Digitalisierung

Wie Insurtech-Firmen die Versicherungen herausfordern

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
CIOs aus dem Versicherungssektor tun gut daran, sich intensiv mit den Technologie-Startups in ihrem Umfeld zu befassen. Sie sollten das Innovations- und Disruptionspotenzial dieser Newcomer nutzen, um ihre eigenen Digitalstrategien zu vervollständigen.

Wie die Analysten von Gartner ermittelten, haben 16 der 25 größten Versicherungsgesellschaften weltweit bereits direkt oder indirekt über ihren Venture-Capital-Arm in sogenannte Insurtechs investiert. Die großen Anbieter von Lebens-, Sach- und Unfallversicherungen werden außerdem bis Ende 2018 zu 80 Prozent einschlägige Startups gekauft oder eine Kooperation mit ihnen gestartet haben. Wie Analyst Jürgen Weiss auf dem Gartner Symposium/ITxpo in Australien ausführte, können Insurtechs Innovationen in den großen Versicherungsunternehmen stimulieren und beschleunigen. Im Idealfall seien sie Impulsgeber für die Digitalisierungsstrategien.

"Wir sehen ein wachsendes Interesse unter den Versicherern und deren IT-Chefs, mit Insurtechs zusammenzuarbeiten und sie in ihre Innovationspläne zu involvieren. Unsere Marktforschung zeigt allerdings auch, dass die meisten Unternehmen mit den Startups nicht vertraut sind und ihre potenziellen Wertbeiträge nicht kennen", so Weiss. Er empfehle den CIOs bestimmte Bereiche zu identifizieren, in denen die Insurtechs ihre digitalen Versicherungsstrategien - komplementär zum Stammgeschäft der Versicherungen - einbringen könnten. So lasse sich das Potenzial einer Zusammenarbeit oder eines Investments bewerten.

Insurtechs knabbern an den Wertschöpfungsketten der Versicherungen

Die Analysten definieren Insurtechs als Technologiefirmen in einem frühen Entwicklungsstadium, die bestimmte Elemente aus den Wertschöpfungsketten der Versicherungen herauspicken und diese mit neuen Technologien besser oder innovativer gestalten. In den vergangenen drei Jahren hat sich die Anzahl solcher Jungunternehmen mehr als verdoppelt. Ihr Technologiefokus liegt meist auf digitalem Customer Engagement, mobilem Versicherungs-Management sowie auf Analytics.

Das Spektrum der Insurtechs ist breit gefächert. Mikroversicherungen zur Abdeckung kleinerer Risiken - etwa im Online-Handel - sind häufig zu finden, ebenso Vergleichsportale, die Preise und Versicherungswerte analysieren. Ein Unternehmen wie Check 24 lässt sich kaum noch als Startup bezeichnen, das Unternehmen besetzt die Kundenschnittstelle und hat mit diesem Ansatz die Kräfteverhältnisse im Markt massiv verschoben.

Teilweise decken die Newcomer auch Risiken ab, die zuvor nicht versicherbar waren - zum Beispiel die Online-Reputation, das Ausleihen von Fahrzeugen oder das Nutzen von Gegenständen oder Wohnungen in Sharing-Modellen. Hinzu kommen Anbieter auf der betrieblichen Seite, die beispielsweise Versicherungsrisiken berechnen, Schäden ermitteln oder andere Teile der Prozessketten von Versicherungen übernehmen (Siehe auch die kostenlose Oliver-Wyman-Studie zum Thema "Zukunft von Insurtech in Deutschland" (PDF)).

Nur 27 Prozent der Insurtechs sind im Großraum Europa, Naher Osten und Afrika (Emea) entstanden, zwei Drittel haben ihre Zentralen in den USA. In Asien haben Länder wir Singapur und China (hauptsächlich Hongkong und Shanghai) damit begonnen, die Entstehung eines lokalen Insurtech-Ökosystems voranzutreiben.

Obwohl laut Gartner die Digitalisierung das wichtigste Thema für CIOs klassischer Versicherungen ist, sind die meisten von ihnen derzeit nicht in der Lage, ihre Digitalstrategien entscheidend voranzutreiben. Nur zwölf Prozent, so die Analysten, halten ihr Unternehmen für "digital progressiv", die Mehrheit sehe sich als "Anfänger" oder "Mittelmaß". Viele CIOs nennen ihre vorhandenen Legacy-Systeme als größte Barriere auf dem Weg zu innovativeren Geschäftsmodellen. Außerdem verhindern angeblich unzureichende Budgets und fehlendes Personal den Sprung in die digitale Zukunft.

Gartner nennt sechs Optionen für Versicherungen, um sich die Entwicklungen der Insurtechs zu sichern:

  • Partnerschaft: Zum Beispiel arbeitet die AXA Versicherung mit dem Carsharing-Dienst BlaBlaCar zusammen. Nutzer des Dienstes sind automatisch bei AXA versichert und schließen dafür keine Police ab und zahlen keine Extragebühr.

  • Kauf: Versicherungen übernehmen die intellektuellen Assets und stellen die Mitarbeiter ein.

  • Kauf von Lösungen/Produkten: Man kauft beim Insurtech-Unternehmen ein wie bei einem Softwarehaus.

  • Investieren: Über den eigenen Venture-Capital-Arm kaufen Versicherungen einen Unternehmensanteil - so wie ihn sich beispielsweise die Münchner Allianz bei Simplesurance gesichert hat. Der E-Commerce-Anbieter von Produktversicherungen verkauft nun europaweit in mehr als 1500 Online-Shops auch Allianz-Produkte.

  • Inkubator: Man unterstützt Startups durch Mentoring, Arbeitsräumlichkeiten und kollaborativen Austausch, um sie später in den eigenen Startup-Accelerator zu übernehmen - sofern sie sich vorher gegen etwaige Mitbewerber durchsetzen.

  • Man versichert den Betrieb oder die Assets der Insurtechs.

CIOs von Versicherungen, die mit Insurtechs partnern wollen, sollten sich laut Weiss allerdings auch der Risiken bewusst sein. "Nicht alle von ihnen werden überleben", so der Gartner-Mann. "CIOs sollten einen 'Fail-Fast-Approach' entwickeln und einen Exit-Plan für den Fall, dass geistiges Eigentum und wettbewerbskritische Ressourcen geschützt werden müssen."