x86-Server erobern die Rechenzentren

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Standardisierte Server auf Basis von x86-Architekturen von Intel oder AMD übernehmen immer mehr Aufgaben klassischer Risc-Unix-Systeme. Unternehmen profitieren von einem breiten Angebot und niedrigen Kosten.

Die Ära der mächtigen Risc-Unix-Server geht zu Ende. Vorbei sind die Zeiten, in denen IT-Verantwortliche für kritische Anwendungen ausschließlich auf Systeme mit eng gekoppelten Prozessor- und Betriebssystem-Techniken setzten. Glaubt man x86-Protagonisten wie dem Direktanbieter Dell, gehört die Zukunft standardisierten Rechnersystemen unter Windows oder Linux.

Dass dahinter mehr als eine Marketing-Botschaft steckt, zeigt ein Blick auf die weltweiten Umsätze mit Server-Betriebssystemen (siehe Grafik). Nach Erhebungen von Gartner bringen die meisten Unix-Derivate den Herstellern kaum noch Umsatzzuwächse, in einigen Segmenten sind die Einnahmen (Lizenzen, Wartung, Support) sogar rückläufig. Ganz anders Windows- oder Linux-Systeme, die in der Regel auf x86-Rechnern genutzt werden. Sie fahren regelmäßig zweistellige Wachstumsraten ein.

Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Vergleich der insgesamt mit Servern erzielten Umsätze (Hardware und Betriebssystem). Im Zeitraum von 2002 bis 2014 rechnet Gartner für alle weltweit verkauften Unix-basierenden Server mit einem durchschnittlichen Umsatzrückgang von 0,8 Prozent pro Jahr, während Linux- und Windows-Rechner auf Zuwachsraten von 1,5 beziehungsweise 0,7 Prozent kommen.

Kostenvorteile

Der Aufstieg der x86-Server hat vielfältige Gründe. "Die meisten Unternehmen wollen damit schlicht und ergreifend Kosten sparen", beobachtet Gartner-Analyst Andrew Butler. Dabei hätten sie nicht nur die Anschaffungskosten im Auge, sondern beispielsweise auch die immer wiederkehrenden Wartungsaufwendungen. Michael Homborg, Marketing-Manager bei Fujitsu-Siemens Computers (seit 1. April Fujitsu Technology Solutions), bestätigt diese Einschätzung. Schon seit längerem verzeichne der Hersteller eine stark wachsende Nachfrage nach x86-Systemen. Vor allem Kostenvorteile spielten dabei eine entscheidende Rolle. Homborg: "Das geht jetzt in der Krise erst richtig los."

Auch für IBM ist das x86-Segment trotz der margenstärkeren Unix-Server und Großrechner ein wichtiger Markt geworden, erläutert Ingolf Wittmann, Sales Manager in der Systems & Technology Group. Erst kürzlich hat die deutsche Tochter des IT-Konzerns eine eigene Vertriebsmannschaft für x86-Server aufgestellt.

Technische Gründe für x86

Neben Preisvorteilen spricht das breite Angebot an Servern unterschiedlichster Leistungsklassen für die x86-Plattform. Aufgrund der standardisierten Architektur können Unternehmen ohne größeren Aufwand den Lieferanten wechseln und die Abhängigkeit von einem Hersteller verringern. Doch es gibt auch technische Gründe für das x86-Konzept. Für Butler heißt das schlagende Argument Softwarekompatibilität: Fast alle für die Plattform entwickelten Anwendungen laufen unverändert auf x86-Servern sämtlicher Hersteller, ganz im Gegensatz zu Risc-Unix-Systemen, auf denen Applikationen in der Regel auf bestimmte Kombinationen aus Prozessoren und Betriebssystemen (beispielsweise Suns Sparc-CPUs und das Unix-Derivat Solaris) zugeschnitten sind.

Megatrend Virtualisierung

Zu den wichtigsten Treibern des x86-Marktes gehört der Trend zur Virtualisierung, darin sind sich Experten einig. Bemerkenswert erscheint diese Entwicklung vor allem deshalb, weil die x86-Architektur im Gegensatz zu den mächtigen Konkurrenten aus dem Risc/Unix-Lager zunächst gar nicht für virtualisierte Umgebungen ausgelegt war. Das aber ändert sich derzeit. Die Prozessorhersteller Intel und AMD arbeiten mit Hochdruck an einer verbesserten Unterstützung von Virtualisierungstechniken. Moderne Chipsets und CPUs entlasten beispielsweise die ressourcenhungrigen Hypervisor von VMware, Citrix oder Microsoft von Routineaufgaben und sorgen für eine deutlich höhere Verarbeitungsleistung in virtualisierten Server-Umgebungen. (Mehr dazu auf Seite 16.)

