Integrationsdienstleister

Nah am Kunden - aber wie?

24.07.2014
Dr. Carlo Velten schreibt als Experte zu den Themen Cloud-Platforms und -Developers, Enterprise Cloud Management und Digital Business. Dr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen.
Die meisten Unternehmen arbeiten bereits in der digitalen Welt. Nun wollen große Integrationsdienstleister wie T-Systems, Capgemini und Accenture ihren Kunden ins gelobte Land folgen. Doch verfügen die IT-Dienstleister heute schon über die notwendigen Skills und Erfahrungen, um Anwender bei der Digital Transformation zu begleiten?

In nahezu jedem Unternehmen wurde in den letzten beiden Jahren eifrig an Konzepten für die "Digital Transformation" gefeilt, zumeist mit Hilfe von Strategieberatern. Teilweise sind kühne Visionen, manchmal auch bodenständige Konzepte entstanden, um die Geschäftsprozesse und Kundenbeziehungen des eigenen Unternehmens zu digitalisieren. Doch was als Blaupause in Sitzungen der Strategie- und Business-Development-Abteilungen so leichtfüßig daherkommt, wird spätestens in den Händen der CIOs zu echter Kärrnerarbeit. Denn der Bedarf an Integration und Change Management ist enorm. Und es erfordert eine Menge neuer Qualifikationen sowie einen anderen Mind-Set, den viele traditionelle IT-Dienstleister ihren Kunden leider nicht bieten können. Was also braucht es, um die Digitale Transformation erfolgreich gestalten zu können?

Digital Transformation - das große Geschäft

Foto: W.Ihlenfeld_Fotolia

Berechtigterweise sehen viele große Integrationsdienstleister hier das große Geschäft der kommenden Jahre. Und das zu Recht. Denn allein die weitere Digitalisierung der Kundenbeziehungen via Social Media, CRM, mobile Commerce & Co lässt sich in Deutschland in diesem Jahr mit Ausgaben in Höhe von 5,1 Milliarden Euro für Technologien, Services und Integrationsleistungen beziffern (Quelle: Crisp Research). Hinzu kommen die Investitionen, die die Unternehmen in die Digitalisierung ihrer Logistik- und Produktionsprozesse (Stichwort Industrie 4.0 und Internet der Dinge) tätigen. Das haben auch die Technologieanbieter wie Salesforce, Cisco und IBM erkannt, die ihre Angebote in diesen Gebieten derzeit stark ausbauen. Doch eines der Hauptprobleme für die Anwender bleibt trotz vieler Produktankündigungen und neuen Plattformen bestehen - die Integration der Vielzahl an neuen Services, Apps und Lösungen in ihre bestehende IT- und Prozesswelt.

Digital Transformation - Welche Skills die Integratoren brauchen?

Um große Unternehmen in Sachen Digital Transformation ganzheitlich beraten und Projekte erfolgreich umsetzen zu können, werden von Seiten der Dienstleister folgende Skills gefordert:

• Prozess- und Branchen Know-How.

• Spezialwissen und Erfahrung in IT-Integration.

• Betrieb hybrider IT- und Cloud-Umgebungen.

• Digital Thinking / Digital Strategy / Digital Culture.

Fundiertes Branchen- und Prozess-Know-How ist eine wichtige Grundlage, aber nicht hinreichend, um Digital-Transformation-Projekte erfolgreich umzusetzen. Hinzu kommen muss Spezialwissen im Bereich der Integration - und zwar auf Prozess-, Applikations- und Datenebene. Hier reicht es allerdings nicht mehr aus, sich nur mit den klassischen Konzepten wie SOA, ESB & Co gut auszukennen. Im digitalen Zeitalter ist es unerlässlich, die Chancen und Limitationen der APIs aller relevanten Cloud- und SaaS-Anbieter, wie zum Beispiel Salesforce, AWS oder IBM zu kennen und diese auf Programmierebene zu beherrschen. Und hier tun sich noch fast alle großen Integratoren schwer. Wäre dies anders, müssten sich Accenture & Co dieses Know-How nicht über Akquisitionen von kleinen Spezialisten einverleiben.

