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Arbeitsmarkt

Vor der Karriere steht der Lebensplan

03.01.2007
Autor(en): Hanna Wittstadt.
Gute Vorsätze gehören zu Silvester wie die Böller, lösen sich aber oft geräuschlos in Luft auf. Wer ein erfülltes statt gefülltes Leben führen will, braucht Zeit und muss sich auch unangenehme Fragen stellen.

Hier lesen Sie...

  • warum viele gute Vorsätze schnell wieder vergessen werden;

  • warum die wirklich wichtigen Dinge im Leben selten dringend sind;

  • welche Lebensbereiche für die Work-Life-Balance wichtig sind.


Sind Weihnachtsessen und Verwandtenbesuche vorbei, lassen viele Menschen das vergangene Jahr Revue passieren: Was habe ich erreicht, was nicht? Was hat mir Freude bereitet, was Stress? "Wenn kein Handy mehr klingelt und selbst Ablenkungen wie das Einkaufen wegfallen, fragen sie sich plötzlich: Wofür schufte ich tagaus, tagein? Bin ich mit meiner Rolle in der Familie zufrieden? Macht mich meine Beziehung glücklich? Wer sind meine Freunde?", sagt Georg Kraus, Inhaber der Unternehmensberatung Dr. Kraus und Partner in Bruchsal. " Das sind gefährliche Fragen. Unser inneres Gleichgewicht gerät schnell ins Wanken, wenn wir auf sie keine befriedigenden Antworten finden."

Künstlicher Freizeitstress

Darum versuchen viele Menschen, solche Fragen erst gar nicht hochkommen zu lassen. Die Münchner Trainerin Ursula Widmann-Rapp beobachtet bei Bekannten und Geschäftspartnern immer wieder, wie diese ihre freie Zeit wie Arbeitszeit verplanen. Ein Termin jagt den anderen: Nach dem Kaffeetrinken bei den Eltern noch schnell mit Freunden ins Kino. Außerdem im Keller Ordnung schaffen und - das war schon lange geplant - das Computerspiel installieren. So bleibt auch in der Freizeit keine "freie Zeit".

"Auszeiten werden aber immer wichtiger", sagt Kraus. Denn überall wird mehr Eigenverantwortung gefordert: Wir sollen uns lebenslang weiterbilden. Wir sollen stärker auf unsere Gesundheit achten. Wir sollen uns um unsere Alterssicherung kümmern. "Wir werden ständig mit Herausforderungen konfrontiert, von denen wir oft noch nicht wissen, wie wir sie bewältigen sollen. Schließlich sind sie neu. Also brauchen wir Zeit, um neue Lösungswege zu entwerfen", so Kraus.

Die Qual der Wahl

"Immer häufiger stehen wir außerdem vor Situationen, in denen wir uns entscheiden müssen", ergänzt Eckart Morat, Trainer und Berater aus Weisenheim am Berg (Pfalz). Ziehe ich um, weil ich Karriere machen möchte, oder sind mir meine Freunde daheim wichtiger? Spare ich 150 Euro monatlich fürs Alter, oder kaufe ich mir erst mal ein neues Auto? Will ich mit meinem Partner Kinder bekommen, oder ist mir meine Unabhängigkeit wichtiger? Morat: "Wenn wir uns für eine Sache entscheiden, müssen wir uns gleichzeitig gegen vieles andere entscheiden." Alles zugleich sei nicht möglich. Wenn ein Partner heute in Berlin und morgen in New York arbeitet, während der andere in Peking an seiner Karriere bastelt, ist es schwer, gemeinsam eine stabile Liebesbeziehung und Familie aufzubauen. "Bevor wir uns entscheiden, müssen wir aber zunächst wissen, was uns wirklich wichtig ist", ergänzt Kraus. Sonst bestehe die Gefahr, dass wir zwar viele Vorsätze fassen, diese aber in der Alltagshektik wieder vergessen. Das liege dann daran, dass diese Vorsätze nicht in unserer Lebensvision verankert seien und wir sie angesichts erster Widerstände aufgäben.

