Web

re:publica'09

"Twitter hat die Blogszene verändert"

Simon verantwortet auf Computerwoche online redaktionell leitend überwiegend alle Themen rund um IT-Sicherheit, Risiko-Management, Compliance und Datenschutz. Er entwickelt darüber hinaus innovative Darstellungsformate, beschäftigt sich besonders gerne mit Datenanalyse und -visualisierung und steht für Reportagen und Interviews vor der Kamera. Außerdem betreut der studierte Media Producer den täglichen Früh-Newsletter der Computerwoche. Aufgaben in der Traffic- und Keyword-Analyse, dem Content Management sowie die inoffizielle Funktion "redaktioneller Fußballexperte" runden sein Profil ab.
Deutschlands Blogger blicken in eine ungewisse Zukunft. Gute eigene Inhalte, die ihre Bedeutung hervorheben könnten, werden infolge oberflächlichem Gezwitscher seltener. Zudem fehlt eine politische Lobby.

Zu diesen Erkenntnissen gelangte ein hochkarätig besetztes Diskussionspanel zur Eröffnung der 3. "re:publica"-Blogger-Konferenz in Berlin. Spreeblick.com-Gründer Markus Beckedahl, Techblogger Robert Basic, Medienjournalist Stefan Niggemeier und Netbook-Papst Sascha Pallenberg debattierten über das deutschsprachige Web 2.0 der kommenden Jahre.

Diskutierten die Zukunft des Bloggens in Deutschland: v.l. Moderator Thomas Knüwer, Markus Beckedahl, Robert Basic, Stefan Niggemeier und Sascha Pallenberg.
Diskutierten die Zukunft des Bloggens in Deutschland: v.l. Moderator Thomas Knüwer, Markus Beckedahl, Robert Basic, Stefan Niggemeier und Sascha Pallenberg.

Niggemeier stellte eingangs fest, dass der Neuigkeitswert, den Blogs noch vor ein bis zwei Jahren gehabt hätten, verschwunden sei. Seit die "digital natives" eher zum Kurznachrichtendienst Twitter als zum Weblog griffen, um sich mitzuteilen, gerieten qualitativ hochwertige eigene Inhalte ins Hintertreffen. Gute Artikel von Blogs würden laut Beckedahl (Zitat "Twitter hat die Blogszene verändert") per Mikroblogging zwar schneller verbreitet und auf vielen Sites diskutiert, die Zahl blogeigener Inhalte nehme laut Niggemeier jedoch wieder ab. Der Medienjournalist zeigte sich "erschüttert" über die geringe Menge eigener Inhalte in der deutschsprachigen Blogosphäre und beobachtete zugleich eine zunehmende Verbreitung von Inhalten, die zuvor von den "klassischen Medien" publiziert wurden. Hier blieben viele Chancen, im Informationsfluss wirklich etwas verändern zu wollen, auf der Strecke, so Niggemeier. "Stattdessen nehmen sich viele Blogger mittlerweile selbst manchmal etwas zu wichtig."

Als positives Signal, interaktive Elemente des Internets in die Gesellschaft und besonders auch die Unternehmen zu tragen, fasste Beckedahl auf, dass speziell Geschäftsentscheider über die Hintertür Facebook zum Blogging kämen. Das soziale Netzwerk, das eine Mikroblogging-Funktion integriert, gewinne nun auch in Deutschland an Bedeutung. Der Nachteil: "Social Networks wie Facebook oder Wer-kennt-wen sind geschlossene Gemeinschaften, die niemanden von außen hereinlassen", kommentierte der Spreeblick-Macher die Hürde der Registrierung bei diesen Angeboten. Hier hätten Weblogs mit ihren unkomplizierten Kommentar- und Trackback-Funktionen einen klaren Vorteil, der sich wegen der unklaren Gesetzeslage in Deutschland jedoch selten wirklich ausspielen lasse.

Die Runde forderte klarere Gesetze bezüglich Datenschutz und -speicherung anstatt der "weltfremden Einlassungen", die die Bundesregierung immer wieder als kompetente Problemlösungen verkaufe. Robert Basic, der unter viel Medienbeachtung kürzlich seinen Techblog basic-thinking.de versteigert hatte, ging sogar noch weiter: "Die Politik und damit auch die klassischen Medien sowie die Blogosphäre leben aneinander vorbei - wir brauchen eine Internet-Revolution." Eben weil das öffentliche Leben in Deutschland immer noch weitgehend ohne die Digitale Bohème stattfinde, benötige man vielleicht auch eine eigene Interessensvertretung, da die klassischen Gewerkschaften den Ansprüchen der Blogger nicht genügen könnten.

Deutsche Blogger denken zuviel

Das Problem, was Pallenberg sieht, ist das Konkurrenzdenken in der deutschen Bloggerszene: "Es wird mehr gegeneinander als miteinander gearbeitet", so der Netbooknews.de-Blogger. Auch die typisch deutsche Sorgfalt bremse Innovationen aus: "Viele Leute denken zuviel nach anstatt einfach zu machen - warum ist es denn so wichtig, ob ein Web-Video mit drei Scheinwerfern perfekt ausgeleuchtet wird? Ich bin mit den Videos am erfolgreichsten, die ich in aller Früh nach nur zwei Stunden Schlaf aufnehme und die so aussehen, als hätte Michael J. Fox sie gedreht", flapste Pallenberg.

Perfektion und der Wettbewerb im Kopf ist auch für Robert Basic ein typisch deutsches Problem: "Diese ständigen Wertungen - guter Blogger, schlechter Blogger, guter Content, schlechter Content - gehen mir nur noch auf den Sack." Das Motto der diesjährigen re:publica ist bezeichnenderweise "Shift happens" - Zeit also, dass sich auch wirklich etwas ändert.