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Update: Mit Siebel kauft Oracle Marktanteile

13.09.2005
"Die Akquisition von Siebel bringt uns dem Ziel einen Schritt näher, global die Nummer eins im Geschäft mit Business Software zu werden", begründet Oracle-Chef Lawrence Ellison den Milliarden-Deal.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - "Die Akquisition von Siebel bringt uns dem Ziel einen Schritt näher, global die Nummer eins im Geschäft mit Business Software zu werden", begründete Oracle-Chef Lawrence Ellison den jüngsten Milliarden-Deal. Damit ist die Stoßrichtung des kalifornischen Datenbankspezialisten klar. Oracle zielt darauf ab, mit Zukäufen den Abstand zu Branchenprimus SAP zu verringern und langfristig die Nummer eins in diesem Marktsegment zu werden.

Das lässt sich Oracle 3,61 Milliarden Dollar kosten (siehe auch: Oracle übernimmt Siebel für 5,85 Milliarden Dollar). Bei einem Gebot von 10,66 Dollar je Siebel-Aktie hat der Deal ein Gesamtvolumen von 5,85 Milliarden Dollar. Abzüglich der Barreserven des Spezialisten für Customer-Relationship-Management-Software (CRM) in Höhe von 2,24 Milliarden Dollar muss Ellison jedoch nicht ganz so tief in die eigenen Taschen greifen. 1,5 Milliarden Dollar will der Datenbankspezialist aus den eigenen Barreserven begleichen, der Rest soll auf dem Kapitalmarkt aufgenommen werden.

Fakten Oracle

Gegründet: 1977

Zentrale: Redwood Shores (Kalifornien)

Mitarbeiter: 50.000

CEO: Lawrence Ellison

Jahresumsatz Geschäftsjahr 2004: 11,8 Milliarden Dollar

Gewinn Geschäftsjahr 2005: 2,9 Milliarden Dollar

Ellison über Siebel (2003): Siebel wird verschwinden.

Mit dem Kauf enden die seit Monaten kursierenden Gerüchte über das Ende von Siebel als eigenständiges Softwareunternehmen. Bereits im vergangenen Jahr kam im Rahmen des Kartellprozesses, den Oracle um die Übernahme von Peoplesoft führen musste, ans Licht, dass Ellison den CRM-Spezialisten Siebel ebenfalls als lohnendes Akquisionsziel betrachte. Im Mai dieses Jahres nahmen dann die Spekulationen zu, beide Unternehmen führten bereits Verhandlungen (siehe auch: Übernahme von Siebel durch Oracle bleibt vorerst ein Gerücht).

Siebel war in den vergangenen Jahren mit seinem Spezialansatz zunehmend unter Druck geraten. Die Produkte gelten als komplex, teuer und nur mit großem Aufwand zu implementieren. Trotz mehrfachem Wechsel an der Firmenspitze gelang es nicht, das Unternehmen wieder in ruhigeres Fahrwasser zu lenken. Nach nicht einmal einem Jahr musste im April 2004 Ex-IBM-Manager Michael Lawrie wegen schlechter Zahlen den CEO-Posten im kalifornischen Hauptquartier San Mateo räumen (siehe auch: Siebel tauscht schon wieder den CEO aus). Doch auch sein Nachfolger George Shaheen hatte wenig Fortune. Zwar bemühte sich der ehemalige Manager von Andersen Consulting um einen strikten Restrukturierungskurs. Intern musste er sich allerdings gegen ständige Attacken seitens der Investoren wehren, die beharrlich den Abbau der hohen Cash-Reserven forderten (siehe auch: Siebel sieht sich als Jäger, nicht als Gejagter). Über allem thronte der Firmengründer und Aufsichtsratsvorsitzende Thomas Siebel, der nach Einschätzung von Experten jederzeit die Geschäfte seines Unternehmens beeinflusste.

Fakten Siebel

Gegründet: 1993

Zentrale: San Mateo (Kalifornien)

Mitarbeiter: 5000

CEO: George Shaheen

Jahresumsatz Geschäftsjahr 2004: 1,3 Milliarden Dollar

Gewinn Geschäftsjahr 2004: 110,7 Millionen Dollar

Siebel über Ellison (2003): Larry, ich habe neun Jahre mit Dir zusammengearbeitet, das ist genug.

