Zukunft der Arbeit

Wir haben es in der Hand

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Industrie 4.0 und Digitalisierung verändern die Arbeitswelt. Viele Jobprofile verschwinden, neue entstehen.

Unterhalb des Artikels finden sie die Broschüre "Arbeitswelt 2020 - Die Jobs der Zukunft" zum kostenlosen Download.

Kaum jemand verlässt ohne sein Smartphone das Haus, der kleine Computer für die Hosentasche navigiert uns durch den Alltag. Dabei stellte Steve Jobs das erste iPhone erst 2007 vor, heute ist es ein Massenartikel und für viele unentbehrlich. Wir kaufen heute über das Netz ein, buchen dort unsere Reisen oder vernetzen uns mit Freunden auf allen Kontinenten. Unser moderner Lebensstil funktioniert nur im und mit dem Netz. Die Digitalisierung verändert längst die Art und Weise wie wir Leben und Arbeiten.

Die digitale Transformation verändert die Arbeitswelt.
Die digitale Transformation verändert die Arbeitswelt.
Foto: sdecoret - shutterstock.com

Wir stecken mitten in der digitalen Transformation. Schon heute sollen 20 Milliarden Gegenstände weltweit miteinander vernetzt sein, denn das Internet of Things (IoT) zählt neben Industrie 4.0 zu den großen Baustellen der Veränderung. Noch weiß keiner genau, wo die Reise hingeht, allerdings gibt es ein paar Gewissheiten: Nur wer offen und neugierig für Neues bleibt, sich den Spaß am Lernen erhält, bleibt vermutlich zukünftig auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Gerade weil die Entwicklungen neu - oder wie Manager gerne sagen "disruptiv" sind, kennt niemand die Jobprofile von morgen. Den digitalen Wandel zeichnen zwei Aspekte aus: Geschwindigkeit, sie ist die Triebfedern des modernen Lebens sowie Flexibilität.

Wie die Fabrikhallen der Zukunft aussehen, können Besucher im kürzlich in Stuttgart eröffneten "Future Work Lab" des Fraunhofer-Instituts erleben. Roboter übernehmen Routineaufgaben und arbeiten dort gemeinsam mit Fachkräften. "Arbeit verändert sich, sie wird schneller, dynamischer und flexibler. Daraus entstehen neue Formen der Mensch-Maschine-Interaktion", sagt Wilhelm Bauer, Institutsleiter des Fraunhofer IAO. Die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine ist ein Bildschirm. Die digitalisierte neue Arbeits- und Lebenswelt funktioniert nur mit smarten IT-Systemen, die im Hintergrund problemlos laufen.

Laut Wilhelm Bauer, Institutsleiter des Fraunhofer IAO, entstehen neue Formen der Mensch-Maschine-Interaktion.
Laut Wilhelm Bauer, Institutsleiter des Fraunhofer IAO, entstehen neue Formen der Mensch-Maschine-Interaktion.
Foto: Fraunhofer IAO

Gemeinsam Arbeiten und Teilen

Cloud-Lösungen erleichtern die Zusammenarbeit und den Austausch von Ideen. Gemeinsam über eine Plattform an einem Projekt arbeiten oder auch Software im Team entwickeln sind längst Alltag, einsame Tüftler gibt es nur noch wenige. Über eine virtuelle Arbeitsumgebung teilen Mitarbeiter früh ihre Ideen und suchen gemeinsam nach einer Lösung. Während sie bisher oft erst eine perfekt ausgearbeitete Lösung teilten, fließen heute neue Ideen schon früh in ein Projekt ein, das Team findet die Lösung oft schneller.

Wenn beispielsweise ein großer Sportartikelhersteller einen neuen Turnschuh entwickelt, teilen Designern, Materialspezialisten und Fertigungsfachleute ihre Expertise über eine Plattform. "Es gibt Firmen, die Datenträger von den USA nach Asien durch einen Boten transportieren lassen", sagt Dennis Woodside von Dropbox. Über eine Cloud-Plattform gelangen diese Daten heute direkt per Mausklick vom Design-Studio in die Fabrik.

