Designkonzepte

ERP-Architekturen stehen vor einem Umbruch

Martin Bayer
Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; mitverantwortlich für die Entwicklung von Themenschwerpunkten; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
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Viele Softwarehersteller müssen für die Pflege ihrer ERP-Architekturen einen Spagat leisten: Wie gelingt es, die installierte Basis zu schützen und gleichzeitig mehr Modernität zu wagen?
ERP-Architekturen stehen vor einem Umbruch.
ERP-Architekturen stehen vor einem Umbruch.
Foto: fotolia.com/ArchMen

Die Komplexität der ERP-Architekturen haben sicher auch die Hersteller ein Stück weit mit verursacht", meint DSAG-Vorstand Marco Lenck. Er erwartet, dass die Softwareanbieter nicht nur an den weiteren technischen und funktionalen Ausbau, sondern auch an eine Vereinfachung denken.

"Die Erwartungen sind hoch, hängen aber auch vom Selbstverständnis des Anwenderunternehmens ab", sagt Karsten Sontow, Vorstand von Trovarit. Er beobachtet je nach Unternehmensgröße Unterschiede in der ERP-Wahrnehmung.

  • Firmen, die sich als Bewirtschafter ihrer IT-Infrastruktur verstehen, kümmern sich aktiv um Fragen und Gestaltung der grundlegenden ERP-Architekturen. Das sind in aller Regel größere Konzerne.

  • Andere Unternehmen erwarten von ihrem Softwarelieferanten, dass dieser den Anforderungen entsprechend eine flexible und anpassbare Lösung bereitstellt. Um technische Fragen will sich diese Gruppe nicht kümmern. Diese Haltung ist unter Mittelständlern weit verbreitet.

Moderne Architekturen sind selten

Die Motive, ein neues ERP-System einzuführen, hängen eng mit Fragen rund um die grundlegende Softwarearchitektur zusammen. (Angaben in Prozent, Mehrfachnennungen möglich, Teilnehmer 193)
Die Motive, ein neues ERP-System einzuführen, hängen eng mit Fragen rund um die grundlegende Softwarearchitektur zusammen. (Angaben in Prozent, Mehrfachnennungen möglich, Teilnehmer 193)

Die Anbieter bemühen sich, die Erwartungen ihrer Kunden zu erfüllen, was allerdings nicht immer leichtfällt. "Es ist schwer, Altlasten abzuschneiden", sagt Norbert Gronau vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Electronic Government an der Universität Potsdam. Anbieter wie Microsoft, Oracle und Infor müssen verschiedene Systeme mit entsprechend verschiedenen Architekturen pflegen. Primär geht es darum, zwischen diesen Systemen eine Art Middleware zu schaffen, um die Integrationsanforderungen erfüllen zu können. "Das können die Anbieter gut", stellt Gronau fest. "Aber bis auf SAPs Business ByDesign hat keiner dieser Anbieter ein komplett neu entwickeltes System, das eine Architektur auf neuestem Stand berücksichtigt."

Trotzdem tut sich bei den Herstellern eine Menge, sagt Frank Niemann, Principal Consultant bei Pierre Audoin Consultants (PAC). Microsoft entwickelt die ERP-Systeme "Dynamics NAV" und "AX" weiter. Zudem hat der Konzern sein CRM-System in die Cloud gebracht, Dynamics NAV soll folgen. Infor übernahm in den vergangenen Jahren eine Reihe von anderen Softwareanbietern - zuletzt Lawson - und bietet mit "ION" eine Plattform für seine Software. Im Gegensatz dazu hat Oracle mit "Fusion Applications" eine echte Neuentwicklung auf den Markt gebracht.

Das letztgenannte Beispiel ist jedoch auch ein Beleg dafür, dass in den Entwicklungsstrategien der Hersteller längst nicht alles so geradlinig verläuft, wie es ursprünglich geplant war. Vor Jahren waren die Oracle-Verantwortlichen nach zahlreichen Zukäufen angetreten, mit Fusion Applications eine komplett neue Anwendungslinie zu entwickeln. Doch die Stoßrichtung, die der Hersteller verfolgt, habe sich offenkundig verändert, berichtet Frank Schönthaler, der die Business Solutions Community bei der Deutschen Oracle Anwendergruppe (Doag) leitet. Ursprünglich dafür gedacht, eine komplette Suite im Markt zu platzieren, würden die Fusion Applications heute als zusätzliche Produktlinie vermarktet und nicht als Ersatz für die E-Business-Suite.

Um seine Systeme miteinander zu verbinden, bietet Oracle den Kunden verschiedene Integrationswerkzeuge rund um seine Fusion Middleware und die Application Integration Architecture (AIA). Das reicht von komplett vorgefertigten Integrationspaketen bis hin zu granularen Integrationsobjekten. Mit den zusätzlichen Funktionen und einer Integrationsplattform will sich Oracle zunehmend als Komplettlieferant für ins Spiel bringen.

Frank Naujoks, Director Research & Market Intelligence bei i2s, warnt Anwender jedoch davor, unbedingt alles aus einer Hand beziehen zu wollen. Es gebe keine Garantie, dass das funktioniere. Beispielsweise seien die Microsoft-Lösungen NAV, AX und das CRM-System technisch völlig unterschiedlich. Selbst Sprünge zwischen den Releases innerhalb einer Produktlinie seien teilweise aufwendig.

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