Stark prozessorientiert

Informatiker in Versicherungen

19.05.2014
Peter Ilg ist freier Journalist in Aalen.
Per Mausklick das Auto versichern, machen noch nicht viele. Das meiste Neugeschäft wird im persönlichen Kontakt abgeschlossen. IT unterstützt die Berater bei der Risikobeurteilung. Für Informatiker gibt es in Versicherungen vielfältige Einsatzmöglichkeiten.

Wäre Versicherungsschutz sichtbar, man würde ihm auf Schritt und Tritt begegnen. An jedem Auto, jedem Gebäude, jedem Unternehmen und jeder Person. Rund 460 Millionen Versicherungsverträge haben die Deutschen abgeschlossen, teilt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft mit. Das ergibt gewaltige Datenmengen. Auch für die Kundenberatung braucht der Versicherungsvertreter Informatik, um das Risiko abzuschätzen.

Foto: Olivier Le Moal - Shutterstock.com

Beispiel Gebäudeversicherung. Der Versicherungsberater gibt Postleitzahl und Straße ein und im Hintergrund laufen die Angaben durch IT-Systeme. Dort wird geprüft, ob das Haus in einem Gebiet steht, in dem häufig Stürme oder Hochwasser auftreten. Bei Abschluss einer Lebensversicherung müssen Gesundheitsfragen beantwortet werden: Rauchen Sie, haben Sie Vorerkrankungen? „Entsprechend werden zum versicherten Risiko Zuschläge oder Abschläge errechnet – und am Ende erscheint auf dem Bildschirm das Angebot mit Prämie“, sagt Roland Vorberg. Er leitet bei der R+V-Versicherung in Wiesbaden im IT-Bereich das Kompetenzzentrum Projektmanagement. „In der Anbahnung eines IT-Projektes schätzen wir dessen Risiko ein, prüfen Aufwand, Machbarkeit, Termin- und Testumgebungsplanung.“ Und Vorberg berät und begleitet seine 34 Mitarbeiter bei deren Arbeit.

Rund 800 Mitarbeiter hat die R+V in der IT, davon sind etwa die Hälfte Informatiker. Heinrich Peuser, 29, ist einer von ihnen. Er hat sein Studium der Wirtschaftsinformatik mit einem Bachelor abgeschlossen, dann den Master angehängt. Während des Studiums arbeitete er in kleinen und mittelständischen Unternehmen als Softwareentwickler. „Danach wollte ich in ein großes Unternehmen mit komplexer IT, in dem die IT eine Kernkompetenz und kein Kostenfaktor ist.“ Vor drei Jahren fing er bei R+V als Projektmanager in der Softwareentwicklung an. Peuser ist für Webportale zuständig, über die Kunden Kontakt mit der R+V haben, etwa die Direktversicherung R+V 24. Dort lässt sich eine Versicherung fürs Auto berechnen, abschließen, verwalten. „Ich betreue die Weiterentwicklung der Anwendungen und die Erneuerungen durch moderne Technologien für mobile Endgeräte.“

Sein Kollege Benjamin Knoth, 28, beschäftigt sich ebenfalls mit Portalen. Er betreut als Anwendungsarchitekt Backend-Funktionen der Firmenkundenportale. „Über die können Unternehmen den Mitarbeitern Produkte zur betrieblichen Altersvorsorge anbieten und verwalten.“ Der Akquiseteil des Versicherungsgeschäfts ist der modernere mit Web- und Java-Anwendungen und einer Client-Server-Architektur. Bestandsverwaltung, Leistungs- und Schadensbearbeitung erfolgen aufgrund der hohen Datenmengen auf dem Mainframe. Knoth hat sein Informatikstudium abgebrochen – „Es war sehr trocken.“ – und bei R+V eine Ausbildung zum Fachinformatiker abgeschlossen. Dass die Informatik in einer Versicherung etwas Besonderes ist, darüber sind sich Knoth und Peuser einig: Die Fälle sind unterschiedliche: Kunden anlegen, Verträge verwalten, Schaden melden, Antworten einholen. Vom mobilen Endgerät bis zur Host-Anwendung werden verschiedene Systeme und Programmiersprachen verwendet. Eine Vielzahl unterschiedlicher Anwendungen lässt ein komplexes Geflecht zahlreicher unterschiedlicher Systeme entstehen, die integriert werden müssen. Mit dem Außen-, Innendienst, Kunden und Kooperationspartnern gibt es verschiedene Anwendergruppen, die unterschiedliche Ansprüche an das System stellen.