Mit der digitalen Transformation verändern sich auch die Strukturen im Unternehmen. Internationale, über alle Kontinente verteilte Teams zählen in vielen Firmen längst zum Alltag. Auch die Rolle der Führungskraft verändert sich. Autoritäre Strukturen verschwinden, Chefs agieren wie ein Coach und weniger wie ein General. Auch weil die Anforderungen diffus und immer komplexer werden, braucht es viele Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten in einem Team, um möglichst viele Facetten abzubilden.

Wie kann die Digitalisierung erfolgreich genutzt werden?

Doch trotz aller Euphorie, viele Unternehmen suchen noch nach einer Strategie, wie sie die Digitalisierung erfolgreich für sich nutzen können. Gleichzeitig wissen sie, dass heute ihre Konkurrenten Google, Amazon oder Tesla heißen. "Technisch ist viel machbar, aber wie sieht das Geschäfts- und Bezahlmodell aus?", fragte kürzlich Kurt Schmalz, Geschäftsführer des gleichnamigen Maschinenbauunternehmens aus dem Schwarzwald während eines Kongresses zur Zukunft der Arbeit. Das mittelständische Unternehmen zählt zwar zu den Anwenderunternehmen, die die Digitalisierung als Chance sehen, doch eine schlüssige Antwort auf diese Fragen weiß auch der erfahrene Manager nicht. "Die Arbeit wird sich verändern", sagt Schmalz und fügt hinzu: "Der Mensch wird noch wichtiger; wir müssen Anwenderwissen und IT zusammenführen."

Mit der Automatisierung verwinden immer mehr einfache Tätigkeiten in der Produktion oder auch in Verwaltungen, der Trend zur Rationalisierung wird weiter zunehmen. Zwar argumentieren Arbeitsmarktexperten, dass es keine Massenarbeitslosigkeit geben wird, weil neue Berufe entstehen. Das niederländische Bankhaus ING-Diba kommt in einer Studie zu anderen Ergebnissen und prognostiziert, dass hierzulande 18,3 Millionen Arbeitsplätze gefährdet sind. Finnland experimentiert als erstes europäisches Land mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Aber neue Geschäftsmodelle denken sich noch nicht Roboter aus, sondern kreative Köpfe. Den Ratschlag, den Kurt Schmalz seinen Mitarbeitern mit auf diese ungewisse Reise gibt, können sich alle zu Herzen nehmen: "Ihr müsst auf die Uhr gucken, nicht auf den Kalender."

Das sichert den Job in der Zukunft

  • Offen und neugierig sein, sich mit neuen Technologien, Plattformen und Anwendungen beschäftigen.

  • Am Ball bleiben, sich selbst weiterbilden. Das Netz offeriert einen nahezu unerschöpflichen Fundus an Quellen: Blogs, kostenlose Moocs oder User-Groups zu fast jedem Thema.

  • Ideen und Trends kritisch hinterfragen zählt ebenso dazu, denn nicht jedes Geschäftsmodell ist neu oder ethisch vertretbar. Mit der Digitalisierung werden auch moralische Grenzen neu abgesteckt. Wer weder Immanuel Kant noch Hannah Arendt lesen möchte, kommt auch mit der einfachen Frage weiter: Cui bono? Wem nutzt es?

Buchtipp: Die Maschine steht still

Zu den großen literarischen Wiederentdeckungen des vergangenen Herbstes zählt die Kurzgeschichte "Die Maschine steht still", des 1879 in London geborenen Romanciers E.M. Forster, die bereits im Jahr 1909 veröffentlicht wurde. In der düsteren Geschichte leben die Menschen bereits unter der Erde, die Oberfläche ist verseucht und unbewohnbar. Die Maschine kümmert sich um alle Bedürfnisse der Menschen; sie dient der Unterhaltung, über sie kommunizieren die allein lebenden Menschen miteinander und selbst Anrufe mit Bildübertragung, heute als Skype bekannt, gibt es bereits. Erstaunlich, dass ein Autor vor mehr als 100 Jahren, als weder Computer noch das Internet erfunden waren, solch ein Zukunftsszenario imaginiert hat und auch die Probleme vorweg nimmt, die dadurch entstehen können, wenn das Denken an die Maschine delegiert wird. Ein lesenswertes Buch und Warnung zugleich, das rechte Maß zu seinem Smartphone nicht aus den Augen zu verlieren.

E.M. Forster: Die Maschine steht still. Hoffmann und Campe, Hamburg, 2016, 78 Seiten, 15 Euro.

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