Fachkräftemangel

Was IT-Abteilungen für ihr Image tun können

03.12.2013
Peter Ilg ist freier Journalist in Aalen.
Weil Informatiker auf Jobsuche freie Auswahl haben und Software- und Beratungshäuser bevorzugen, sind IT-Abteilungen in Unternehmen gefordert, auf sich aufmerksam zu machen.

Es gibt Teilarbeitsmärkte wie die für Ingenieure und Informatiker, in denen die Kandidaten ihre Arbeitgeber selbst auswählen. Experten nennen dies einen Arbeitnehmermarkt. Märkte regeln bekanntlich Angebot und Nachfrage. Und wo die Nachfrage höher ist als das Angebot, hilft digitale Kreativität. "Es ist wichtig, dass die Firmen ihre Zielgruppe finden", sagt Sascha Armutat, Leiter Forschung und Themen in der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. Die Kunst sei, die richtigen Bewegungsmuster im Netz zu finden. Er weiß von einer Firma, die herausfand, dass Ingenieure und ITler häufig in Foren für Kochrezepte vertreten sind: "Dort hat sie mit Erfolg eine Werbekampagne platziert."

Und dennoch sei selbst dieser Volltreffer immer nur Teil eines gesamten Marketing-Mix, das Employer Branding und damit Personal-Recruiting dient - unter anderem bestehend aus der eigenen Homepage als Basis, Auftritten in Social Media, Hochschulmessen, Praktika und Abschlussarbeiten. "Wer einmal angefangen hat, eine Arbeitgebermarke aufzubauen, der ist gezwungen, weiterzumachen." Wird die Marke nicht gepflegt, geht sie zugrunde. Nach Ansicht von Armutat sollte jedes Unternehmen nur eine einzige Arbeitgebermarke betreiben, eventuell modifiziert für spezifische Zielgruppen wie IT-Fachkräfte.

Werbefilm für IT-Bewerber

Das macht die R+V-Versicherung in Wiesbaden. "Wir haben einen Drei-Minuten-Film gedreht, der sich speziell an IT-Experten richtet", berichtet Verena Kohl aus dem Personal-Marketing. Der Streifen ist auf der Homepage verlinkt und wird auf einer Micro-Site angeboten, damit deren Seiteninhalte auch auf mobilen Endgeräten gut lesbar sind. "Das haben wir deshalb gemacht, weil Informatikern eine besondere Affinität zu mobilen Medien nachgesagt wird", so Kohl. Die Rechnung gehe auf, wie die hohen Klickzahlen zeigten.

"In dem Film zeigen wir, dass R+V in der IT fast alles selbst macht", sagt ihre Kollegin Miriam Stein. Das reicht von der Konzeption bis hin zur Implementierung. R+V hat sogar ein eigenes IT-Vorstandsressort für die rund 800 IT-Mitarbeiter. Drei Zielgruppen spricht das Unternehmen mit seinen Aktivitäten an, die dem Recruiting dienen. Schüler aus Wiesbadener Schulen der Klassen 12 und 13 lädt die R+V regelmäßig zum Bewerbertraining ein und erzählt dort, welche Möglichkeiten der Ausbildung es im Unternehmen gibt. Die R+V ist zudem auf Hochschulmessen und in sozialen Netzwerken präsent, unter anderem bei Xing und mit einem eigenen R+V-Blog.

"Ohne Internet und Social Media funktionieren Recruiting und Employer Branding heute nicht", sagt Stein. IT-Fachleute nutzten diese Medien wie alle anderen, aber mit dem Unterschied, "dass sie den Aufbau von Seiten professionell bewerten". Benedikt Windorfer kam auf ganz typischem Weg zu seinem Job bei Audi: "Ich hatte schon immer eine hohe Affinität zu Autos. Deshalb habe ich mich um ein Praktikum beworben." Damit war ein Anfang gemacht. Windorfer studierte Wirtschaftsinformatik in Regensburg und kam für seine Abschlussarbeit wieder zu Audi. Er beschäftigte sich mit der Integration von IT-Systemen im Handel. Von dieser Abteilung wurde er übernommen, absolvierte berufsbegleitend ein Master-Studium in Informatik und wechselte zum Jahresbeginn 2013 in das Audi-App-Center: "Ich finde es spannend, neue Medien mit dem Fahrzeug zu verbinden."

