Betriebliches Gesundheits-Management

Hier joggt der Chef noch selbst

Bettina Dobe ist freie Journalistin aus München. Sie hat sich auf Wissenschafts-, Karriere- und Social Media-Themen spezialisiert. Sie arbeitet für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland.
Firmeninternes Fitnessstudio, Treppe statt Lift und einen Obstkorb je Abteilung: Unternehmen wollen Mitarbeiter fit halten. Doch was bringen diese Maßnahmen und was kann der Chef tun?

Informatiker müssen vor Kraft und Vitalität strotzen: Seit Jahren gibt es kaum einen Beruf, der gesünder ist als der des ITlers. Diese Annahme legt zumindest der aktuelle "Gesundheitsreport 2013" der Techniker-Krankenkasse nahe. ITler hatten demnach im Schnitt nur acht krankheitsbedingte Fehltage im Jahr und fehlten damit weniger als jede andere Berufsgruppe. Die Informatiker stehen dabei dem Trend entgegen: Seit dem Tiefstand von 2006, so der Bericht der TK, sind bis 2012 die Arbeitsunfähigkeits-Zeiten um 23,9 Prozent angestiegen. Dies ist vor allem auf die Zunahme von psychischen Erkrankungen zurückzuführen: Um knapp sechs Prozent nahm die Zahl der Fehltage wegen psychischer Störungen zu.

Warum ausgerechnet IT-Mitarbeiter so selten krank sind, darauf hat der TK-Report keine Antwort. Einerseits mag der niedrige IT-Krankenstand daran liegen, dass die Jobs der IT-Profis körperlich wenig anstrengend sind verglichen beispielsweise mit der Tätigkeit eines Altenpflegers. Eine weitere Erklärung kann darin liegen, dass es sich die meist jungen IT-Profis nicht leisten können, im Job auszufallen. Wer stets auf Projektbasis arbeitet und unter enormen Zeitdruck steht, schleppt sich häufig noch mit Fieber in die Arbeit. Beides kann dazu beitragen, dass ITler seltener krank sind als andere.

Aber fühlen sich ITler auch gesünder als der Rest der Arbeitnehmer in Deutschland? Wohl kaum, schließlich sind Informatiker deutlich häufiger von Burnout betroffen als andere Berufsgruppen. In den nächsten Jahren kommt auf Firmen einiges zu, wenn sie die Gesundheit ihrer Experten erhalten wollen. Große Unternehmen wie BMW und Otto steuern mit einem Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) dagegen. Kurse, Fitnessstudios und gesunde Kantinenmahlzeiten sollen die Mitarbeiter fit, gesund und arbeitsfähig halten. In kleineren Firmen ist das oft schwierig, denn das Budget ist für großangelegte Programme meist nicht vorhanden. Daher müssen sich vor allem Mitarbeiter selbst um ihre Gesundheit kümmern. Doch auch Chefs können etwas dazu beitragen, ihre Mitarbeiter fit zu halten.

Joggen für die Team-Gesundheit

Die Mitarbeiter kennen ihren Chef auch verschwitzt im Sportoutfit: Trudbert Vetter, Vorstand der DV-Ratio.
Die Mitarbeiter kennen ihren Chef auch verschwitzt im Sportoutfit: Trudbert Vetter, Vorstand der DV-Ratio.
Foto: Privat

Zunächst muss in einer Firma das Thema Sport und Ernährung überhaupt als wichtig wahrgenommen werden. "Ich habe mit meinen Mitarbeitern gesprochen, wie man ihnen am besten helfen kann", sagt Trudbert Vetter, Vorstand der IT-Management-Beratung DV-Ratio. Er stellte mit Sorge fest, dass einigen Mitarbeitern der Schreibtischtäterjob anzusehen war und wollte etwas für deren Gesundheit tun.

Nun trifft sich ein Teil der Belegschaft zu einem Lauftreff einmal die Woche bei jedem Wetter. Chef Vetter läuft selbstverständlich mit. Es sei gut zu sehen, dass seine Mitarbeiter etwas für die Gesundheit täten. "Das ist für mich ein sehr wichtiger Termin", sagt er. Er ist sogar so wichtig, dass dies als Arbeitszeit angerechnet wird. Ziel des Lauftreffs ist nicht nur die Bewegung: "Der Kopf wird frei, dadurch arbeitet man danach besser", sagt Vetter. Die Bewegung ist für ihn mittlerweile Teil der Unternehmenskultur geworden. "Das ist auch eine Teambuilding-Maßnahme."

Vorbild Chef

Auf diese Art von Vorbildfunktion kommt es an: "Manager müssen vor allem selbst auf ihre Gesundheit achten", sagt Mathias Weigl, Psychologe am Institut für Arbeitsmedizin der Uniklinik München . "Weil ein Chef oft sehr unter Druck steht, ist das aber gar nicht so einfach", meint der promovierte Psychologe. Aber nur ein gesunder Chef kann selbst seine Mitarbeiter dazu motivieren, mehr auf sich zu achten. "Menschen lernen durch Vorbilder", sagt Weigl. Otto zum Beispiel bietet seinen Führungskräften einen regelmäßigen Gesundheitscheck an. Wenn der Chef auf sich achtet, hat das Signalwirkung an die Mitarbeiter.

Das ist auch bei ersten Anzeichen von Burnout nicht zu unterschätzen: "Wenn der Chef zugeben kann, dass er gerade keine Energie mehr hat, trauen sich das auch seine Mitarbeiter", sagt Weigl. Ganz konkret kann der Chef das Suchtverhalten seiner Mitarbeiter mit seinem Vorbild beeinflussen. Raucht und trinkt der Chef wie Don Draper aus der Serie "Mad Men", darf er sich nicht wundern, dass seine Mitarbeiter sich ebenfalls nicht disziplinieren. Zudem kann der Chef seine Mitarbeiter durchaus dabei unterstützen, mit dem Rauchen aufzuhören. Schließlich kostet ein Raucher das Unternehmen mehrere tausend Euro im Jahr zusätzlich.

Je höher ein Manager im Unternehmen angesiedelt ist, desto leichter kann er selbst Aktionen initiieren, die der körperlichen Gesundheit seiner Mitarbeiter ein wenig zuträglich sind. Dazu gehört nicht nur ein Lauftreff. Zum Beispiel kann der Chef einen Vorstoß zu gesünderem Kantinenessen machen. Immer noch sind die beliebtesten Gerichte Currywurst, Pizza und Co. - besser wären Salat und ab und zu fleischlose Produkte auf dem Speiseplan der Kantine. "Wir haben einen Bio-Obstkorb eingeführt. Er wird sehr gut angenommen", sagt DV-Ratio-Vorstand Vetter. Die Absprache mit den Kollegen ist wichtig: "Ich stimme mich mit meinen Mitarbeitern ab, was sie sich wünschen", sagt Vetter. "Würden alle Beachvolleyball mögen, würden wir das einmal die Woche spielen. Jetzt gehen wir eben laufen." An den Bedürfnissen der Mitarbeiter will der Chef auf keinen Fall vorbeisteuern. "Man muss immer an die Zielgruppe denken", sagt Vetter.

Konzerne haben da ganz andere Möglichkeiten. Betriebliches Gesundheitsmanagement sollte idealerweise von Experten wie Sportmedizinern und Physiotherapeuten entwickelt werden, damit die Kurse auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter ausgerichtet sind. "Wir setzen bei der Gesundheitsförderung etwa auf Programme wie 'Fit durch den Winter', Tipps vom Ernährungsberater und Vorsorgeaktionen", sagt Christian Fischer, Pressesprecher für den Bereich betriebliche Gesundheitsförderung von der
Deutschen Telekom. In Sozialen Netzwerken diskutierten viele Mitarbeiter über Ernährungstipps oder Trainingspläne, andere böten selbst Kurse zu Pilates oder Drachenbootfahren in ihrer Freizeit an. Fischer ist überzeugt, dass die Gesundheit dennoch in der Verantwortung der Chefs liegt. "Die Führungskräfte müssen aktiv werden. Als ersten Schritt kann er das Meeting auch bei einem Spaziergang durchführen", schlägt er vor.