Jini & Co. - alles nur ein PR-Gag?

Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Alles nur ein PR-Gag? Dieser Eindruck drängt sich im Herbst 2000 auf, wenn der Kunde eines dieser intelligenten Endgeräte kaufen will, die wie von Zauberhand automatisch miteinander kommunizieren. Vom Drucker bis zum Kühlschrank, so versprach eine illustre Schar von Herstellern wie Sun, Microsoft oder HP vor anderthalb Jahren, werde alles miteinander vernetzt. Doch heute sucht der Anwender immer noch vergeblich nach entsprechenden Geräten.

Wer kennt sie nicht, die nervenden Probleme beim Anschluss von Netzdruckern, wenn wieder einmal die Treibersoftware nicht mit Release x.y des Netz-Betriebssystems Z harmonisiert? Oder wer hat sich nicht schon einmal darüber geärgert, dass sein Notebook in fremden Netzen keinen Drucker nutzen kann, weil ihm die Treiber fehlen?

Dabei könnte alles so einfach sein, das richtige Konzept eines intelligenten Netzes vorausgesetzt.

Viel Rauch um nichts?

Ein solche Idee präsentierte Sun um die Jahreswende 1998/99 mit der "Java Intelligent Network Infrastructure" - kurz Jini. Die Idee dahinter war - vereinfacht ausgedrückt - dass sich intelligente Endgeräte am Netz selbst anmelden und anderen Devices ihre Funktionen mitteilen. Dabei sollte dieses Szenario, so die Intention von Sun, nicht nur auf die DV-Branche beschränkt bleiben, sondern auch im Haushalt einen Verbund intelligenter Maschinen erlauben, damit etwa der Kühlschrank automatisch neue Lebensmittel bestellt oder die Waschmaschine selbstständig den Installateur zur Reparatur anfordert.

Eine Vision, die nicht nur leidgeplagte Notebook-Besitzer und Netzwerker begeisterte, sondern auch 30 Hersteller, die prompt ihre Bereitschaft bekundeten, Jini in ihre Produkte zu implementieren. Zu der Schar der Produzenten gehörten unter anderem so illustere Namen wie Sony, Bosch Siemens Hausgeräte (BSH), Palm, Novell, IBM oder Cisco.

Angesichts so großer, positiver Resonanz wollte und konnte die Konkurrenz nicht zurückstecken. Flugs hob Sun-Rivale Microsoft mit "Universal Plug and Play" (UPNP) ein eigenes Konzept für intelligente Netze aus der Taufe. Allerdings war Microsofts UPNP eng mit den hauseigenen Betriebssystemen Windows 9x, NT und CE verwoben.

Nachdem Sun und Microsoft die Idee des Intelligent Networking salonfähig gemacht hatte, wollten auch andere Große der Branche nicht hinten anstehen. Druckerhersteller Hewlett-Packard (HP), der bislang mit "Jetsend" gerademal an einem Verfahren zur einfachen Verbindung seiner Drucker mit Digitalkameras arbeitete, stellte mit "Chai" ebenfalls ein Konzept zur Gerätvernetzung vor. HP positionierte dieses in direkter Konkurrenz zu Jini.

Allerdings waren diese Visionen nur auf den ersten Blick eine echte Neuheit. Schon seit längerem bastelte ein anderer gewichtiger Player im Stillen an einem ähnlichen Konzept. Der TK-Konzern Lucent hatte in den eigenen Bell Labs mit "Inferno" eine Plattform entwickelt, die eine Grundlage für verteilte, vernetzte Applikationen bieten sollte.

Und heute, anderthalb Jahre später? Wer als Consumer oder IT-Beschaffer durch die Elektronikmärkte und Computerläden streift, sucht vergeblich nach den versprochenen intelligenten Endgeräten, die sich auf einfache Weise vernetzen lassen. Keine Spur von den Handhelds, Kühlschränken, Kameras, Druckern etc., die in einem Netzverbund ohne große Konfigurationsarbeit untereinander Informationen austauschen.

Fragt man etwa bei Palm Computing nach, warum die millionenfach verkauften Handhelds nicht einfach ans Netz anzuschließen sind, so ist zu hören, dass heute noch die Killerapplikation für die Gerätekommunikation fehle. "Aber", so versichert der European Product Manager Christopher Lang, "Jini ist nicht aus der Welt und es dürfte wieder up to date sein, wenn es ein physikalisches Übertragungsverfahren zur Vernetzung gibt."