Mit Hilfe von Virtualisierungstechniken können Unternehmen mehrere dezentrale Server jetzt auch auf leistungsstarke x86-Server konsolidieren. Diese Option war lange Risc-Unix- oder Mainframe-Plattformen vorbehalten, die dazu ausgereifte Techniken anboten. Die oberbayerische Alphaform AG beispielsweise, ein Komplettanbieter im Bereich Rapid Prototyping und Kleinserien, konsolidierte 14 dezentrale x86-Server auf vier leistungsstärkere SunFire Server mit jeweils zwei Opteron-CPUs von AMD. Sowohl Server- als auch Speichersysteme arbeiten virtualisiert unter dem ESX-Server der EMC-Tochter VMware.

Blades sparen Energie

In ganz anderen Dimensionen dachten die IT-Verantwortlichen des Prozesstechnikherstellers Endress+Hauser. Sie ersetzten rund 250 Dell-Server durch sieben Intel-basierende Highend-Server von IBM. Bei einer Nettoinvestition von 1,2 Millionen Euro ergebe sich ein jährliches Sparpotenzial von 1,4 Millionen Euro, berichten die Verantwortlichen. Das eingesetzte Kapital rentiere sich damit bereits nach zehn Monaten.

Am meisten profitiert die x86-Architektur vom Formfaktor der Blade-Systeme, dem derzeit am schnellsten wachsenden Segment im Server-Markt. Gartner berichtet von jährlichen Steigerungsraten von 18 Prozent bezüglich der verkauften Systeme und 16 Prozent gemessen am Umsatz. Unternehmen sähen in den flachen Servern eine Ergänzung zu den bereits vorhandenen Systemen, erklären die Marktforscher das Phänomen. Sie wollten damit insbesondere Platz und Energie sparen. Immer mehr IT-Manager nutzten x86-basierende Blades als strategische Plattform im Rechenzentrum.

Dazu beigetragen hat auch die stetig zunehmende Leistung der Prozessoren mit mehreren Rechenkernen (Multicore). Intels kürzlich vorgestellte Nehalem-Architektur etwa bringt den Rechnern einen weiteren Schub. "Heute erhältliche x86-Server wären im Jahr 2000 noch als Highend-Systeme für den SAP-Betrieb klassifiziert worden", vergleicht IBM-Manager Wittmann. Dementsprechend drängten x86-Systeme in Anwendungsbereiche vor, die lange Zeit eine Domäne von Risc-Unix-Plattformen oder Großrechnern waren. Wittmann zählt dazu unter anderem ERP-Systeme, Datenbanken, Business Intelligence und Data Warehousing.

Hat Risc-Unix eine Zukunft?

An ein baldiges Aussterben der klassischen Rechenboliden glaubt trotzdem kaum ein Experte. "In Sachen Verwaltbarkeit haben die großen Server noch immer die Nase vorn", urteilt Gartner-Mann Butler. Bis die x86-Protagonisten den Vorsprung aufgeholt hätten, werde noch einige Zeit vergehen. Zudem bräuchten klassische Risc-Unix-Nutzer lange, bis sie eine in ihren Augen riskante Migration auf eine andere Plattform wagten. Ganz anders verhielten sich Startup-Unternehmen. Die meisten Cloud-Provider etwa würden x86-Server bevorzugen.

Während die Umsätze mit Unix-Betriebssystemen nahezu stagnieren, glänzen Windows und Linux auf x86-Servern mit zweistelligen Zuwachsraten.
Während die Umsätze mit Unix-Betriebssystemen nahezu stagnieren, glänzen Windows und Linux auf x86-Servern mit zweistelligen Zuwachsraten.

In der Zukunft erwartet Gartner zwei unterschiedliche Typen von Rechenzentren: zum einen "Legacy Data Center", die wegen vorhandener Altsysteme oft gar keine Chance hätten, auf andere Plattformen zu wechseln. Zum anderen so genannte New Generation Data Center, die häufig auf der grünen Wiese entständen und sich nicht um Altanwendungen kümmern müssten. Sie setzten in der Regel strategisch auf x86-Systeme unter Windows oder Linux. Butler: "Risc-Unix wird dort nur noch genutzt, wenn es unbedingt nötig ist."

Was für x86-Server spricht

Kostenvorteile durch standardisierte Technik und hohe Stückzahlen.

Große Auswahl relevanter Produkte.

Problemloser Wechsel des Lieferanten.

Einfache Skalierung durch Hinzufügen weiterer Rechner.

Softwarekompatibilität: Anwendungen laufen unverändert auf Rechnern unterschiedlicher Hersteller.

Zunehmende Unterstützung von Virtualisierungstechniken in Prozessoren und Chipsets.

Große Stückzahlen ermöglichen hohe Entwicklungsgeschwindigkeit der CPU-Hersteller.