Symposium/ITxpo in Barcelona

Gartner nimmt IT-Chefs in die Integrationspflicht

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Die "neue digitale Plattform" für die Unternehmens-IT setzt sich aus Sicht von Gartner aus fünf Komponenten zusammen: Neben dem konventionellen IT-Betrieb, der Sensortechnik für das Internet of Things (IoT), neuartiger Datenanalyse und der Customer Experience gehört dazu auch der Austausch mit Partnern im Rahmen digitaler Ökosysteme.

Die Rolle des Chief Information Officer (CIO) in einer digitalen Unternehmenswelt ist eines der Themen, denen sich Gartner in seinem Research-Bereich besonders intensiv widmet. Das ist kaum verwunderlich, denn CIOs sind traditionell die Hauptzielgruppe des Beratungs- und Marktforschungsunternehmens. Trotzdem lässt sich Gartner nicht davon abhalten, die IT-Chefs dann und wann vor den Kopf zu stoßen - sei es durch den angekündigten "Tod des CIO" oder das Propagieren eines "Chief Digital Officers".

Gartners Vice President und Fellow Mark Raskino sieht Chancen für den CIO, nahe am CEO die Digitalisierung zu steuern.
Gartners Vice President und Fellow Mark Raskino sieht Chancen für den CIO, nahe am CEO die Digitalisierung zu steuern.

Derzeit läuft das europäische "Gartner Symposium/ITxpo" in Barcelona, und dort wird niemand totgesagt und auch kein neuer Titel für Visitenkarten ausgerufen. Allerdings ließ Vice President und Gartner Fellow Mark Raskino auch keinen Zweifel daran, dass einem CIOs mittlerweile Fähigkeiten abverlangt werden, die aktuelle Amtsinhaber nicht immer beherrschen.

Beiträge zu Gartners vorheriger Symposium/ITxpo in Orlando

"Die digitale Transformation ist Sache der Geschäftsführungen", sagte Raskino, der sich in seinen Forschungen auch mit dem Verhalten der CEOs beschäftigt. "Spannend ist die Frage, wer auf der zweiten Ebene folgt", sagte der Analyst und brachte dafür den CIO ins Spiel.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen hohen IT-Budgets und Erfolg

Was ein CIO leisten muss, fasste Peter Sondergaard, Senior Vice President von Gartner Research, in seiner Keynote-Ansprache zusammen: Er solle dafür sorgen, dass IT-Investitionen als Unternehmensgüter ("Assets") betrachtet würden und nicht als Kostenfaktor. Jährliche Budgetzyklen sind aus Sicht des Spitzenanalysten genauso unsinnig wie Berechnungen von IT-Kosten pro Umsatz. "Damit errichtet man nur Barrieren."

Ein starkes Argument für höhere IT-Budgets lieferte Gartner gleich mit: Die "Top-Performer" unter den Unternehmen haben einer Studie zufolge ihre IT-Ausgaben im vergangenen Jahr um durchschnittlich 4,6 Prozent erhöht, während die eher bescheiden operierenden Geschäfte auch nur ein moderates, sprich: um durchschnittlich 0,9 Prozent gestiegenes Budget vorzuweisen haben. In der aktuellen CIO-Befragung liegen die europäischen Unternehmen im Mittel bei 1,4 Prozent, während der weltweite Durchschnittswert 2,2 Prozent beträgt.

Customer Experience fest im Blick

Wie Sondergaard ausführte, muss ein für die digitale Transformation geeigneter CIO die digitalen Veränderungen, die auf das Unternehmen zukommen, organisatorisch vorbereiten. Zudem sei es seine Aufgabe, eine den Gartner-Kriterien entsprechende "neue Plattform" zu konzipieren und aufzubauen.

Die vier Elemente der IT-Strategie: Customer Experience, Internet of Things, digitale Ökosysteme und ein funktionierender IT-Betrieb.
Die vier Elemente der IT-Strategie: Customer Experience, Internet of Things, digitale Ökosysteme und ein funktionierender IT-Betrieb.