Eine dieser Technologien könnte in den Augen des Palm-Manns die drahtlose Übertragungstechnik Bluetooth sein. Ansonsten vertröstet Lang, der es selbst schade findet, dass die Jini-Idee etwas untergegangen ist, die Palm-Besitzer mit der Infrarotschnittstelle des kleinen Helferleins: "Über diese können sie schon heute mit einigen ausgewählten Druckern ohne Probleme ihren Kalender zu Papier bringen." Überzogene Hoffnungen in Sachen Jini dämpft der Manager noch mit der Bemerkung, möglicherweise würde die Kommunikation - etwa zwischen Handy und PDA - zunächst von proprietären Verfahren bestimmt.

Eventuell trifft auch eher die Vermutung von Microsoft-Pressesprecher Thomas Baumgärtner zu: "Der Markt befindet sich in einer Konsolidierungsphase und jeder Hersteller nimmt die Standards der Konkurrenz genauer unter die Lupe." Letztlich, so die Feststellung in Unterschleißheim, hätten die Hersteller wohl erkannt, dass sie sich mit denn unterschiedlichen Konzepten nur gegenseitig behindern und so der Massenmarkt nicht in Fahrt kommt. Eine konkrete Antwort auf die Frage, wann der Anwender denn endlich Geräte für die schöne intelligente Netzwelt kaufen könne, bleibt man auch hier schuldig. Baumgärtner: "Die UPNP-Entwicklung ist nicht eingeschlafen, das Projekt liegt aber momentan nicht im Hauptfokus der Company." Der Markt müsse sich erst noch entwickeln, und das könne dauern, "weil die Endgeräte der Consumer-Elektronik mit zehn bis zwölf Jahren einen anderen Lebenszyklus haben als etwa ein PC mit drei Jahren."

Eine These, der man in der Bosch-Siemens-Hausgeräte-Zentrale in München nicht zustimmt, da einzelne Haushalte ja kontinuierlich ihre Geräte ersetzen würden. Allerdings teilt BSH die Ansicht, dass sich das Segment für Internet-fähige Endgeräte erst noch entwickeln müsse. Es handle sich hier um einen Zukunftsmarkt, für den es sich heute noch nicht lohne, entsprechende Geräte zu produzieren. Vorerst lautet die Devise in München: Abwarten und Tee trinken. Intelligente Kühlschränke, Waschmaschinen oder Geschirrspüler stellt der Hersteller für das nächste oder übernächste Jahr in Aussicht.

Wer diesen Zeitrahmens mit den vollmundigen Versprechungen vor anderthalb Jahren vergleicht, muss sich verwundert die Augen reiben. Dieses Erstaunen dürfte in Ärger umschlagen, wenn die kolportierte Erklärung stimmt, dass die damalige Ankündigungsorgie nur ein PR-Gag war, der dann prompt das erhoffte Medienecho brachte.

Eine Erklärung, die Jini-Initiator Sun weniger gefallen dürfte. Der Hersteller setzt nämlich immer noch mit Vehemenz auf das intelligente vernetzte Jini-Haus. Auf der diesjährigen Consumer Electronic Show in Las Vegas propagierte das Unternehmen erneut den Flaschengeist als das Helferlein, das automatisch nach Anwahl des Wetterberichts den Rasensprinkler in Betrieb nimmt, die Heizung steuert oder Eis für den Kühlschrank bestellt etc. Um dabei die Verbindung mit dem Internet sicherzustellen, präsentierte Sun in Zusammenarbeit mit Cisco einen "Internet Home Gateway Server".

Weitere Highlights in Sachen Jini-Implementierung sind auf Suns Internet-Seiten etwa eine Fahrzeugstudie von Ford, bei der Endgeräte wie Autoradio, CD-Spieler oder Navigationssystem via Jini vernetzt sind. Und so gar die US-Armee, so erfährt der patriotische Amerikaner, vertraut bei der Verteidigung des Vaterlands auf Jini. In den Befehlsständen der Schlachtfelder - den Tactical Operation Centers - soll sich der Soldat der Zukunft mit seinem Laptop dank Jini problemlos in das strategische Netz einklinken und seine Erkenntnisse zur Feindlage allen Beteiligten zur Verfügung stellen.