Eine Lebensvision brauchen wir laut Beraterin Widmann-Rapp auch, "weil das wirklich Wichtige in unserem Leben selten dringend ist. Aus diesem Grund schieben wir gerade die wichtigen Dinge oft vor uns her." Einige Beispiele. "Es ist nie dringend, joggen zu gehen. Es wäre aber gut für unsere Gesundheit. Es ist nie dringend, mit unseren Kindern zu spielen. Es wäre aber positiv für deren Entwicklung. Es ist nie dringend, mit dem Partner auszugehen oder ein Gespräch zu führen. Es wäre aber wichtig für die Beziehung. Und es ist auch nie dringend, sich zu fragen: Welchen Sinn hat mein Leben? Es wäre aber von Vorteil, um nicht in eine Sinnkrise zu geraten."

Ein erfülltes Leben gelingt nur dem, der alle vier Lebensbereiche (Sinn und Kultur, Arbeit und Leistung, Familie und Kontakt, Körper und Gesundheit) berücksichtigt - so Berater Lothar Seiwert.
Ein erfülltes Leben gelingt nur dem, der alle vier Lebensbereiche (Sinn und Kultur, Arbeit und Leistung, Familie und Kontakt, Körper und Gesundheit) berücksichtigt - so Berater Lothar Seiwert.

"Viele Menschen geben sich der Illusion hin: Wenn ich alles schneller erledige, habe ich für alles Zeit", beobachtet Kraus. Die Konsequenz ist meist nur, dass die Menschen "nicht mehr durchs Leben gehen, sondern rasen". Und irgendwann stellten sie resigniert fest: Nun führe ich zwar ein noch gefüllteres, aber kein erfülltes Leben. Weil dieses Lebensgefühl immer mehr Menschen plagt, nehmen die Lebensratgeber in Buchhandlungen ganze Regale ein. Häufig beziehen sie sich auf das Work-Life-Balance-Modell des Beraters und Autors Lothar Seiwert, der sich auf das Thema Zeit-Management spezialisiert hat. Ihm zufolge stehen die vier Lebensbereiche "Körper und Gesundheit", "Familie und Kontakt", "Beruf und Leistung" sowie "Sinn und Kultur" in einer Wechselbeziehung zueinander. Wer ein erfülltes Leben führen möchte, muss laut Seiwert deshalb für die rechte Balance zwischen diesen Lebensbereichen sorgen. "Das schaffen wir aber nur, wenn wir eine Vision unseres künftigen Lebens haben", ist Berater Morat überzeugt. Eine solche Lebensvision lässt sich jedoch nicht schnell entwickeln. Hierfür müssen wir uns eine Auszeit von der Alltagshektik nehmen, etwa die Zeit zwischen den Jahren.

Ziele absprechen

"Setzen Sie sich also, nachdem Sie den Weihnachtsbraten verdaut haben, einmal in Ruhe hin", rät Morat. "Und fragen Sie sich bezogen auf alle vier Lebensbereiche: Was ist mir wirklich wichtig? Worin zeigt sich für mich ein erfülltes Leben? Was sollte ich 2007 tun, damit ich auf Dauer ein glückliches und erfülltes Leben führe?" Berater Kraus empfiehlt, die Antworten und die Schritte, die sich daraus ergeben, aufzuschreiben und sich mit dem Partner über die Lebensziele auszutauschen. Denn auch er hat Ziele. Zudem ist man vielfach auf seine Unterstützung angewiesen, um die eigenen Ziele zu erreichen. "Nur so können Sie sich auf die Kompromisse verständigen, die nötig sind, damit beide Partner die Dinge erreichen, die ihnen wirklich wichtig sind", mahnt Kraus. "Sonst stehen Sie irgendwann zwar auf der Karriereleiter ganz oben, aber Sie haben auf dem Weg dorthin etwas noch Wichtigeres verloren - nämlich ihren Lebenspartner." Beziehen Sie deshalb in das Formulieren Ihrer Lebensvision und Ihrer Ziele für 2007 alle Personen ein, die Ihnen wichtig sind. Hierdurch steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Ihre Vorsätze umsetzen. Denn sie sind in einer gemeinsamen Vision verankert.

*Hanna Wittstadt ist freie Journalistin in Darmstadt.



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