So war es auch nicht CEO Shaheen, sondern Siebel, der den Verkauf gemeinsam mit Ellison verkündete. "Die Dynamik im Softwaregeschäft hat sich in den vergangenen Jahren verändert", zog der 51-jährige Unternehmensgründer Bilanz. Statt Best-of-Breed-Anwendungen bevorzugten die Kunden heute aus Kostengründen integrierte Applikationspakete. Dieser Wandel sei mit ein Grund für den Verkauf von Siebel gewesen.

Hinsichtlich der Integration von Siebel sieht Ellison keine Probleme auf Oracle zukommen. Der jüngste Deal sei nicht mit der 18 Monate dauernden Übernahmeschlacht rund um Peoplesoft zu vergleichen. Der ERP-Konkurrent habe 2003 kurz vor Oracles Gebot den Wettbewerber J.D. Edwards geschluckt, was die ganze Sache verkomplizierte. Außerdem handle es sich bei Siebel um eine freundliche Übernahme. Daher funktioniere der Informationsaustausch wesentlich besser. Ferner könnten die Oracle-Verantwortlichen auf den bislang gewonnen Erfahrungen in Sachen Integration aufbauen.

Oracle-Übernahmen der vergangenen Monate

Dezember 2004: Peoplesoft (10,3 Milliarden Dollar), ERP-Software;

März 2005: Retek (650 Millionen Dollar), Branchenlösungen für Handelsunternehmen;

März 2005: Oblix (Kaufpreis nicht bekannt), Identity Management;

Juni 2005: Times Ten (Kaufpreis nicht bekannt), Real-Time-Infrastruktursoftware;

Juni 2005: Profit Logic (Kaufpreis nicht bekannt), Analysesoftware für Handelslösungen;

August 2005: i-Flex (900 Millionen Dollar/Mehrheitsbeteiligung), Branchenlösungen für Finanzinstitute;

August 2005 Context Media (Kaufpreis nicht bekannt), Content Management Tools;

September 2005: Siebel Systems (5,85 Milliarden Dollar), Customer Relationship Management.

Wie die Einbindung des CRM-Spezialisten vonstatten gehen soll, darüber liegen bislang kaum Informationen vor. Zur künftigen Personalpolitik äußerten sich die Oracle-Verantwortlichen bislang ebenfalls nicht. Finanzchef Greg Maffei verspricht sich Einsparungen vor allem auf der administrativen Seite. Inwieweit das Entlassungen unter der gut 5000 Köpfe zählenden Siebel-Belegschaft bedeutet, bleibt vorerst Spekulation. Ellison versicherte jedoch, auf das CRM-Know-how der Siebel-Mitarbeiter nicht verzichten zu wollen. Diese Äußerungen deuten darauf hin, dass wie im Falle der Peoplesoft-Übernahme zwar Stellenstreichungen im Bereich der Verwaltung anstehen könnten, Entwickler- und Vertriebsteams jedoch auf neue Jobs unter dem Oracle-Dach hoffen können (siehe auch: Oracle streicht 5000 Stellen). Ellison kündigte zudem an, eine

separate Vertriebsabteilung für CRM-Produkte aufbauen zu wollen.

Auch über die künftige Produktstrategie herrscht noch Unklarheit. Nach der Peoplesoft-Übernahme hatte Oracle angekündigt, unter dem Projekt Fusion bis 2008 eine einheitliche Applikationsplattform entwickeln zu wollen. Bislang lägen jedoch kaum Informationen darüber vor, bemängelte erst kürzlich Thomas Zoller von der ehemaligen Peoplesoft German User Group (GUG). Auch Vertreter von Oracle mussten einräumen, dass es noch keine detaillierten und spruchreifen Pläne für Fusion gebe (siehe auch: Oracles Applications-Kunden klagen über mangelnde Information und Kommunikation).

