Green IT PC

Öko-PC von Cherrypal mit einigen Fragezeichen

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Ein neuer Mini-PC von CherryPal aus Großbritannien verspricht, mit zwei Watt Leistungsaufnahme arbeiten zu können. Aber die Skepsis über die Tauglichkeit des Geräts sind groß.

Das Unternehmen CherryPal hat einen gleichnamigen PC vorgestellt, der extrem wenig Energie verbraucht und auch sonst die eierlegende Wollmilchsau der IT-Branche zu werden verspricht. Zu werden deshalb, weil es ihn noch nicht gibt. Und weil nicht klar ist, ob er mit den bislang verfügbaren technischen Daten nicht einfach eine Luftnummer ist.

Hat bis auf ein paar Schnittstellen und wenig Arbeitsspeicher und einer schmalbrüstigen CPU nicht viel zu bieten: Das Cherrypal-PC-Gehäuse.
Hat bis auf ein paar Schnittstellen und wenig Arbeitsspeicher und einer schmalbrüstigen CPU nicht viel zu bieten: Das Cherrypal-PC-Gehäuse.
Foto: Cherrypal

Der PC soll mit einem Prozessor von Freescale arbeiten. Das ist eine Firma, die sehr energieeffiziente CPUs herstellt, die in Punkte Stromverbrauch wesentlich bessere Werte als die Produkte von AMD oder Intel aufweisen. Während heutzutage bei Stromspar-Chips etwa 50 Watt üblich, in "normalen" PCs sogar 100 bis 120 Watt nicht unüblich sind, begnügt sich der CherryPal mit zwei Watt. Bis hierhin hört sich die Geschichte gut an.

Schwierig wird die Beurteilung des Systems deshalb, weil das Unternehmen CherryPal mit vielen Details hinter dem Berg hält und diese zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlichen. Laut der CherryPal-Homepage wird die Markteinführung am 4. August sein. Die ist schon allein deshalb nervig, weil man das Öko-Intro nicht einfach abschalten kann - und weitere Informationen nicht zu finden sind. Hier gilt der Slogan vom "Weniger ist mehr" definitiv nicht.

Der Prozessor "Mobile GT MPC5121e" ist an die Power-Architektur angelehnt. Er arbeitet mit nicht mehr als mageren 400 MHz, ein Wert, über den alle Prozessorhersteller inklusive solcher, die den Handy-Markt beliefern, in schallendes Gelächter ausbrechen dürften.

Der PC wird ohne Festplatte geliefert. Dafür besitzt er einen 4 GB großen Flash-Speicher und weitere 256 MB Arbeitsspeicher. Flash-Speicher sind zwar zunehmend ein Trendthema, aber 4 GB sind definitiv ein "Das geht gar nicht". Bei 256 MB Arbeitsspeicher kommt jeder Anwender ebenfalls ins Grübeln. Das System soll ein paar USB-Ports und eine Monitorschnittstelle besitzen. Als Betriebssystem werde, so weitere Informationen, eine embedded Version von Linux (Debian) zum Einsatz kommen. Möglicherweise glaubt das Unternehmen, einen neuen Trend, Cloud Computing, für sich nutzen zu können. Danach würden Benutzer des CherryPal-PCs gar keine Anwendungen auf dem Rechner bunkern, sondern sich diese nach Bedarf aus dem Internet ziehen. Auch die Daten würden dann im Web gespeichert.

Wer den CEO von CherryPal, Max Seybold, fragt, der bekommt zu hören, dass sein Rechner jede Applikation, und sei sie noch so rechenintensiv - weil etwa grafiklastig - locker verarbeiten könne. Seinen Optimismus bezieht er aus der Tatsache, dass der Freescale-Chip anders als Prozessoren von AMD oder Intel keine ausgewachsene PC-CPU ist. Vielmehr handelt es sich um eine, die drei Rechenwerke besitzt, die jeweils spezifische Aufgaben erfüllen. Eins ist für die Grafik-, eine für die Audio- und Videobearbeitung zuständig. Die dritte soll "herkömmliche" Rechenarbeiten erledigen.

Was der PC kosten soll, ist ebenfalls noch unklar. Seybold sagte lediglich, dass das Gerät im Vergleich beispielsweise zu dem Asus-Rechner Eee-PC (der kostet etwa 300 Euro) wesentlich preisgünstiger sein werde.

Gerät für die Zukunft?

Bei allen Fragezeichen könnte es aber doch sein, dass CherryPal mit dem Rechner einen neuen Medien-Typ kreiert. Kein Thin Client aber auch kein schwergewichtiger PC. Allerdings stellt sich die Frage, wer solch ein Medium-System braucht - einmal abgesehen von dem zu erwartenden niedrigen Preis. Für kommerzielle Anwender dürfte das System zu wenig Leistung bieten. Zudem ist unklar, ob sich Unternehmen heute schon auf ein Cloud-Konzept einlassen. Analysten sagen Cloud zwar eine Zukunft voraus - aber nicht in drei Monaten und vielleicht auch erst in drei Jahren.

Der CherryPal-Rechner soll - Verneigung gegenüber Jugendlichen, einer angepeilten Kundengruppe - iTunes unterstützen. Wie das gehen soll bei den mageren Speicherkapazitäten, bleibt das Geheimnis von Seybold. Die offizielle Haltung ist: Es wird gehen.

Offensichtlich ist das Gerät bislang nicht einmal in Großbritannien irgendwo gesichtet, geschweige denn unter die Lupe genommen worden. Was von den Versprechungen des CherryPal-CEO zu halten ist, lässt sich somit nicht sagen. Ob er einfach einen großen Medienhype erzeugen wollte, bleibt abzuwarten. Bislang ist das Gerät - um es mit einem anderen neudeutschen Begriff zu belegen - nichts anderes als Vaporware. (jm)