Hirnforscher Hüther im Interview

Macht macht nicht satt

25.12.2012 | von Sven Ohnstedt
Wie kann sich etwas im Gehirn verändern? Ein Gespräch mit Hirnforscher Gerald Hüther über Gier, Kinder als Schwerstarbeiter und Lernen in der gemeinsamen Arbeit.

CW: Herr Professor Hüther, Sie unterscheiden zwischen Erwerbs- und Entwicklungsarbeit. Worin besteht der Unterschied?

Hirnforscher Gerald Hüther.
Hirnforscher Gerald Hüther.
Foto: Privat

HÜTHER: Wir arbeiten, um dafür Lohn zu erhalten. Das ist zumindest unsere derzeitige Vorstellung von Arbeit und dem entsprechend haben sich auch die Unternehmen entwickelt. Diese Vorstellung ist ungünstig. Die größte Arbeit, zumindest aus wissenschaftlicher Sicht, vollbringt ein Mensch dann, wenn er sich weiterentwickelt. Also wenn er etwas lernt oder zu einer neuen Erkenntnis kommt. Diese Entwicklungsarbeit ist eigentlich das, was wir als Arbeit bezeichnen müssen.

CW: Schließen sich Erwerb und Entwicklung gegenseitig aus?

HÜTHER :Was glauben Sie, wer die größte Entwicklungsarbeit vollbringt? Denken Sie mal darüber nach.

CW: Wenn Sie so fragen, dann vermutlich nicht die Erwerbstätigen.

HÜTHER: Es sind tatsächlich kleine Kinder. Und sie vollbringen diese Arbeit im Übrigen nicht in der Schule: Spielende Kinder sind die größten Schwerarbeiter dieser Welt. Sie legen sich die Latte immer wieder genauso hoch, dass sich hinreichend mühevoll darüberspringen können. Wenn die Latte zu niedrig liegen würde, dann macht das Spiel keinen Spaß. Würde sie zu hoch liegen, wäre es ihnen schlicht zu schwierig. Kinder erwarten, dass sie gestalten dürfen – dieser Wille ist unglaublich stark. Wenn man ihn nicht bricht, dann bleibt er bis in das hohe Alter vorhanden. Dann bleibt die Haltung erhalten, weitere Kompetenzen erwerben und sich weiterentwickeln zu wollen.

CW: Erwachsene verlieren also den unbedingten Willen, etwas zu gestalten?

HÜTHER: Um Kinder davon abzuhalten, ihre Welt gestalten zu wollen, muss man ihren Willen regelgerecht zerstören. Wenn sich Menschen jedoch im Laufe ihres Lebens nicht mehr als Gestalter fühlen, sondern als Opfer oder als Objekte, sozusagen als Gestaltete, dann geraten sie in schlimme Situationen. Sie werden dann erleben, dass etwas nicht mehr realisierbar ist, obwohl man es eigentlich möchte. Dieses ungestillte Bedürfnis lässt sich zwar ersatzweise befriedigen, also durch Konsum oder Aneignung von Macht. Aber satt werden sie davon nicht.

CW: Warum befriedigt Macht nicht?

HÜTHER: Sie können noch so viel Geld anhäufen: Dieses Bedürfnis, eigentlich jemand sein zu wollen, der geliebt wird, können sie so nicht stillen. Es lässt sich allenfalls kompensieren, denn das, was sie eigentlich bräuchten, bekommen sie ja nicht. Sie wissen aber auch nicht, wie sie es anders machen sollen.

CW: So entsteht Gier.

HÜTHER: Das ist ja gerade das Unsinnige: Die Leute bringen durch ihre Haltung zum Ausdruck, dass sie eigentlich Bedürftige sind. Es ist jedenfalls kein Ausdruck von Stärke, wenn sich jemand Macht aneignen muss. Und es ist auch kein Ausdruck von innerem Wohlbefinden, von einer guten Beziehung zu sich selbst, wenn einer unbedingt immer mehr haben will.

CW: Ihnen zufolge sollte man Menschen inspirieren anstelle sie zu motivieren. Können gierige Menschen überhaupt inspirieren?

HÜTHER: Im negativen Sinne, ja. Nehmen sie beispielsweise soziale Netzwerke wie Facebook. Wenn man keine Verbundenheit oder Nähe erlebt, sucht man sich eben virtuelle Freunde – je mehr, desto vermeintlich besser. Es ist, wie gesagt, eben nicht das, was man wirklich braucht. Nur: Andere nehme dies als Inspiration und verhalten sich genauso.

CW: Was ist daran schlimm, jemanden zu imitieren?

HÜTHER: Wir tun es alle. Und wir reden uns dabei oftmals gegenseitig ein, dass man über Ersatzbefriedigungen bekommen würde, was man eigentlich braucht. Wir führen den Gedanken nicht zu Ende – das ist das Problem.

CW: Wie lautet die Lösung?

HÜTHER: Die eine Lösung lautet: Liebe.

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