Burnout: Wenn der Motor ins Stottern kommt

19.04.2005 | von 
Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
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Überarbeitet, perspektivlos und erschöpft - so fühlen sich viele Berufstätige im Arbeitsalltag. IT-Projektmitarbeiter sind besonders gefährdet. Fast 30 Prozent von ihnen durchleiden während ihres Berufslebens eine Burnout-Phase, Tendenz steigend.
Mit dem Burnout-Syndrom, auch als Chronic Fatigue Syndrom (CFS) bezeichnet, umschreiben Experten einen chronischen Erschöpfungszustand.
Mit dem Burnout-Syndrom, auch als Chronic Fatigue Syndrom (CFS) bezeichnet, umschreiben Experten einen chronischen Erschöpfungszustand.
Foto: Petronilo G. Dangoy Jr. _shutterstock.com

Andreas Emke (Anm: Name von der Redaktion geändert) war stolz auf seinen Job in einem renommierten IT-Dienstleistungsunternehmen. Die strategische Stabsstelle in einer international tätigen Firma forderte den 35-Jährigen. Doch häufige Reibereien und unterschwellig glimmende Konflikte mit dem Vorgesetzten zermürbten Emke; er fühlte sich müde und erschöpft. Schließlich häuften sich Erkältungskrankheiten; ein Hörsturz folgte, und weitere Symptome zwangen den ehemals Hochmotivierten, einen Arzt aufzusuchen.

Den Weg in eine ärztliche Praxis gehen viele Betroffene allerdings erst, wenn sich die Symptome häufen und Wegschauen nicht mehr möglich ist. Die Folgen von falsch verstandenem Ehrgeiz treffen auch immer mehr leistungswillige High Potentials zwischen 30 und 40 Jahren. "Burnout ist ein großes Problem; viele Leute haben Angst vor Arbeitslosigkeit und gehen auch krank zur Arbeit", berichtet Rüdiger Trimpop, Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. "Katastrophal für die Unternehmen ist vor allem, dass Leistungsträger ausfallen."

Rüdiger Trimpop, Uni Jena: "Burnout ist ein großes Problem; viele Leute gehen auch krank zur Arbeit."
Rüdiger Trimpop, Uni Jena: "Burnout ist ein großes Problem; viele Leute gehen auch krank zur Arbeit."

Trimpop sieht besonders Mitarbeiter in der mittleren Ebene eines Unternehmens gefährdet, denn sie können in der Regel am wenigsten Einfluss auf Entscheidungen nehmen; gleichzeitig sind sie den Forderungen der Geschäftsleitung ausgesetzt, konkurrieren mit den Kollegen und fungieren als Ansprechpartner für die Kunden. "Firmenlenker verstehen oft nicht das Grundprinzip, dass Stress eine Belastung sein kann." Viele sehen Druck als Motivation für ihre tägliche Arbeit an und misstrauen Konzepten, die ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit fordern. Unter Stressreduktion verstehen sie, sich "auf die faule Haut zu legen".

Das Krankheitsbild "Burnout" wurde erstmals in den 70er Jahren beschrieben. Zeitdruck, permanente Überforderung und Informationsflut tragen dazu bei, dass heute mehr Menschen betroffen sind. Verlässliche Statistiken gibt es zwar nicht, aber Experten gehen davon aus, dass rund 20 Prozent der Beschäftigten während ihres Berufslebens am Burnout erkranken können. Neue Arbeitsformen schaffen auch neue Risiken. Anja Gerlmaier, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen, ging der Frage nach, welchen Belastungen IT-Projektmitarbeiter ausgesetzt sind und wie sie mit widersprüchlichen Arbeitsanforderungen - zum Beispiel sowohl schnell als auch gründlich zu sein - umgehen. An der Studie nahmen sieben Projektgruppen aus unterschiedlichen IT-Firmen teil. Neben Gruppendiskussionen wurden die befragten IT-Mitarbeiter ein Jahr lang monatlich nach ihrer Beanspruchung gefragt; zusätzlich führten sie ein Befindenstagebuch und unterzogen sich einer Abschlussbefragung.

Zeitdruck, Arbeitsverdichtung, nörgelnde Kunden

Projektarbeit galt lange Zeit als ideale Organisationsform für Wissensarbeiter, die ihnen viel Raum für Kreativität und selbstbestimmtes Arbeit ließ. Doch diese Privilegien sind passé: Zeitdruck, Arbeitsverdichtung, nörgelnde Kunden, verschwindende Grenzen zwischen Arbeits- und Privatsphäre oder eine vermehrte Tendenz zur Selbstausbeutung treten mittlerweile an die Stelle von kreativen Freiräumen. Obwohl das im Prinzip bekannt ist, überraschten Gerlmaier die Studienergebnisse in ihrer Krassheit; die Befragten zeigen ein deutlich erhöhtes Gesundheitsrisiko und massive Anzeichen von Erschöpfung. 26 Prozent der Projektmitarbeiter können nach der Arbeit nicht mehr abschalten oder haben das Gefühl, nicht mehr alles zu schaffen. Besonders alarmierend sei, dass sich 42 Prozent von ihrer Arbeit erschöpft fühlen, jeder Vierte glaubt, dass er die derzeitigen Leistungsanforderungen auf Dauer nicht erfüllen könne. "Fremdbestimmte Selbstausbeutung" treibe viele in diese Angstspirale.

Auch die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Projektmitarbeiter sind gravierender als bei den repräsentativ gemischten Beschäftigten verschiedenen Typs, die in einer anderer Studie nach ihrer Arbeitsbelastung befragt wurden. Von den Projektmitarbeitern klagten 63 Prozent über Müdigkeit (in der Vergleichsgruppe waren es nur 17 Prozent), 48 Prozent über Nervosität und 29 Prozent über Schlafstörungen.