Wirtschaftsinformatiker Benedikt Windorfer bewarb sich schon früh um ein Praktikum bei Audi und entwickelt dort nun neue Apps.
Wirtschaftsinformatiker Benedikt Windorfer bewarb sich schon früh um ein Praktikum bei Audi und entwickelt dort nun neue Apps.
Foto: Audi

Etwa 2000 IT-Spezialisten arbeiten bei Audi, die eine Hälfte in der zentralen IT, die andere in der technischen Entwicklung. Tendenz steigend. "Ja, Informatiker denken an Audi, wenn sie einen interessanten Job suchen", versichert Audi-CIO Mattias Ulbrich. Das zeigten die vielen Bewerbungen. Zum Teil kommt das aus dem Engagement des Automobilbauers auf Messen wie der CES in Las Vegas, von Anzeigenkampagnen, Hochschulmessen und der Resonanz in den Medien: Audi liegt laut der Absolventenbefragung der Berliner Marktforscher von Trendence auf Platz acht im Ranking der beliebtesten Arbeitgeber von IT-Absolventen. Zudem profitieren die Ingolstädter davon, dass bekannte Marken Absolventen geradezu magisch anziehen. Wer bei Audi arbeitet, muss niemand erklären, was die Firma macht. Und es gibt einen ganz wichtigen fachlichen Grund: "Ein Auto ist Praxis und nicht Theorie. Bei uns sehen Informatiker das Ergebnis ihrer Arbeit, etwa bei der Steuerung unserer Produktionslinien." Auf das sichtbare Ergebnis ihrer Arbeit legten sie ganz besonderen Wert.

"Macher in den Mittelstand, Konservative in den Konzern"

Auf der Suche nach dem geeigneten Arbeitsplatz bieten sich Informatikern viele Alternativen: Softwarehaus oder Anwenderunternehmen, Startup oder Old Economy, Mittelstand oder Großunternehmen. Karriereberaterin Svenja Hofert erklärt, wie man dem idealen Job näher kommt.

CW: Was sind die wichtigsten Kriterien, anhand derer sich ein Bewerber für den einen oder anderen Arbeitgeber entscheiden sollte?

Hofert: Man sollte sich gründlich über das Unternehmen informieren und versuchen herauszufinden, wie dessen Perspektiven sind. Es ist sinnvoll, sich an innovative Branchen zu halten - aber ein Branchenwechsel ist nicht ganz leicht zu bewerkstelligen. Darüber müssen sich Bewerber im Klaren sein.

CW: Informatiker können in der IT-Branche, aber auch in Anwenderunternehmen arbeiten. Was spricht für die Hersteller, was für die Anwender?

Karriereberaterin Svenja Hofert: "Wenn man merkt, dass die Chemie nicht stimmt, sollte man keinen Tag zögern und sich eine andere Stelle suchen."
Karriereberaterin Svenja Hofert: "Wenn man merkt, dass die Chemie nicht stimmt, sollte man keinen Tag zögern und sich eine andere Stelle suchen."
Foto: Privat

Hofert: Für die IT-Branche spricht, dass man an neuen Produkten arbeitet, während man in den Anwenderunternehmen bestehende Anwendungen nutzt. In der IT-Branche wird entwickelt, in den Unternehmen Anwendungen zur Verfügung gestellt. Jeder muss selbst wissen, was er lieber macht.

CW: Wer passt besser in den Mittelstand, wer in einen Konzern?

Hofert: Grundsätzlich ist es so, dass Menschen, die rasch vorankommen wollen, sich selbst gut steuern können und Freude am Gestalten haben, sich in kleineren Betrieben wohler fühlen. Wer teamorientiert ist, Entscheidungen lieber mit anderen gemeinsam trifft und eine strukturierte Weiterbildung und Förderung bevorzugt, dürfte in einem großen Unternehmen besser aufgehoben sein.

CW: Und was tun, wenn man während der Probezeit merkt, dass die Wahl eventuell doch nicht die richtige war: kündigen oder hoffen, dass es besser wird?

Hofert: Die Probezeit ist dafür da, dass sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer kennenlernen. Wenn man merkt, dass die Chemie nicht stimmt, sollte man keinen Tag zögern und sich eine andere Stelle suchen. Während der Probezeit zu kündigen ist kein Makel im Lebenslauf.

CW: Wie lange sollte man im ersten, wie lange im zweiten Job bleiben? Gelten dafür Regeln?

Hofert: Nicht mehr. Es dauert zwei bis drei Jahre, ehe Berufserfahrung aufgebaut ist. Erst dann profitiert man von der Praxis, sei es bei Gehaltsverhandlungen, einem eventuellen Aufstieg oder einem Stellenwechsel. Ich treffe aber immer häufiger Menschen um die 50, die solche Empfehlungen nicht mehr interessieren. Wenn der Job langweilig ist, kündigen sie und machen von heute auf morgen etwas Neues.