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"Sybase ist keine Datenbank-Company mehr"

18.08.2000
Konzentration auf Portale, Finanzmärkte und Mobildatenbanken

Von CW-Redakteur Wolfgang Miedl

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit neuen Produkten und Strategien sucht das Datenbankunternehmen Sybase an einstige Erfolge anzuknüpfen. Statt einer vermutlich aussichtslosen Aufholjagd gegen Erzrivalen wie Oracle oder IBM konzentriert man sich auf Wachstumsbereiche wie mobile Datenbanken und auf vertikale Märkte wie den Finanzsektor und den Telekommunikationsbereich.

In seiner Keynote-Ansprache auf der internationalen User-Group-Konferenz Techwave in Florida verstieg sich CEO John Chen zu der Aussage, Sybase sei keine Datenbank-Company mehr. Vor Journalisten relativierte er später allerdings das Gesagte. Nach wie vor sei die Datenbanktechnologie das wichtigste Standbein seines Unternehmens, und das werde sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Er habe lediglich unterstreichen wollen, dass der zukünftige Erfolg von Sybase von den neuen Aktivitäten im E-Business-Sektor abhänge.

Das Unternehmen ist derzeit sichtlich bemüht, sein in den letzten Jahren etwas ramponiertes Image grundlegend zu korrigieren. Zu spät hatten die Kalifornier in den 90er Jahren auf den vor allem durch das Internet ausgelösten Strukturwandel reagiert und mussten Ende des Jahrzehnts einige verlustreiche Quartale hinnehmen. Hinzu kamen große Probleme in puncto Zuverlässigkeit und Performance der Datenbanken, was viele Kunden zum Weggang veranlasste.

Es geht wieder aufwärts

Nach jahrelangem Abwärtstrend hatte Sybase 1999 im Datenbankmarkt nach einer Studie von Dataquest einen Anteil von nur noch 3,3 Prozent. Oracle und IBMs DB2 teilen sich das größte Stück vom Kuchen mit zusammen 60 Prozent, während Microsoft mit dem "SQL Server" bei stark steigender Tendenz 13,1 Prozent hält. Die Analysten erwarten ein Anwachsen der Datenbankumsätze von acht Milliarden Dollar 1999 auf 12,7 Milliarden im Jahr 2004. Den Kampf um eine Führungsrolle im Datenbankmarkt hat das Unternehmen nun aufgegeben, weil sich laut Chen die Anforderungen im E-Business grundlegend geändert haben. Heute zeige sich die Qualität von Datenbanken darin, wie gut sie sich in eine umfassende Infrastruktur integrieren lassen.

Mittlerweile hat sich die wirtschaftliche Situation von Sybase deutlich gebessert. Die Geschäftsergebnisse der beiden letzten Quartale waren die besten in der Firmengeschichte. Auch an der Börse scheint das Softwareunternehmen Vertrauen zurückgewonnen zu haben. Nach dem schweren Kurseinbruch 1998 mit einem Tiefststand von unter fünf Dollar notiert das Papier nach einem stetigen Zuwachs derzeit wieder bei etwa 26 Dollar.

Sybase macht mobil

Eine seiner großen Chancen sieht Sybase im Bereich mobiler Datenbanken. Bereits seit 1992 sammelt der Ableger iAnywhere Solutions hier Erfahrungen und ist seit 1996 ununterbrochen Marktführer, wobei der weltweite Marktanteil 1999 stolze 61 Prozent betrug. Der Hauptanwendungsbereich der Mobilprodukte erstreckte sich bisher von Finanzdienstleistungen über das Gesundheitswesen bis zum Verkaufssektor. Sein Know-how kann das Unternehmen nun im boomenden Markt für drahtlose Datenübertragung und mobile Geräte wie Handhelds nutzen. Zusammen mit Ericsson entwickelt Sybase derzeit eine mobile Banking-Lösung für Smartphones. In Kooperation mit Casio werden zukünftig alle an Unternehmen verkauften "Cassiopeia"-PDAs auf Windows-CE-Basis serienmäßig mit der "SQL-Anywhere"-Datenbank ausgestattet. Das auch für "Palm OS" und "Epoc" erhältliche Produkt ist aufgrund seiner Größe von lediglich 100 KB im Kleingeräte- und im Embedded-Bereich universell einsetzbar.

Die Mobilarchitektur beruht im Wesentlichen auf drei Komponenten. "SQL Anywhere Studio" dient dem Daten-Management und stellt die Sychronisierungs-Techniken bereit. Als Middleware fungiert der "iAnywhere Wireless Server", der die Applikationsplattform darstellt. Seine Bedeutung liegt darin, ständigen Zugriff von mobilen und drahtlosen Geräten auf Backend-Systeme wie ERP-Software, Datenbanken oder Mainframes zu gewährleisten. Außerdem muss er die Inhalte für die unterschiedlichsten Frontends aufbereiten, ob für WAP, PDA oder Notebooks. Als drittes Element kommt "M Business Solutions" zum Tragen, das sich auf Lösungen und Services erstreckt. Ein Beispiel dafür ist der "Time Tracker", eine mobile Applikation für Handhelds, die Zeiterfassung und Synchronisierung mit SAP R/3 ermöglicht.

Fokus auf den Finanzsektor

Ein weiteres wichtiges Segment, in dem Sybase zunehmend Fuß fassen kann, ist der Finanzsektor. Bisher konnte der Hersteller hier vor allem spezialisierte Middleware anbieten. Nachdem das Unternehmen im letzten Jahr mit Home Financial Network (HFN) einen Spezialisten für Endkunden-orientierte Lösungen erworben hatte, wurde der gesamte Bereich in das Spinoff Financial Fusion ausgegliedert. Noch in diesem Jahr soll der Ableger an die Börse gehen. Financial Fusion zählt führende Finanzinstitute zu seinen Kunden und bietet diesen ein weltweites Service- und Supportnetzwerk. Eines seiner wichtigsten Produkte ist das "Web & Wireless System", ein Java-Framework, das plattformunabhängige Applikationen für den elektronischen Handel und Backend-Anbindung ermöglicht.

Um das Angebot für den Endkundenbereich auszubauen, ist Finance Fusion soeben eine Kooperation mit Teknowledge eingegangen, die das Web & Wireless System erweitert. Kunden erhalten dadurch einen zusammenfassenden Zugriff auf ihre Portfolios bei unterschiedlichen Banken - so etwa Konten, Depots oder Kreditkarten. Eine weitere Kooperation im E-Finance-Bereich hat Sybase unter anderem mit J.P. Morgan vereinbart.

Für die Finanzbranche bietet Sybase zukünftig auch ASP-Dienstleistungen an. Mit Zielrichtung auf die asiatischen Finanzmärkte ist in Kürze ein Joint Venture mit Hongkong Telecom (HKT) geplant. Das neue Unternehmen wird die Data-Center-Infrastruktur von HKT mit der Middleware und den Anwendungen von Sybase verbinden. Firmenchef Chen begegnet dem ASP-Hype generell mit einer gewissen Skepsis. Seiner Ansicht nach machen hier derzeit nur diejenigen Anbieter Profit, die gleichzeitig Data-Centers betreiben und eine Netzwerkinfrastruktur besitzen.

Last, but not least: Portale

Auch im Portalmarkt möchte Sybase zukünftig ein gewichtiges Wort mitreden. Seit April ist Version 1.0 von "Enterprise Portal" erhältlich. Der Hersteller preist das Produkt als flexible und universelle E-Business-Plattform an, die alle gängigen IT-Infrastrukturen integrieren kann. Heterogene Systeme können dadurch unter einer Web-basierten Oberfläche vereinheitlicht werden, darunter über 20 verschiedene Datenbanksysteme sowie gängige ERP-Anwendungen etwa von Baan, SAP oder Peoplesoft und Content-Management-Systeme wie Vignette.

Mit dem "E-Portal-Alliance"-Programm versucht Sybase, diese Portalstrategie zu untermauern. Auf der Techwave hat das Unternehmen 30 Partner vorgestellt, die Erweiterungen für das Enterprise Portal liefern. Zu diesen Firmen zählen Everypath, Gauss Interprise und Oasis Technology. Deren Lösungen sollen Portale unter anderem für Integration, Personalisierung und Sicherheit erweitern.

Zeitgemäßes Produktportfolio

Auch auf den traditionellen Geschäftsfeldern wartet Sybase mit Neuerungen auf. Der neue "Application Server 3.6" unterstützt nun alle Technologien der Java 2 Enterprise Edition (J2EE) - darunter Enterprise Javabeans und Java Transaction Services. Client-seitig werden unter anderem Corba, XML, HTML, ActiveX, C++ und Powerbuilder unterstützt. Das Produkt wird in vier Varianten angeboten und ist noch im August verfügbar.

Vom Entwicklungs-Tool "Powerbuilder 8.0" ist derzeit eine Betaversion erhältlich. Neben der gewohnten Client-Server-Entwicklung soll nun auch die Programmierung von Web-Anwendungen verbessert worden sein. Zu den neuen Features zählen verbesserte Datenbankunterstützung, Autoscript-Funktionen, Übertragung von 4GL-Features auf die Entwicklung von Internet-Anwendungen sowie die erweiterte Integration des "Enterprise Application Servers". Anfang nächsten Jahres soll das fertige Produkt herauskommen.

Mit der neuen Ausrichtung sieht sich das Unternehmen gut gerüstet für die Zukunft. Derzeit werden die Umsätze zu 80 Prozent mit bestehenden und zu 20 Prozent mit Neukunden gemacht. Bei mobilen Datenbanken ist das Verhältnis 50 zu 50. In drei Jahren soll dieser Wert nach dem Willen von Chen für das gesamte Geschäft gelten. Ob das Konzept aufgeht, hängt nicht zuletzt davon ab, ob das Unternehmen mit hoher Produktqualität wieder das Vertrauen der Kunden gewinnen kann.