Im Rahmen von Ausschreibungen sollten die Anwender darauf achten, dass der jeweilige Integrator auch Erfahrungen im Betrieb hybrider IT-und Cloud-Umgebungen hat. Denn wenn geschäftskritische Prozesse mit verschiedenen Public-Cloud-Diensten verknüpft werden, spielt das Management der Schnittstellen und die Performance an eben diesen eine zentrale Rolle. Doch mittels der langjährigen Erfahrungen und des großen Fundus an Branchen Know-How können die meisten größeren Integratoren diese Anforderungen erfüllen. Wo es derzeit am meisten hapert, ist: Digital Thinking!

Digital Thinking - Grundlage für erfolgreiche Transformationsprozesse

Um Kunden fit für die digitale Welt zumachen, sollten auch die Integratoren eine solche Transformation durchlaufen haben. Oder zumindest ihre Strategie und Mind-Set an die neuen Regeln anpassen. Und das fällt natürlich schwer, wenn das eigene Geschäftsmodell nicht an Effizienz und User Experience, sondern immer noch am Verkauf von Manntagen orientiert ist. Doch was sind die wesentliche Elemente eines Digital Thinkung auf Seiten der großen Integratoren und IT-Dienstleister?

Aus Perspektive von Crisp Research müssen Integratoren ihre Fähigkeiten, Strategien und Skills in folgenden Bereichen umbauen beziehungsweise ergänzen, um Anwender erfolgreich bei der Digital Transformation unterstützen zu können:

• Design Thinking und User Experience Management.

• DevOps - neue agile Entwicklungs- und Programmiermethoden.

• API-Management und Platform-Know-How.

• Digital First Mentalität und eine klare "Digital Strategy".

Bislang wurden große Software- und IT-Projekte nach Funktionalität und Budgeteinhaltung bewertet. Design- und User Experience stand nicht auf der Agenda. Das ist im digitalen Zeitalter definitiv anders. In einer mobilen und von Consumerization geprägten Welt stehen interne IT-Anwendungen im direkten Vergleich zu den Oberflächen, die Dropbox, Salesforce & Co ihren Nutzern zur Verfügung stellen. Nur wenn die Integratoren dieser Komponente mehr Beachtung schenken, wird den Projekten der Erfolg zu teil, der ihnen gebührt. Ohne nutzerfreundliche Design- und Usability-Konzepte wird die Einführung vieler digitaler Prozesse scheitern.

Auch den neuen agilen Development-Ansätze (Scrum & Co) muss mehr Raum gegeben werden. Software-Entwicklung in und für die Cloud folgt nicht mehr dem Wasserfall, sondern erfordert mehr Trial-and-Error - bei gleichzeitig anspruchsvollem Qualitäts- und Testmanagement! Das ist keine leichte Aufgabe.

Zudem müssen die großen Integratoren sich noch intensiver mit den APIs und Plattformen der verschiedenen Cloud-Provider beschäftigen. Zwar werden vielfach Hundertschaften geschult und teils sogar zertifiziert - in den Anwenderprojekten werden dann bei anspruchsvollen technischen Aufgaben aber meist Subcontractor (Freelancer, kleine Spezialisten) eingesetzt.

Nicht zuletzt müssen sich die Integratoren und IT-Dienstleister entscheiden, ob sie ernsthaft in dieses Geschäft einsteigen und entsprechende Kompetenzen aufbauen wollen. Das bedeutet Investitionen aber auch den Einsatz von Cloud-Services in den eigenen Reihen. Ob Integratoren nur von "Digital Transformation" sprechen oder diese auch intern leben bzw. umsetzen, lässt sich meist anhand einiger weniger Fragen und Checks ablesen (Welche PaaS-Plattformen und Collaboration-Services kommen zum Einsatz? Referenzen auf Public-Cloud-Plattformen?).

