Reality-Check Cloud Computing

Neun Mythen um Cloud Computing

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Kaum ein CIO kommt mehr am Schlagwort Cloud Computing vorbei. Doch wie glaubwürdig sind die Marketing-Versprechen der Anbieter? Wir entzaubern die populärsten Mythen um die Wolken-IT.

Der Hype um das Thema Cloud Computing ist auf dem Höhepunkt. Glaubt man Prognosen professioneller Marktbeobachter wie Gartner, wird die Euphorie aber schon bald wieder nachlassen. Bis das Konzept ausgereift sei, könnten noch fünf bis sieben Jahre vergehen, erwartet Gartners Forschungschef Peter Sondergaard. Wir stellen die bekanntesten Mythen um Cloud Computing auf den Prüfstand.

Mythos Nummer 1: Eine Cloud ist eine Cloud

Mindestens drei Formen des Cloud Computing lassen sich derzeit am Markt unterscheiden:

  • Infrastructure as a Service: Dabei handelt es sich in der Regel um virtuelle Server ohne Anwendungen, die je nach Kundenbedarf von Anbietern wie Amazon (Amazon Elastic Compute Cloud) bereit gestellt werden.

  • Web Services oder Platform as a Service: APIs oder Entwicklungsplattformen, auf denen Kunden ihre Anwendungen entwickeln und anschließend in der Cloud betreiben lassen.

  • Software as a Service (SaaS): Anwendungen wie das CRM-System von Salesforce.com, die Unternehmen mit geringen oder gar keinen Anpassungen ihrer Infrastruktur über das Internet nutzen.

Die Art der Applikation, die ein Unternehmen betreibt, und die Datentypen, die es dabei generiert, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, wenn es um die Entscheidung für ein Cloud-Computing-Modell geht. Das führt direkt zum nächsten Mythos.

Mythos Nummer 2: Alles was Sie brauchen, ist eine Kreditkarte

Sind sie ein einsamer Programmierer, der viel Zeit hat, dürfte es keine Probleme bereiten, einen "nackten" virtuellen Server über die Kommandozeile zu konfigurieren. Führen Sie aber ein Unternehmen, könnten Sie solche Arbeiten durchaus daran hindern, sich auf Ihr eigentliches Geschäft zu konzentrieren. So muss etwa das Betriebssystem installiert und konfiguiert werden, gleiches gilt für Anwendungen, Datenbankanbindungen und vieles mehr. Ist Ihr Unternehmen groß genug, müssen Sie zudem Standards hinsichtlich Security, Datenformaten oder der Datenqualität berücksichtigen.

Einige Cloud-Anbieter versprechen, Kunden könnten beispielsweise einen Entwicklungs-Server innerhalb von 15 Minuten "kaufen" und in Betrieb nehmen. Interne IT-Abteilungen bräuchten dafür drei oder vier Tage. Michael Kollar, Chief Architect bei Siemens IT Solutions and Services, sieht solche Aussagen kritisch: Die Cloud-basierenden Server könnten in solchen Fällen möglicherweise nicht sicher genug sein, gegen unternehmensweite Richtlinien verstoßen oder sich nur schlecht in die interne IT-Landschaft integrieren lassen.

Mythos Nummer 3: Die Cloud spart Ihnen Arbeit

Foto: tele52, Shutterstock.com

Auf lange Sicht mag das zutreffen. Doch zunächst müssen Sie eine ganze Reihe von Aufgaben erledigen: Herausfinden, welches Cloud-Computing-Modell zu Ihnen passt, welche Anwendungen und Services sich dafür eignen und wie Sie das richtige Maß an Sicherheit, Compliance und Uptime gewährleisten. Nicht zu vergessen: Die Leistungen jedes einzelnen Cloud-Providers müssen stets überwacht werden. Auch das kostet Zeit.

"Wenn Sie Anwendungen für die Produktion betreiben, müssen Sie viel über Redundanz, Ausfallsicherheit, Performance und Latenzzeiten nachdenken", kommentiert Thorsten von Eicken, CTO und Gründer des auf Cloud-Systeme spezialisierten Softwarehauses RightScale. Bevor Unternehmen solche Applikationen in die Cloud verlagern, sollten sie sicherstellen, dass entsprechende Anforderungen erfüllt sind. Die Vorstellung, Cloud-basierende Systeme würden sich selbst verwalten, nennt von Eicken "Wunschdenken".

Mythos Nummer 4: Sie können Ihre private Cloud (Ihr virtuelles Data Center) nahtlos mit der "Public Cloud" verknüpfen

Einige Protagonisten des Cloud Computing versprechen das Beste aus zwei Welten: die Kontrolle eines internen RZ verbunden mit den niedrigen Kosten und der Flexibilität der öffentlichen Cloud. Dazu zählt etwa die Option, Anwendungen, Storage-Systeme und Server per Drag and Drop zwischen den internen und externen Clouds zu verschieben.

Doch so einfach ist die Sache nicht. Zumindest nicht in komplexen mehrschichtigen IT-Umgebungen, die auf interne Datenbanken angewiesen sind und tausende von Benutzern mit häufig wechselnden Zugriffsrechten bedienen. Gegenwärtig sei noch sehr viel Handarbeit und technischer Aufwand notwendig, um Anwendungen zwischen privaten und öffentlichen Clouds zu bewegen, urteilt etwa James Staten, Principal Analyst bei Forrester Research. Und selbst dann könnten Unternehmen lediglich hoffen, das alles funktioniert. Eine nahtlose Integration gelinge noch am ehesten, wenn Unternehmen in den öffentlichen und privaten Clouds mehr oder weniger gleichartige Plattformen betrieben. Gehe es um komplexere Standardisierungsbemühungen, wie sie in großen Organisationen typisch sind, existierten derzeit aber nur rudimentäre Ansätze, um die Interoperabilität in Cloud-Umgebungen zu erleichtern.

Mythos Nummer 5: Private und öffentliche Clouds lassen sich niemals nahtlos integrieren

Trotz vieler berechtigter Einwände (siehe Mythos 4) hinsichtlich der Verknüpfung öffentlicher und privater Clouds sollten Sie eines bedenken: Die Cloud-Anbieter arbeiten hart an diesem Problem. Siemens-Manager Michael Kollar etwa geht davon aus, dass er seinen Cloud-Kunden entsprechende Funktionen innerhalb von zwölf bis 18 Monaten anbieten kann. Bevor solche Features verfügbar sind, sollten Unternehmen Konfigurationen, Datenmodelle und automatische Deployment-Policies sowohl für die interne als auch für die Public Cloud standardisieren. Dieses Vorgehen, so meint RightScale-Manager von Eicken, erlaube es, schon jetzt die Vorteile der Public Cloud zu nutzen und später, wenn Standards und Techniken ausgereift sind, private und öffentliche Cloud-Dienste zu verknüpfen.