Abgesehen von diesen Vorzeige-Implementierungen sucht der potenzielle Kunde aber auf den Web-Seiten vergeblich nach konkreten Jini-Produkten. Dafür erfährt er im Kleingedruckten, dass bislang lediglich 20 Unternehmen Jini lizenziert hätten, obwohl 1998/99 über 30 Hersteller ihre Unterstützung angekündigt hatten. Einen Mausklick weiter beim Jini-Partner IBM sieht es ähnlich aus. Informationen zu Jini und eventuellen Produkten sind Mangelware. Ebenso, wie wohl Entwickler in Sachen Jini Seltenheitswert haben - diesen Schluss legt zumindest ein Blick ins IBM-Support-Forum "Hot Dispatch" nahe. Während sich zu anderen Themen teilweise Hunderte von Fragen fanden, waren unter dem Stichwort Jini Anfang September gerademal sieben Auskunftswünsche von Entwicklern verzeichnet.

Von der einstigen Jini-Euphorie ist auch beim Netzwerker Novell nicht mehr viel zu spüren. Hatte CEO Eric Schmidt im Februar 1999 noch gegenüber der COMPUTERWOCHE geäußert, Jini in künftige Netware-Versionen zu integrieren und von Anfang an enge Kontakte mit Sun bei diesem Projekt zu pflegen, so sind heute deutlich verhaltenere Töne zu hören. Ja, wir unterstützen Jini, aber um die Technologie voranzutreiben, sind wir von Sun abhängig, ist nebulös aus der Unternehmenszentrale in Utah zu hören.

Allerdings hat nicht nur das Jini-Lager in Sachen Intelligent Networking mit nachlassender Begeisterung zu kämpfen. So scheint auch Chai bei HP mittlerweile eine Schattendasein zu fristen. Damals groß angekündigt, ist die deutsche HP-Niederlassung heute innerhalb von drei Wochen nicht in der Lage, über den Stand der ehrgeizigen Pläne Auskunft zu geben. Der Anwender erfährt lediglich, dass man Jetsend bei den Consumer-Produkten erfolgreich eingeführt habe und damit bei der intelligenten Kommunikation zwischen Endgeräten wie Kamera und Drucker einen wichtigen Schritt weiter sei. Ansonsten herrscht in Sachen Intelligentes Netz im September 2000 bei HP Funkstille.

Eine Erfahrung, die der Hifi-Fan auch bei Sony Europe in Berlin macht. Der Elektronikriese gehörte 1998/99 zu den selbsterklärten Jini-Unterstützern. Heute, anderthalb Jahre später, hat Sony Europe keine entsprechenden Geräte in der Pipeline. "Wir arbeiten daran", lautet die lapidare Auskunft. Ansonsten verweist Pressemann Colli aber auf die "Havi"-Allianz und dem damit verbundenen "Home Audio Video Interoperability Standard", auf dem der Fokus des Konzerns liege. Mitglieder dieser Allianz sind neben Sony auch Sun und Philips. Das Ziel der Allianz ist das Bridging zwischen Havi und Jini, um so die Kommunikation von Geräten der Unterhaltungselektronik via Internet zu realisieren.

Fakten in Sachen intelligente Netzgeräte hat mittlerweile zumindest Lucent geschaffen. Der TK-Konzern verkaufte die Lizenzrechte an Inferno exklusiv an die britische Vita Nuova, die sich in Privatbesitz befindet. Offiziell erklärt Lucent-Pressesprecher Norbert Hahn diesen Schritt damit, dass sich Lucent wieder auf seine Kernkompetenz, den Aufbau breitbandiger Infrastrukturen konzentriere. Ferner vermutet er, dass die Vision einfach zu vernetzender Endgeräte erst dann ein Erfolg wird, wenn Techniken wie Bluetooth oder UMTS auf breiter Front verfügbar seien.

Für den Consumer und DV-Benutzer im Jahr 2000 heißt das letztendlich, sich weiterhin mit Treibern herumzuärgern und zu Papier und Bleistift zu greifen, um die Einkaufsliste für den Kühlschrank aufzustellen...

Jürgen Hill