Der Android-Slider im Praxistest

Blackberry PRIV – Das Beste aus zwei Welten?

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Mit dem nun auch in Deutschland erhältlichen Android-Slider PRIV schlägt Blackberry neue interessante Wege ein, ohne seine Herkunft und vor allem seine Prinzipien zu verleumden. Ob der Plan aufgeht? Wir haben das Gerät im Redaktionseinsatz auf Herz und Nieren getestet.

Ein Android-Smartphone von Blackberry? Noch vor wenigen Jahren wäre ein solches Produkt schlichtweg undenkbar gewesen. Doch in der jüngsten Vergangenheit hat sich Einiges geändert, was ein solches Gerät plausibel, wenn nicht sogar logisch und absehbar macht.

Damit ist nicht nur der gegen Null fallende Marktanteil der Kanadier im Smartphone-Markt gemeint. Vielmehr hat sich Blackberry unter der Führung von John Chen weiterentwickelt und unter dem Strich weitgehend unabhängig von einem eigenen Betriebssystem (und eigenen Smartphones) gemacht: Nicht nur die hauseigene EMM-Lösung BES 12 (vom Zukauf Good Technology ganz zu schweigen), sondern auch Dienste und Anwendungen wie Blackberry Messenger (BBM), Blackberry Hub, WatchDox (FSS) oder die SecuSuite für verschlüsselte Telefonate unterstützen auch andere Mobile-Betriebssysteme.

Datenzugriff mobil - aber bitte geschützt - Foto: ArtFamily - shutterstock.com

Datenzugriff mobil - aber bitte geschützt

Hinzu kommt, dass sich das mobile Google-Betriebssystem dank Android for Work und anderen Maßnahmen inzwischen im Unternehmen nutzen lässt, ohne die Sicherheit der Daten komplett (!) aufs Spiel zu setzen. Benchmark in Sachen Security ist dem Unternehmen zufolge das eigene Betriebssystem Blackberry 10, wobei dieses Level beim PRIV aktuell allerdings noch nicht erreicht wird - möglicherweise könnte dies aber nach einem Update auf Android 6.0 der Fall sein.

Soweit zu den Gründen für die Kanadier, ein eigenes Android-Smartphone zu bauen. Doch was hat das Blackberry PRIV Nutzern zu bieten? Nachdem wir das Device einen Monat lang in der Redaktion im Einsatz hatten, hier unser Erfahrungsbericht.

Hardware vom Feinsten

Eines muss man Blackberry lassen: Für den Neustart mit Android haben sich die Kanadier nicht lumpen lassen. Zumindest im Vergleich mit den bisherigen Blackberry-Geräten wurde nämlich deutlich in die Hardware investiert, was sich allerdings auch im relativ hohen Preis von 779 Euro manifestiert. Für das Geld bekommt der Käufer unter anderem ein von Samsung stammendes 5,4 Zoll großes AMOLED-Display, das mit 2560 x 1440 Pixeln auch noch sehr hoch (540 PPI) auflöst, und ähnlich wie beim Samsung Galaxy S6 Edge gebogene Ränder aufweist.

Optisch ansprechend wie auch das gesamte Gerät, hält sich der Nutzen der Kurven allerdings aktuell (noch) in Grenzen. Beim Laden wird am linken Bildschirmrand ein Balken angezeigt, der über den Ladezustand des Akkus informiert. Außerdem befindet sich dort im oberen Drittel die virtuelle Lasche des Produktivitäts-Tab. Zieht man diesen in Richtung Bildschirmmitte, kann man bequem aus (vielen) Anwendungen heraus eingegangene Mails und Nachrichten, anstehende Termine oder Aufgaben einsehen. Doch auch eine Schattenseite des geschwungenen Bildschirms wollen wir nicht verschweigen: Wegen des fehlenden Rahmens ist das Display bei einem Sturz auf die Vorderseite extrem bruchgefährdet.

Physische Tastatur als Alleinstellungsmerkmal

Als absolutes Alleinstellungsmerkmal unter der Flut an Android-Smartphone bietet das Blackberry PRIV eine unter dem Display versteckte vollständige Hardware-Tastatur zum Herausschieben. Der Schiebemechanismus ist dabei dank eingebauter Feder sehr leichtgängig und macht gleichzeitig einen wie von Blackberry gewohnt robusten Eindruck.

Alleinstellungsmerkmal des Blackberry PRIV unter Androiden: Die Hardwaretastatur
Alleinstellungsmerkmal des Blackberry PRIV unter Androiden: Die Hardwaretastatur
Foto: Blackberry

Was den Sinn und Zweck der Hardwaretastatur anbelangt, teilen sich die Meinungen. Tatsache ist, dass es sehr viele Nutzer gibt, die aus praktischen Gründen (Apps, Apps, Apps) auf iOS oder Android gewechselt sind, aber dem physischen Keyboard ihres alten Blackberry-Geräts wegen der Texteingabemöglichkeit mit haptischem Feedback nachtrauern. Nachdem vorangegangene Anläufe der Kanadier mit dem Blackberry Classic oder dem etwas ungewöhnlich geformten Passport nicht genug Erfolg zeigten, startet Blackberry nun einen weiteren Versuch, diese Zielgruppe zurückzugewinnen. Im Fall vom PRIV setzen die Kanadier jetzt auf eine schmalere, dafür aber vierreihige Tastatur.

Aber auch Novizen und Spätgeborene gewöhnen sich nach etwas Übung an die heutzutage ungewöhnliche Eingabemethode über physische Tasten. Hilfreich ist dabei, dass man stets als Alternative auch die hervorragende On-Screen-Tastatur nutzen kann und die Hardwaretastatur etwa nur bei längeren Texten einsetzt. In beiden Fällen werden dem Anwender dabei noch während des Schreibens drei Wortvorschläge angezeigt. Da das System mitlernt, muss man nach kurzer Zeit nur noch einen Bruchteil der Wörter tatsächlich eintippen und wischt die meiste Zeit. Bei Verschreiben drückt man zweimal kurz auf die Tastatur, um anschließend via Cursor zur gewünschten Position im Text zu springen.