Bis es soweit ist, sollen die eigenen wie auch Siebels CRM-Produkte weiter gepflegt und vertrieben werden, versprach Ellison. Ähnliche Zusicherungen hatte es auch für die ERP-Produkte von Peoplesoft und J.D. Edwards gegeben (siehe auch: Oracle verspricht Kontinuität). Exakte Fristen für das Siebel-Portfolio nannte der Oracle-Lenker aber nicht. Ellison kündigte an, im Rahmen von Fusion eine CRM-Suite entwickeln zu wollen. Deren Herzstück soll Siebels CRM-Produkte sein. Diese seien weit verbreitet und böten die meisten Funktionen, räumte er ein. Von einem Konflikt, mehrere CRM-Produkte unterhalten zu müssen, will Ellison nicht sprechen. So bevorzugten E-Business-Kunden Oracles integriertes CRM-System. Das Gleiche gelte für Peoplesoft-Anwender. "Man sollte den Kunden die Wahl lassen."

Für die Anwender kam der Deal nicht überraschend. "Die Akquisition von Siebel zeige, dass Oracle den Bereich Business Software grundsätzlich als wichtig und strategisch einstuft", meint Frank Schönthaler, Koordinator der Special Interest Group (SIG) E-Business-Suite bei der Deutschen Oracle Anwendergruppe (Doag). Allerdings kosteten solche Integrationen auch Kraft, nicht nur finanziell, sondern auch für die weitere Entwicklung der Produkte und Strategie, mahnt der Doag-Manager. "Das bindet Ressourcen." Schließlich habe sich der eine oder andere Anbieter - darunter auch große Namen - schon einmal übernommen. "Diese Angst schwirrt sicher auch bei einigen Anwendern in den Köpfen herum." Letztendlich kaufe Oracle vor allem Märkte zu, lautet das Resümee Schönthalers. Daraus resultierten höhere Marktanteile sowie entsprechende Wartungserlöse. "Darauf kommt es Oracle in hohem Maße an."

Wolfgang Lenzen, zuständig für die Siebel-Installation beim Grafiktablett-Hersteller Wacom in Krefeld, sieht der Übernahme seines Softwarelieferanten gelassen entgegen. Als mittelständisches Unternehmen gebe es lediglich die Sorge, wie die längerfristige Produktstrategie von Oracle aussehen wird. Die Frage ist, ob Oracle mit den Siebel-Produkten künftig eher das Großkundengeschäft forciert und die mittelständischen Kunden womöglich hinten herunterfallen.

Analystenstimmen

Larry Ellison will es definitiv wissen und tut scheinbar alles, um die Nummer eins zu werden. Viel zu kaufen gibt es nicht mehr, an SAP oder Microsoft wird sich Ellison nicht heranwagen. (Hewson Group)

Oracle verfügt nun über ein breites Portfolio, wird aber im Markt nicht erfolgreich sein, wenn dieses in Form unabhängiger Produkte verkauft wird. (AMR Research)

Oracle festigt seine Rolle als Konsolidierungstreiber. Das Unternehmen überrollt Wettbewerber, die Umsätze und Marktanteile verlieren, aber über eine breite Kundenbasis und Branchenerfahrung verfügen. (Merrill Lynch)

Der Siebel-Deal dürfte die letzte große Akquisition für Oracle bedeuten. Künftige Zukäufe werden durch Technik oder Branchenexpertise getrieben sein. (UBS)

Um aus Siebel eine operative Marge von 40 Prozent herauszuholen, wird Oracle die gesamte Verwaltung und 80 Prozent von Siebels Vertriebsmitarbeitern entlassen müssen. (Needham)

Aus dem Deal resultiert eine gute Kombination von Techniken. Außerdem passt das Geschäft in die Strategie von Oracle, das Applikationsgeschäft auszubauen. (Piper Jaffray)

"Allerdings tut es gut zu wissen, dass das eingesetzte CRM-Tool nun bei einem ganz großen Hersteller aufgehängt ist", kann Lenzen dem Deal auch eine positive Seite abgewinnen. Hier sind die Ressourcen ganz anders verteilt. Während Siebel nur CRM gemacht hat, bietet Oracle von der Datenbank über die Middleware bis hin zu den Applikationen den gesamten Software-Stack an. "Alles aus einer Hand - das wollen die Leute doch." (ba,fn)