Streit in der Open-Source-Community

Steht OpenOffice vor dem Aus?

Ludger Schmitz ist freiberuflicher IT-Journalist in Kelheim. Er ist spezialisiert auf Open Source und neue Open-Initiativen.
Die Meldung, das quelloffene Büropaket OpenOffice stehe ohne Spenden vor dem Aus, hat heftige Reaktionen in der Open-Source-Szene ausgelöst.
Ist dies das Ende von OpenOffice?
Ist dies das Ende von OpenOffice?

Die Apache Software Foundation (ASF) hat in einem Blog-Eintrag, der auch als Pressemitteilung verbreitet wurde, energisch bestritten, das Bestehen und die Weiterentwicklung von OpenOffice sei in irgendeiner Weise gefährdet. Das hatte das Team OpenOffice.org behauptet. Diesen Verein kanzelt die ASF regelrecht ab, ohne ihn beim Namen zu nennen: "Kürzlich haben Mitglieder der Free- und Open-Source-Software-Community sowie ehemalige Mitarbeiter am einstigen OpenOffice-Produkt destruktive Erklärungen verbreitet, die nahelegen, das Projekt sei während seiner 18 Wochen, seit es in den Apache Inkubator aufgenommen wurde, gescheitert." Die ASF betont hingegen: "Apache OpenOffice.org is not at risk."

Die Organisation, eine der größten und gewichtigsten in der Open-Source-Welt, stellt zwar selbst fest, dass OpenOffice seit mehr als einem Jahr kein neues Release erfahren hat. Sie ruft in Erinnerung, dass Oracle ihr am 1. Juni 2011 OpenOffice samt Quellcode und Markenrechten übergeben hat. Seither durchläuft das Produkt die "Inkubator"-Phase, in welcher der Quellcode gesichtet und samt lizenzrechtlicher Aspekte analysiert sowie der weitere Entwicklungsweg (Roadmap) für die Zukunft festgelegt wird. Diese Arbeit machen sich 70 "Committer", zehn Mal mehr als sonst bei Apache-Projekten. Sie wird gesteuert von einem "Podling Project Management Committee" (PPMC). Erst nach dessen Empfehlungen geht es an Weiterentwicklungen des Produkts.

Der Hamburger Verein sei, so erläutert die ASF, sei auch nicht autorisiert, irgendwelche Spendensammlungen für Apache OpenOffice.org zu veranstalten ("they are barred from doing so"). Derlei würde ausschließlich von der ASF direkt organisiert. Eine Spendensammlung unter dem Titel OpenOffice sei eine Verletzung der Apache-Markenrechte an dem Produkt. Auf Vorschlag des IBM-Managers Rob Weir hat die ASF die Spendenregelung auf einer OpenOffice-Website neu formuliert.

Der Darstellung des Vereins, mit OpenOffice als seinem Kernprodukt würden auch davon abgeleitete Varianten deutlich langsamer entwickelt, hat The Document Foundation (TDF), die Stiftung hinter LibreOffice, widersprochen. Für sie erklärte Florian Effenberger gegenüber dem Autor: "LibreOffice wird aktiv weiterentwickelt. Wir halten uns an unseren Release-Plan, pflegen zwei Versionszweige (3.3 und 3.4), beheben Fehler, implementieren neue Funktionen und haben auf der LibreOffice-Konferenz jüngst Ports für iOS, Android sowie eine Browser-basierende Version angekündigt. Auch eine Sicherheitslücke wurde erst vor kurzem geschlossen."

LibreOffice zählte zum einjährigen Bestehen der TDF Ende September 270 Entwickler und noch einmal genau so viele Mitarbeiter, die das Produkt an lokale Sprachen anpassen. Effenberger: "Das zeigt deutlich, dass LibreOffice dank vieler Entwickler und Unterstützung zahlreicher Firmen aktiv weiterentwickelt wird. Wir haben mit der TDF binnen eines Jahres genau das geschafft, was uns so wichtig war: Die Unabhängigkeit von einem einzelnen Sponsor."

Effenberger erwähnt, dass es "von Anfang an einen sehr guten und offenen Kontakt" zur ASF gegeben habe. "Apache-Vertreter posten mitunter auf unseren Listen, und wir schreiben manchmal auf deren Listen." Umgekehrt hat die ASF in ihrem Statement zu der Meldung über das drohende OpenOffice-Aus LibreOffice zum einjährigen Bestehen gratuliert und dieser Community viel Erfolg gewünscht. Das sollte man aber nun nicht als Anzeichen einer bevorstehenden Wiedervereinigung sehen. Die wäre programmiertechnisch ohne übergroßen Aufwand möglich, aber Lizenzprobleme stehen dem entgegen.

Vermutlich ist IBM die wichtigste Firma hinter Apache OpenOffice.org. Sie hat offenbar hinter den Kulissen schon die Übergabe des Produkts von Oracle an die ASF eingefädelt. Der auf Open Source spezialisierte Journalist Brian Proffitt von der "ITworld" hatte auf den Spendenaufruf des Hamburger Vereins die Frage gestellt, warum Big Blue dem Projekt nicht zur Seite springe? Schließlich basiert ein großer Teil von IBMs "Symphony" auf OpenOffice. Hat IBM kein Interesse mehr an Symphony, oder zieht das Unternehmen jetzt LibreOffice vor?

Keine IBM-Pressestelle würde dazu etwas sagen wollen. Aber ein IBM-Mitarbeiter, der Committer zu Apache OpenOffice.org und Mitglied in dessen Leitungsgremium PPMC ist, kommentierte unter dem Kürzel "dpharbison" den Proffitt-Bericht. Er wies Spekulationen über ein Ende von Symphony weit von sich. IBM wolle das Produkt, das es ohnehin zum kostenlosen Download im Internet gibt, nicht loswerden. Vielmehr habe seine Firma ein Interesse an kostenlos verfügbaren Office-Applikationen und werde in Kürze mehr als drei Millionen Programmierzeilen aus der Symphony-Entwicklung Open Source stellen. Außerdem habe IBM einige Entwickler aus der Hamburger Entwicklungsfirma von OpenOffice eingestellt und etliche aus dem Pekinger Symphony-Entwicklungsteam auf das Apache-Projekt abgestellt. Insgesamt würde das IBM wohl einige Millionen Dollar kosten.

Das war es dann mit den Gerüchten über ein angeblich drohendes Ende von OpenOffice und den schädlichen Folgen für dessen Ableger. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass unter der Ägide der Apache Software Foundation demnächst ein Produkt, das dann Apache-Office heißen könnte, richtig an Fahrt gewinnen wird. (wh)