beständige Weiterentwicklung des Produktportfolios und ein anhaltend hohes Wachstum. Die erheblichen Investitionen, die durch Technologiesprünge notwendig wären, um den Bereich Infrastruktur langfristig wettbewerbsfähig zu betreiben, können wir dauerhaft nicht aus eigener Kraft erwirtschaften. In einem enormen Preiskampf gab es immer mehr Ausschreibungen, bei denen wir nicht mehr mitgehen konnten oder wollten.

Wir haben deshalb gesagt, es macht mehr Sinn, wenn wir das Infrastrukturgeschäft an einen Partner verlagern, der zu günstigeren Bedingungen liefern und Skaleneffekte besser nutzen kann. Idealerweise ist das einer, der nicht nur einen tollen Outsourcing-Deal mit der großen Lufthansa anstrebt, sondern einer mit Konzepten - etwa hinsichtlich der Perspektiven für unseren Rechenzentrumsstandort in Kelsterbach. Wir sammeln derzeit die Ideen der potenziellen Partner ein. Wichtig ist uns, dass die Rechenzentrumsstandorte in Kelsterbach und Budapest konzeptionell eingebunden sind und idealerweise auch unsere anderen Infrastruktur-Standorte. Denn wir wollen in jedem Fall die Arbeitsplätze am Standort Deutschland erhalten.

CW: Diese RZs muss Ihr Partner also in jedem Fall weiter betreiben?

Hansen: Ja. Wir haben unsere Operations in den letzten Jahren weitgehend Richtung Budapest verlagert. Das läuft sehr gut, und wir wollen diese Stabilität für unsere Konzernmutter und für unsere externen Kunden keinesfalls gefährden. Es werden in den ersten Gesprächen mit potenziellen Partnern auch schon Ideen entwickelt, wie wir diese Assets optimal nutzen können, um ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das für beide Seiten Perspektive hat.

Unsere beiden Geschäftsbereiche Airline Solutions und Industry Solutions werden weiter als Full-Service-IT-Provider am Markt agieren. Wir wollen mit einem starken Partner im Rücken auch zukünftig die komplette Bandbreite an IT-Dienstleistungen anbieten können. Uns geht es also quasi um eine intelligente Verlagerung der Fertigungstiefe.

CW: Sie haben vertragliche Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden. Sind Sie sicher, dass die plötzlich mit einem amerikanischen oder indischen Dienstleister zu tun haben wollen?

Hansen: Wir werden genau darauf achten, was geht und was nicht. Und nochmal: Das Rechenzentrum in Deutschland wird bestehen bleiben. Standort Deutschland ist ein Asset, das wir weiter anbieten werden.

CW: Wollen Sie nun jeden einzelnen Kunden in die Verhandlungen einbinden?

Hansen: Wir erbringen einen Großteil unserer RZ-Dienstleistungen Lufthansa-intern. Das wird relativ einfach. Und die anderen Kunden - das wird auch kein Problem. Wir haben ja sogar, nachdem wir diesen Outsourcing-Plan angekündigt haben, noch Verträge abgeschlossen. Die Kunden haben gewusst, dass wir das irgendwann in andere Hände geben, und haben uns vertraut. Es gibt nicht einen einzigen, der gesagt hat, 'Wenn Ihr das macht, steigen wir aus dem Vertrag aus'. Dabei haben wir sogar Change-of-control-Klauseln in den Verträgen, die das ermöglichen würden.

Der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa System AG, Stefan Hansen (49), kam 1999 zum Konzern. Er leitete zunächst den Bereich Desktop & Network Services, bevor er 2001 die Geschäftsführung der Tochtergesellschaft Lufthansa Systems Infratec und ab 2004 auch die von Lufthansa Systems Network übernahm. Ab Mitte 2006 folgten vier Jahre als Geschäftsführer bei EDS. Anschließend hatte Hansen eine beratende Funktion für Vodafone Deutschland bei der Neuausrichtung des Firmenkundengeschäfts inne. Seit Juli 2010 ist Hansen Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Systems AG und hat das Unternehmen strategisch neu ausgerichtet und wirtschaftlich zurück in die Spur gebracht.
Der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa System AG, Stefan Hansen (49), kam 1999 zum Konzern. Er leitete zunächst den Bereich Desktop & Network Services, bevor er 2001 die Geschäftsführung der Tochtergesellschaft Lufthansa Systems Infratec und ab 2004 auch die von Lufthansa Systems Network übernahm. Ab Mitte 2006 folgten vier Jahre als Geschäftsführer bei EDS. Anschließend hatte Hansen eine beratende Funktion für Vodafone Deutschland bei der Neuausrichtung des Firmenkundengeschäfts inne. Seit Juli 2010 ist Hansen Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Systems AG und hat das Unternehmen strategisch neu ausgerichtet und wirtschaftlich zurück in die Spur gebracht.
Foto: Lufthansa Systems

CW: Sie machen das, um margenschwächeren Bereiche effizienter aufzustellen und Ressourcen für das ertragreichere Business frei zu bekommen. Wie stellen Sie sich Ihr Angebotsportfolio in zwei Jahren vor?

Hansen: Mit der Airlines Solution wollen wir weiter wachsen. Wir haben hier gute Auftragseingänge und sehen beste Chancen, mehr Umsatz zu generieren. Gleichzeitig wollen wir strategisch besser im Lufthansa-Konzern verankert sein. Da gibt es für uns noch erhebliches Potential. Wir sind hier "one of many" und werden bei Ausschreibungen nicht anders behandelt als eine HP oder IBM. Doch ich glaube, wir könnten hier deutlich mehr einbringen, weil wir, bezogen auf unsere Branche und auf die Lufthansa selbst, ein einzigartiges Prozess-Know-how haben. Wir werden diesen Vorteil stärker nutzen, das hat auch der Konzernvorstand so entschieden.

CW: Mit anderen Worten, Lufthansa Systems wird stärker in den Konzern eingebunden.

Hansen: Zumindest fragen wir uns, welche Abläufe wir im Sinne einer Prozessharmonisierung Airline-übergreifend effizienter gestalten können. So etwas kann aber nicht erzwungen werden, hier müssen wir uns einfach besser positionieren. Das werden wir im Rahmen unserer strategischen Neuausrichtung sicherstellen in den nächsten Monaten.

CW: Werden Sie sich auch gegenüber anderen Fluglinien, die Kunden Ihrer Airline Solutions sind, anders aufstellen?

Hansen: Nein, dort positionieren wir uns mit unseren Produkten und Dienstleistungen so wie bisher. Die Lösungen, die wir intern anbieten, können wir auch extern verkaufen. Um ein Beispiel zu nennen: Mit Board Connect haben wir Virgin Australia komplett ausgestattet. Das nutzen pro Woche 50.000 Passagiere. Das werden wir auch in der Lufthansa implementieren, die das im europäischen Raum einsetzen will. Auch EL AL in Israel wird es einsetzen.