Kommentar zur Propaganda im Fall FBI vs. Apple

Wird FBiOS zur Gefahr für das Silicon Valley?

Mark Zimmermann weist mehrere Jahre Erfahrung in den Bereichen Mobile Sicherheit, Mobile Lösungserstellung, Digitalisierung und Wearables auf. Er versteht es diese Themen aus den aus unterschiedlichsten Blickwinkeln für unternehmensspezifische Herausforderungen darzustellen. Hierzu ist er auf nationale Vorträgen und als freier Autor für Fachpublikationen tätig.
Apple versucht sich mit allen juristischen Mittel gegen den Richterspruch zu wehren, dem FBI eine besondere iOS-Version bereitzustellen, um das Hacken des Terroristen-iPhones zu ermöglichen. Doch selbst für den Fall, dass der Konzern damit nicht erfolgreich bleibt, die Folgen des FBiOS wären verheerend, nicht nur für Apple.
Foto: FBI Photos

Es gibt Menschen, die Apple in der Angelegenheit, das Terroristen-iPhones von Syed Rizwan Farook zu hacken, zustimmen oder widersprechen, dem FBI Widerstand zu leisten. Das ist alles ein Teil unserer Demokratie, der hoch gehaltenen Meinungsfreiheit. Interessierte können sich ein 18 Minuten-Video von John Oliver ansehen, mit einer sehr guten Zusammenfassung des aktuellen Streitfalles zwischen Apple und dem FBI.

Der Umgangston wird aber immer irrer und wilder. Kürzlich erklärt nun ein Sheriff aus Florida, er würde Tim Cook inhaftieren, bis Apple den Forderungen des FBI nachkommt. Dies, ich würde es als Beugehaft bezeichnen, äußert ein Gesetzeshüter im TV und ist damit auch auf YouTube weltweit einsehbar.

Nach Meinung des San Bernardino District Attorney (Bezirksstaatsanwalt), könnte es sich sogar um eine digitale Waffe handeln, die einen "Cyber Pathogen" beheimatet, der dann die San Bernardino-Infrastruktur angreifen und zerstören würde. Auch wenn das im ersten Moment gefährlich klingt - wer würde so etwas schließlich ohne Indizien behaupten - ist das doch wohl eher der Stoff für einen guten Jugendfilm. Der gewählte Begriff stammt aus der Harry-Potter-Welt.

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Bei einer Wahlkampfveranstaltung im US-Bundesstaat South Carolina hatte der republikanische Bewerber Donald Trump spontan zum Boykott aufgerufen. "Wenn Apple die Informationen über den Terroristen den Behörden nicht zur Verfügung stellt, werde ich solange ein Samsung-Gerät verwenden, bis sie es tun", twitterte er. Lange hat es nicht gehalten. Seit einer Woche nutzt Trump, wie die Metadaten seiner Tweets zeigen, wieder fleißig das iPhone.

Bereits rückfällig geworden: Donald Trump drohte, sein iPhone gegen ein Samsung-Device zu tauschen.
Bereits rückfällig geworden: Donald Trump drohte, sein iPhone gegen ein Samsung-Device zu tauschen.
Foto: a katz/ Shutterstock.com

Und die US-Regierung hält die angestoßene Debatte für ein Ablenkungsmanöver. Apple versuche, es so darzustellen, als handle es sich um mehr als den Fall eines einzelnen iPhones. Es sei jedoch tatsächlich nur ein Einzelfall - scheinbar hören die Vertreter nicht was das FBI selbst dazu sagt. Aber überlegen Sie was ein nicht technisch versierter Mensch denkt, der nur hört "Apple will nicht helfen" und diese Geschichten mitbekommt. Es würde mich nicht wundern wenn er auf diese Propaganda hineinfällt.

Was sagt Präsident Obama?

Barack Obama: Technologieunternehmen müssen selbst eine Lösung finden, wie sie Ermittlungsbehörden helfen können.
Barack Obama: Technologieunternehmen müssen selbst eine Lösung finden, wie sie Ermittlungsbehörden helfen können.
Foto: Weißes Haus

US-Präsident Barack Obama sprach auf dem Technikfestivals "South by Southwest" auch über Verschlüsselung und damit indirekt über den Fall Apple vs. FBI. Seine gewünschte Lösung kommt einem Abschaffen der Verschlüsselung gleich, er beschreibt (und glaubt) es aber anders.

Auch wenn er den konkreten Fall des iPhone von San-Bernardino-Attentäter nicht direkt kommentieren will, verwies er darauf, dass die Technologieunternehmen selbst eine Lösung des Problems finden müssen, um den Ermittlungsbehörden zu helfen. Dabei erteilt er den bekannten Risiken aus dem kriminellen Umfeld, wirtschaftlichen Anliegen, sogar den Anliegen von Regimen, eine klare Absage, eine berechtigte Sorge zu sein.