Wie bei Blackberry nicht anders zu erwarten, eignen sich die Tasten der physischen Tastatur auch für Shortcuts, etwa zum Öffnen bestimmter Apps oder Kommunikation mit einem bestimmten Kontakt. Ebenfalls praktisch ist die Möglichkeit, das ausgezogene Keyboard etwa beim Lesen von Web-Seiteninhalten als Trackpad zu nutzen, da die Tasten berührungsempfindlich (kapazitiv) sind.

Einen Wehmutstropfen gibt es indes bei der Benutzung der physischen Tastatur: Im ausgezogenen Zustand drückt das gesamte Gewicht des PRIV - immerhin 192 Gramm - auf das Keyboard, weshalb die Arme bei längerem Schreiben schnell ermüden wenn man das Smartphone nicht abstützt.

Oberklasse in punkto Ausstattung

Was die restliche Hardwareausstattung anbelangt, ist das Blackberry PRIV den Android-Devices der Oberklasse zuzurechnen. Motor des Smartphones ist der unter anderem auch im LG G4, LG V10, Nexus 5X oder Lumia 950 verwendete Snapdragon-808-Chipsatz mit sechs (4+2) bis zu 1,8 Ghz getakteten Kernen. Bei Beanspruchung wird der SoC sehr warm, was unangenehm an der aus gewobenen Kohlefaser bestehenden Rückseite des PRIV auffällt, andererseits aber auch nicht schadet, da die Hitze abgeführt wird.

Für allzu leistungsintensive Spiele ist der Blackberry-Androide allerdings nicht das geeignetste Gerät, der Schwerpunkt liegt eher bei der Nutzung von Productivity-Apps. Hierbei wird der Hitzkopf von stattlichen 3 GB RAM unterstützt, während der interne Speicher sich auf 32 GB beläuft. Bei Bedarf kann dieser jedoch via MicroSD-Karte - zumindest theoretisch - auf bis zu 2 TB erweitert werden. Erwähnenswert sind noch die von Schneider-Kreuznach zertifizierte 18-Megapixel-Kamera, die von einem Dual-LED-Blitz unterstützt wird, sowie der Akku mit einer Kapazität von 3.410 mAh. Diese Ladung bringt den Nutzer problemlos über den Tag - sofern dieser nicht über mehrere Stunden hinweg daddelt.

P wie Privacy

Wie von Blackberry kaum anders zu erwarten, ergreifen die Kanadier beim PRIV zusätzlich Maßnahmen, um das Android-System abzusichern. So prüft Blackberry ähnlich wie Samsung bei den Galaxy-Geräten bei jedem Start die Integrität des Android-Betriebssystems, um das Gerät auf Hardware- und Softwareebene vor bösartigen Manipulationen zu schützen. Außerdem wird der Speicher standardmäßig mit FIPS140-2 verschlüsselt.

Außerdem informiert die hauseigene App DTEK jederzeit detailliert über den Sicherheitsstatus des Geräts, angefangen von der Bildschirmsperre über die Nichtaktivierung der Entwickleroptionen bis hin zum Zugriff durch Anwendungen auf Mikrofon, Kamera, Standort und persönliche Informationen. Da auf dem Blackberry PRIV aktuell noch Android 5.1.1 installiert ist, fehlt derzeit noch als wichtige Funktion die Möglichkeit, die Zugriffsrechte der Anwendungen zu regulieren. Dieses Feature soll mit dem Update auf Android 6.0 Marshmallow nachgereicht werden - wann die neue Version bereitgestellt wird, wurde allerdings noch nicht kommuniziert.

Last, but not least verspricht Blackberry Hotfixes sowie monatliche Sicherheits-Updates, erst kürzlich wurde das Dezember-Update zum Marktstart in Deutschland bereitgestellt. Wenn das PRIV direkt bei Blackberry gekauft wurde, können diese Updates unmittelbar aufgespielt werden. Stammt das Device von einem Carrier-Gerät gibt es wie gewohnt eine Verzögerung, Blackberry verspricht aber, dass die Updates immerhin beschleunigt abgenommen werden.

Wünschenswert wäre aus Sicht vieler Anwender noch ein Fingerabdruck- oder Iris-Scanner wie bei iPhone, Lumia 950 & Co. gewesen - sei es als alleiniger Entsperrmechanismus oder zur Zwei-Faktor-Authentifizierung. Und was den Einsatz im Business anbelangt - hier suchen ja immer noch etliche Unternehmen eine Alternative zu den alten Blackberrys - fehlen zusätzliche Schnittstellen (API) für das Mobile Device Management, wie sie Samsung bei den Galaxy-Geräten (Stichwort Samsung Knox) für EMM-Lösungen bereitstellt.

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Kiezgängerin

Ich besitze seit heute den neusten BB Priv. Ich kann sagen, nach fast 5 Jahren BB Torch 9800 und 9810 Besitzer, bin ich erst mal postitiv beeindruckt. Nachteil, die Größe, dennoch ein gelungende neue Berry als mein eigen endlich nennen zu dürfen und das Android störrt mich nicht im geringstem, im Gegenteil, mehr Apps Möglichkeiten sind dadurch gegeben und vielseitiger als in dem BB10 Betriebssystem. Und vergleicht man das Samsung Edge mit dem BB Priv, finde ich den Priv von der Aufmachung her stabiler als das S. Edge.

Ich bin jedenfalls schon mal begeistert.

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