Doch welche Integratoren haben beim Thema "Digital Transformation" die Nase vorn?

T-Systems, Accenture, Capgemini - Wer führt bei der Digital Transformation?

Foto: Accenture

Accenture: Es ist erst rund drei Monate her, dass Accenture die Bildung einer eigenen Geschäftseinheit namens "Accenture Digital" angekündigt hat, in der rund 23.000 organisiert sind. Hinzu kommen rund 9.000 Mitarbeiter in der neugeschaffenen Cloud-Geschäftseinheit. Das sind eindrucksvolle Zahlen und sicher zählt Accenture zu den Schwergewichten im Kampf um lukrative Transformation-Projekte. Doch Größe allein zählt in diesem Geschäft nur bedingt. Skill matters most! So kauft auch Accenture weiter kleinere Integrationsspezialisten (zum Beispiel die Clienthouse GmbH) zu, um sein Skill-Portfolio weiter auszubauen. (siehe auch Macht Accenture schon 3,6 Milliarden Dollar Cloud-Umsatz?)

Foto: Capgemini

Capgemini hat ähnlich ambitionierte Pläne und investiert Millionen allein in das eigene Marketing zum Thema. Zwar zählt Capgemini zu den weltweit größten Partnern von Amazon AWS und Salesforce, hat aber in Deutschland bislang nur wenig Referenzen, dies sich direkt dem Thema "Digital Transformation" zuordnen lassen. Analog zu Accenture baut auch Capgemini an einer Provider-übergreifenden Cloud-Orchestration Plattform (Capgemini COMPLETE - Cloud Orchestration Management PLatform End to End), die die Provisionierung und das Brokering von Cloud-Ressourcen über mehrere Anbieter hinweg ermöglichen soll. Mit der Formierung einer eigenen Business Unit unter dem Namen "Digital Customer Experience" und neuen Beratungs- und Developments-Formaten (Stichwort Innovation Lab) sollen die Aktivitäten weiter ausgebaut werden.

Foto: T-Systems

T-Systems zählt unter den Schwergewichten zu den Early-Adopters der "Digital Transformation". Auch wenn viele Marktbeobachter diese Rolle nicht unbedingt der T-Systems zugedacht hätten. Erfrischend ist, dass sich T-Systems nicht der Standard-Begrifflichkeiten (Digital Transformation, Digital Business etc.) bedient, sondern mit "Zero Distance" einen eigenen Slogan kreiert hat, der das ultimative Ziel der Digital Transformation treffend beschreibt - Nähe zum Kunden. Ein gelungener Coup von T-Systems CMO Thomas Spreitzer, der wesentlich dazu beiträgt, das Thema digitale Kundenbeziehung T-Systems-intern voranzutreiben und zu verankern. Zudem hat T-Systems in den vergangenen Jahren eine Vielzahl interessanter Use Cases in verschiedenen Branchen mit Partnern entwickelt, die aufzeigen, wie das Innovationspotenzial der Digital Transformation konkret aussehen kann (zum Beispiel Precision Farming mit Fendt; Bag2go mit Rimowa). Mit dem "Cloud Integration Center" und einer neuen Openshift-basierten PaaS-Plattform bietet T-Systems mittlerweile eine Vielfalt an Software-Entwicklungs- und Cloud-Deployment-Varianten.

Digital Transformation - Akquisition versus organisches Wachstum?

Um vom Wachstum des neuen digitalen Geschäfts bestmöglich zu profitieren, bieten sich unterschiedliche Wege an. Crisp Research geht davon aus, dass der Appetit der Integrations-Schwergewichte für eine Reihe weiterer Übernahmen sorgen wird. Da neben Spezial-Know-How auch lokale Markt- und Branchenexpertise gefordert ist, werden auf den Deal-Listen wohl auch einige deutsch-klingende Namen zu finden sein.