Sollte die Technologieunternehmen am Gegensatz "entweder perfekte Verschlüsselung oder eine Welt wie bei Big Brother" festhalten, dann könnte der Kongress irgendwann strengere und "nicht ausreichend durchdachte" Gesetze verabschieden. Kindesentführern, Terroristen, Kinderpornographie und nationale Sicherheit. Diese Schreckgespenster hält auch Obama in seiner Rede hoch.

Obama räumt ein, die Technologie dahinter nicht zu verstehen ("Ich bin kein Softwareentwickler!") , aber dies hindert ihn nicht, seine Erwartung zu nennen. Leider ein Phänomen, das in der Politik weltweit zu verzeichnen ist: Aussagen aus der Rolle heraus, vielleicht (wenn man Glück hat) durch Experten geprägt, aber ohne eigenen Sachverstand. Es ist in der Rolle auch nicht möglich, alles zu wissen und es gibt bestimmt politische Rahmenbedingungen die einzuhalten. Hoffnung gibt jedoch, dass der Präsident seine (Un-)Kenntnis transparent macht, hier muss man zugeben, das findet man selten.

Der Vortrag kann in YouTube (http://youtu.be/wfsIZioIpdI) umgeschnitten gesehen werden. Schauen Sie ihn sich ruhig an, vielleicht können Sie mich auf Missverständnisse oder andere Details in den Kommentaren hinweisen.

Showdown in den nächsten 24 Stunden

Am Dienstag wird das Urteil in der Sache Apple gegen FBI verkündet und damit maßgeblich die Weiche für das FBiOS gelegt oder dieses (erst einmal) eingebremst. Heute, einen Tag vorher, könnte Tim Cook aber noch für einen Überraschungsmoment sorgen. Bis vor wenigen Wochen galt es in der Szene als klar, dass Apple seinen anstehenden iPhone/iPad Event um den 14./15. März abhalten wird. Apple hat den Event aber nun für den heutigen Abend ( 21. März ) angekündigt, also genau einen Tag vor dem Gerichtstermin.

Nach den ganzen Ereignissen rund um das iPhone des Attentäters von San Bernardino, wäre es schon eine Überraschung, wenn Tim Cook nicht die mediale Aufmerksamkeit seiner Keynote nutzen würde, die Position Apples in dieser Hinsicht noch einmal, aus Kundensicht, klarzustellen.

Vielleicht geht Tim auch auf die Gerüchte ein, dass Apple auch für jegliche iCloud-Kommunikation eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung anstrebt.

Was passiert wenn Apple sich beugen muss ?

Apples Sicherheitsexperten sind sich scheinbar großteils im Klaren, wie sie sich verhalten, wenn Apple dem Zwang für ein iOS mit Hintertür (FBiOS) folgen muss. Einige wollen demnach ihre/die Arbeit behindern, andere denken darüber nach ihre Jobs zu kündigen anstatt das Betriebssystem zu kompromittieren. Lange arbeitslos wären Menschen mit diesem Know How nicht.

Aber unabhängig wie schnell sich die Menschen finden, mit denen Apple die Forderung umsetzen kann. Es wäre ein Präzedenzfall geschaffen, der zu einer Lawine an ähnlichen Forderungen von Sicherheitsbehörden für alle US-Technologiefirmen führen würde.

Verschlüsselung lässt sich aber auch damit nicht verbieten. Greift die USA die Hardware-Produkte und IT-Dienste aus dem eigenen Land an, freuen sich andere Drittanbieter. So wird auch der Traum der deutschen IT-Branche gestärkt: Je schwächer Apples Verschlüsselung wird, desto attraktiver werde auch deutsche IT-Sicherheitstechnologie für den Einsatz in Apps. Das dies vielleicht nur richtig erreicht werden kann, wenn die USA sich selbst ein Bein stellen, ist das Ironische daran.

One more Thing

Wenn Farook wirklich eine Verbindungen zur ISIS gehabt hätte, wäre es verdächtig ruhig von Seiten der NSA. Würde diese Verbindung bestehen, wäre das ein Fall der NSA und falls die es nicht gewusst hätte, wäre das ein ganz schöner Fehlschlag des Nachrichtendienstes.

Apple geht es mit ihren Sicherheitsmaßnahmen darum, Kunden vor Hackern und Kriminellen zu schützen. Das FBI sollte Apple unterstützen. Statt dessen steht das nächste "Opfer" des FBI mit WhatsApp schon fest. Es wird Zeit, dass eine Entscheidung getroffen wird, die der IT des heutigen Jahrhunderts gerecht wird. (mb)