Besondere Bedeutung misst Sondergaard dabei dem Punkt Customer Experience bei: "Die Loyalität der Kunden bekommen Sie als Gegenleistung für deren erfüllte Momente in der digitalen Welt", so seine Überzeugung. Digitale Erlebnisse schüfen beispielsweise Technologien wie Virtual Reality (VR) oder "Augmented Reality" (AR). Wieviel ein Unternehmen in das Thema Kundenerfahrung investiere, zeige an, wie ernst es ihm damit sei. Sondergaard stellte die Frage, in welchen Unternehmen eigentlich schon ein CIO in einem Gremium sitze, das für die Kundenzufriedenheit verantwortlich zeichnet.

Internet of Things ist Pficht

Auch mit dem Internet of Things (IoT) müssen sich CIOs laut Gartner intensiv beschäftigen. Das Hauptaugenmerk liege dabei auf der Integration. Daten sammeln, ist nicht allzu schwer; Prozesse, Workflows und Integration hinzubekommen, kostet schlaflose Nächte, vor allem weil der Plattformmarkt noch keine Standards hervorgebracht hat.

Herkömmliche Datenanalysen beherrschen die Gegenwart, doch die Zukunft gehört der Echtzeitanalyse. "Die Action ist nicht mehr in den Daten, sondern in den Algorithmen", wie Sondergaard es formuliert. Themen wie Machine Learning und Artificial Intelligence könnten nun die Versprechen einlösen, die sie vor mehr als zwei Jahrzehnte gegeben hätten. Spätestens 2020 wird jedes fünfte Unternehmen Experten beschäftigen, die solche Systeme trainieren können, prognostiziert Gartner.

Digitale Ökosysteme

Das Schlagwort schlechthin ist auf dem diesjährigen Symposium das "digitale Ökosystem". Dazu Don Scheibenreif, Vice President und Distinguished Analyst bei Gartner: "Die alten organisatorischen Strategien behindern die digitale Transformation." Digitale Ökosysteme dienten dazu, unterschiedliche Unternehmen mit einem gemeinsamen Geschäftsmodell zu verbinden. Als Vorbild wurde häufig der Spezialfall der für finanzielle Transaktionen genutzten "Blockchains" genannt.

Gartner sieht für die kommenden Jahre einen Wettbewerb solcher Ökosysteme voraus. Die Unternehmen müssten nun entscheiden, ob sie sich einem existierenden System anschließen oder ein eigenes ins Leben rufen wollen.

Wie viele solcher Ökosysteme sich durchsetzen werden, welche Rolle digitale Giganten wie Google, Amazon und Facebook dabei spielen und wer die strategischen Entscheidungen in den Unternehmen treffen wird - darauf wollten sich die Gartner-Analysten noch nicht festlegen. Der CIO könne dabei eine beratende Funktion ausüben. Aber dazu müsse er umfassend informiert sein.

Wie Gartners aktuell vorgestellte CIO-Befragung zeigt, haben die besten Unternehmen die Bedeutung solcher Ökosysteme längst erkannt. Im Durchschnitt sind sie schon mit 78 digitalen Partnern über Programmierschnittstellen (APIs) verbunden. Vor allem aber nutzen sie die digitalen Geschäftssysteme nicht nur für den Einkauf, sondern häufig auch für den Vertrieb. Im Übrigen entwickeln sie die nötigen Komponenten oft selbst: Entweder werden sie auf dem Markt nicht fündig, oder sie wollen ihr Know-how aus strategischen Gründen nicht mit anderen teilen.

Neue Führungskompetenz

Neben der technischen Urteilskraft und dem Engagement für das Business braucht ein zeitgemäßer CIO auch Fingerspitzengefühl in Sachen Mitarbeiterführung. Umso mehr als die IT der zwei Geschwindigkeiten (bimodale IT) zu einer Zweiklassengesellschaft in der Unternehmens-IT führen könnte: Die langjährigen Mitarbeiter erledigen die oft zeitraubenden Routineaufgaben, während die Newcomer davon befreit ihre Kreativität ausleben dürfen. Um diese Spaltung zu vermeiden, empfiehlt Gartner dringend, beide Gruppen in einer Organisation mit einer gemeinsamen Führung zusammenzufassen.