Gartner Symposium 2014

"Wir brauchen Ethiker und Psychologen in der IT"

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Alles dreht sich um Digitalisierung - und damit um den Menschen. Das hat Folgen für die IT, aber auch fürs ganze Unternehmen. Mit dieser Botschaft stiegen die Analysten von Gartner in ihr jährliches Symposium in Barcelona ein.

Junge Menschen unter 25 Jahren empfinden ein eigenes Auto überwiegend als Belastung. Sie nutzen eines, wenn sie es brauchen, oder sie suchen sich eine Mitfahrgelegenheit. Die Bindung sei schwach, anders als beim Smartphone. Dem digitalen Begleiter widmet die junge Generation ihre volle Aufmerksamkeit - vom ersten "digitalen Moment" am Morgen bis zum letzten schläfrigen Blick in der Nacht. So beschrieb Gartner-Chef Peter Sondergaard das "Digital-First-Individuum".

Foto: Gartner

Diese Generation sei die Hauptzielgruppe für das digitale Business. Oder wie Sondergaard es in seiner Keynote-Rede ausdrückte: "Digitale Menschen definieren die neuen Möglichkeiten." Unternehmen, die das Thema ernst nähmen, müssten ihre Angebote für diese Menschen entwerfen, umsetzen und ausliefern, so der Global Head of Gartner Research weiter. Dazu seien nicht nur neue Business-Modelle, sondern auch andere Prozesse notwendig.

Vor allem in drei Beziehungen werde sich die Fokussierung der Firmen auf das Digital Business auswirken, so Sondergaard:

  • auf die Machtverteilung im Unternehmen,

  • auf die technischen Investitionen und

  • auf die Personalpolitik.

Die Machtverschiebungen kämen daher, dass immer mehr Geschäftseinheiten wie Start-ups agierten, so der Gartner-Chef. Sie hätten einen völlig unbelasteten Zugang zum "Nexus of Forces", den Gartner im vorletzten Jahr postulierte, und der sich wohl am besten mit Konvergenz innovativer Technologien übersetzen lässt. Und sie bezahlten die genutzte Technik oft aus eigenem Budget: "38 Prozent der IT-Investitionen werden heute schon außerhalb der IT getätigt." In Zeiten, da die IT-Budgets kaum mehr im einstelligen Bereich wachsen, hätten das mittlerweile auch die Anbieter mitbekommen und verkauften direkt ans Business.

Doch auch die konventionellen IT-Budgets werden sich in ihren Strukturen verändern, prognostizierte Sondergaard: Anstelle langfristiger Dienstleistungsabkommen werden sich die Unternehmen immer häufiger für schnell zugängliche Services aus der Cloud entscheiden. Statt großer ERP-Systeme, die zum Zeitpunkt des kompletten Rollout schon Wartungskosten in doppelter Höhe der Anschaffung gekostet haben, werden Firmen zunehmend modularisierte SaaS-Angebote nutzen. Und die Rechenzentren werden zunehmend aus integrierten Infrastrukturpaketen zusammengestellt.

Last, but not least wird sich laut Sondergaard die Digitalisierung der Welt auch auf die Personalstruktur der Unternehmen auswirken. Damit sprach der Analyst nicht nur den häufig zitierten War for Talents an, sondern auch Phänomene wie Crowdsourcing. Als ein Beispiel nannte er die dänische Saxo Bank: Sie hatte festgestellt, dass einige ihrer Kunden intelligenter Geld anlegen als die hauseigenen Experten. Folglich nutzt die Bank nun deren Strategien als Entscheidungshilfe für einen Teil ihrer Investments.

Gartner Symposium 2014
Gartner Symposium 2014
Foto: Gartner

Digitalisierung ist Teamwork

Nach wie vor werden Unternehmen eine "traditionelle" IT brauchen: solide, sicher, stabil, verlässlich. Aber wenn Gartner in seinen Umfragen feststellt, dass der Aufwand, den CIOs für den operativen Bereich treiben, immer noch steigt statt zu sinken, ist das laut Sondergaard kein gutes Zeichen. Es bedeute, dass die IT noch immer keine Zeit habe, um sich mit der Gestaltung der Prozesse, Architekturen und des gesamten digitalisierten Unternehmens zu beschäftigen.

Zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung der CIOs bestehe eine Diskrepanz, so der Gartner-Mann. Jeder zweite CIO sei der Ansicht, er sei der Digital Leader im Unternehmen. Von den CEOs will das aber nur jeder siebte glauben. Die Unternehmenslenker halten die Digitalisierung für Teamwork, das sich auf viele Schultern verteilt. Wenn der CIO hier mitspielen will, muss er sich nach der Decke strecken.

Das bimodale Unternehmen

Der CIO müsse die "bimodale IT" beherrschen, den soliden Modus eins und den eher flüchtigen Modus zwei. Ein Beispiel dafür beschrieb Vice President und Gartner Fellow Tina Nunno: Das Informationssystem des Honkong Transit System MTR sorge einerseits dafür, dass die Züge pünktlich fahren (Modus eins), könne aber auch ad hoc Taifun-Warnungen ausgeben und die notwendige Kommunikation mit den Passagieren übernehmen (Modus zwei).

48 Prozent der von Gartner befragten CIOs verfügten über keinen zweiten Modus, sorgt sich Nunno. Sie hätten ihre Karriere auf dem Modus eins - sicher, verlässlich, akkurat - aufgebaut und seien nur schwer in der Lage, sich umzustellen. Das müssten sie aber. Denn es gehe am Ende nicht nur um die bimodale IT, sondern um das bimodale Unternehmen.