Versicherung kompakt

Die Beitragseinnahmen sind 2013 um drei Prozent auf 187,1 Milliarden Euro gestiegen.
Jeder Deutsche hat durchschnittlich 5,7 Versicherungsverträge. In Summe ergibt das 459 Millionen Verträge.
Die Versicherungswirtschaft hat 555.000 Mitarbeiter. Davon sind rund 300.000 fest angestellt und 255.000 haupt- oder nebenberuflich selbständige Vermittler.

Das setzt breites Wissen der IT-Mitarbeiter voraus. Technisches Know-how, um die Systeme zu verstehen. Gängige Programmiersprachen, um zu wissen, was links und rechts passiert. Prozesse im Versicherungsgeschäft kennen, um diese digital abzubilden. Und ausgeprägte Soft Skills, um Besprechungen zu moderieren und verständlich aufzubereiten. Schließlich wollen die Fachbereiche, für die Lösungen entwickelt werden, verstehen, was ihre Kollegen aus der IT machen.

Das ist in Wiesbaden bei der R+V nicht anders als in München bei der Allianz: die IT dort ist ebenfalls und in erster Linie interner Dienstleister für die Kollegen. Mattias Kaiser, 28, fing nach seinem Bachelor-Studium der Informatik und anschließendem Master in Finanzen und Informationsmanagement 2010 als Trainee bei der Allianz an. Während des 18monatigen Programms arbeitete Kaiser in Projekten, als Assistent eines Abteilungsleiters und als Projektleiter. „Im Studium wusste ich noch nicht, dass ich in die Versicherungsbranche gehen werde.“ Nach einem Praktikum bei der Allianz wusste er, dass ihm der Versicherungskonzern als Arbeitgeber gefallen würde, auch weil die „IT von zentraler Bedeutung für das Geschäftsmodell ist.“

Matthias Kaiser, Allianz AG:
Matthias Kaiser, Allianz AG:
Foto: Firma

Rund 20.000 Mitarbeiter im Innendienst greifen über Clients auf Bestände und Anwendungen zu, etwa 38.000 nutzen im Außendienst Notebooks, verarbeitet werden die Daten auf Servern im Rechenzentrum. Ausfallsicherheit und Verfügbarkeit haben einen hohen Stellenwert. „Wir sind ein sehr großes Unternehmen, in dem Anwendungen leicht an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, etwa Datenbanksysteme oder Speicher aufgrund unseres gigantischen Bedarfs“, sagt Kaiser. 2013 war er als Projektleiter für die Umstellung der 20.000 Rechner vom Betriebssystem XP auf Windows 7 und Office 2010 zuständig. Aktuell arbeitet er an der Optimierung der neu eingeführten Systeme und Virtualisierung der Clients. Künftig sollen Anwendungen nicht mehr lokal am Rechner, sondern im Rechenzentrum laufen.

Etwa 1150 Mitarbeiter hat die Allianz AG in der IT. „Sie brauchen Analysefähigkeit, Prozess-Know-how für Softwareentwicklung, kommunikative Fähigkeiten zur Beratung und Kenntnisse über aktuelle und innovative IT-Themen“, beschreibt Angelika Hirth-Neukamm, zuständig für Fachkarrieren in der IT, die Anforderungen.

Unser Interview mit Roland Vorberg, Leiter des IT-Projektmanagement bei der R+V Versicherung in Wiesbaden, finden Sie hier: