Arbeitgeber-Check im Web 2.0

Googlen Sie Ihren Chef!

09.07.2011 | von Constantin Gillies
Bewerber können über ihren künftigen Arbeitgeber im Web wesentlich mehr erfahren, als diesem manchmal lieb sein kann.

Auf der Homepage des Softwarehauses klingt der Job noch ganz toll: "Wir bieten Ihnen einen modernen Arbeitsplatz in einem dynamischen Umfeld. Sie erwartet eine vielseitige Tätigkeit und leistungsorientierte Vergütung." Doch ein paar Klicks reichen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen: "Gespräche zwischen Geschäftsführer und Angestellten finden höchstens aus Versehen statt", ist über die Firma zum Beispiel auf Kununu zu lesen. Auf dieser Plattform können Angestellte ihren Arbeitgeber bewerten, und für besagte Softwareschmiede fällt das Urteil mies aus. Mehrere Angestellte beklagen unbezahlte Überstunden, und auch das Umfeld scheint weniger dynamisch zu sein als behauptet. Fazit eines Angestellten über seinen Brötchengeber: "Für den Karriereabend nett, für Menschen mit Visionen das Falsche"

Transparenz durch soziale Netze

Constanze Buchheim: "Der potentielle Arbeitgeber hat nur drei Sterne auf Kununu? Da bewirbt man sich lieber woanders."
Constanze Buchheim: "Der potentielle Arbeitgeber hat nur drei Sterne auf Kununu? Da bewirbt man sich lieber woanders."
Foto: Constanze Buchheim, i-potentials

Willkommen in der Arä des gläsernen Arbeitgebers. Dank Web 2.0 können Jobsucher heute das Innenleben einer Firma ausgiebig studieren, bevor sie sich dort bewerben. Bewertungsplattformen und soziale Netze schaffen Transparenz, und genau das erwarten die Bewerber mittlerweile. "Die verbreitete Einstellung ist: Ich will alle Informationen, und zwar sofort", beobachtet Constanze Buchheim, Gründerin der Berliner Personalagentur i-potentials. Sie hilft jungen Internet-Firmen dabei, offene Stellen zu besetzen, und spürt schon, wie sich auf dem Arbeitsmarkt der Wind dreht. "Kandidaten sind zunehmend in der Situation, sich den Arbeitgeber aussuchen zu können", beobachtet Buchheim. Und wer am längeren Hebel sitzt, kann es sich leisten, wählerisch zu sein. Der Arbeitgeber hat nur drei Sterne auf Kununu? Dann bewirbt man sich lieber woanders.

Viele Firmen versuchen immer noch zu ignorieren, dass sie im Netz längst nackt dastehen. Zu den wenigen Unternehmen, die offensiv mit Online-Bewertungen umgehen, gehört Dataport aus Altenholz. Die Firma versorgt die öffentlichen Verwaltungen in fünf norddeutschen Bundesländern mit IT-Dienstleistungen und wirbt seit Kurzem sogar - kostenpflichtig - auf der Startseite von Kununu. "Wir wollen da hingehen, wo die jungen Leute sind", erklärt Ursula Kern, Leiterin der Personalabteilung.

Ganz ohne Risiko ist es für die Betriebe natürlich nicht, die Bewertungsplattformen zu umarmen, schließlich singen die Nutzer hier nicht nur Lobeshymnen. Wer zum Beispiel bei Kununu auf das Profil von Dataport klickt, landet schnell auf Beiträgen, in denen bemängelt wird, dass es in dem Betrieb "behördenartig" zugehe. Personalchefin Kern kommt damit zurecht: "Wir waren ja bis vor wenigen Jahren auch eine Behörde." Es sei klar, dass da einige Strukturen zurückblieben, so die Personalchefin. Insgesamt glaubt Kern, dass sich das Engagement auf Kununu lohnt: "Immer mehr Kandidaten sagen im Bewerbungsgespräch, dass sie uns da entdeckt haben."

So gut kommen nicht alle Unternehmen mit der Schonungslosigkeit im Netz zurecht: Bei Kununu melden sich jeden Tag zwei bis drei Firmen, die eine Bewertung löschen lassen wollen, berichtet Tamara Frast, Sprecherin der Plattform. Die Erfolgsaussichten der Kritikopfer sind schlecht: "Wir verweisen dann auf die Möglichkeit, Feedback zu hinterlassen oder einen internen Bewertungsaufruf zu starten", so Frast. Lediglich Beiträge, in denen wüste Schimpfwörter fallen oder Vorgesetzte namentlich genannt werden, entfernt Kununu aus dem Netz, der Rest bleibt online. Gegen Bewertungen juristisches Geschütz aufzufahren gibt für die Firmen in der Regel ebenfalls keinen Sinn, schließlich gilt auch im Internet das Recht auf freie Meinungsäußerung, und Plattformen wie Kununu haben wasserdichte Geschäftsbedingungen.

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