Enterprise Content Management

Documentum will Filenet die Stirn bieten

Sascha Alexander ist Manager Marketing & Kommunikation bei der QUNIS GmbH, Neubeuern, die auf Beratung und Projekte in der Business Intelligence, Big Data und Advanced Analytics spezialisiert ist. Zuvor war der Autor als Director Communications bei den Marktforschungs- und Beratungsunternehmen BARC und PAC tätig. Als ehemaliger Redakteur der COMPUTERWOCHE sowie Gründer und Chefredakteur des Portals und Magazins für Finanzvorstände CFOWORLD verbindet ihn zudem eine lange gemeinsame Zeit mit IDG.
Seine Themenschwerpunkte sind: Business Intelligence, Data Warehousing, Datenmanagement, Big Data, Advanced Analytics und BI Organisation.
Mark Lewis, President Content-Management & Archiving von EMC Documentum, gibt sich im Gespräch mit CW-Redakteur Sascha Alexander kämpferisch. Der Markt für Enterprise Content Management sei noch lange nicht gesättigt und man selbst der Konkurrenz technisch voraus.

CW: Der Weggang der Documentum-Veteranen Dave DeWalt (CEO), Howard Shao (Mitbegründer) und Robert Tarkoff (Chief Strategy Officer) wurde als das Ende einer Ära und als strategische Neuausrichtung bei Documentum bewertet. Nun leiten Sie als bisheriger Chief Development Officer von EMC die Geschäfte. Bedeutet dies, dass künftig EMC und die Speicherdivision die Strategie für Enterprise Content Management (ECM) prägen werden?

Lewis: Ich habe Howard zurückgeholt. Wenn Leute wie Rob und Dave gehen, hat das nicht mit der Strategie zu tun, sondern vor allem mit eigenen Karrierezielen. Wir haben uns aber in den vergangenen Jahren zu wenig um eine klare Documentum-Strategie und die Integration in EMC gekümmert. Wir müssen daher die Zusammenarbeit mit dem Mutterkonzern vertiefen, Documentum agressiver vermarkten und unsere Global Account Manager dazu anhalten, dem Vertrieb der Speicherprodukte die richtigen Leute beim Anwender zu nennen.

CW: Große Hoffnungen setzen Sie auf die neue Produktsuite für Enterprise-Content-Management "Documentum 6" (D6). Diese soll künftig vor allem als Plattform für ein Transactional Content Management (TCM) dienen. Was bedeutet das?

Lewis: Bisher ging es in ECM-Projekten vor allem um die Verwaltung von Inhalten mit Hilfe eines Content-Management-Repository. Der nächste Evolutionsschritt ist nun TCM, also die Nutzung von unstrukturierten Inhalten wie Dokumenten innerhalb von Geschäftsabläufen wie die Kredit-, Schadens- und Antragsbearbeitung oder die Kontoeröffnung. Documentum 6 soll die Infrastruktur stellen, um solche Abläufe umfassend und rechtskonform zu verwalten.

CW: Was bietet EMC Documentum konkret für TCM?

EMC-Manager Lewis will Content-Management und Prozesse verknüpfen
EMC-Manager Lewis will Content-Management und Prozesse verknüpfen

Lewis: Wir decken aktuell 90 Prozent der Kernanforderungen für ein TCM ab. So können Anwender mit dem D6-Repository und Archivierungstechnik vielfältige Dokumentarten verwalten (Web-Formulare, E-Mail, eingescannte Formulare etc.) und dank zugekaufter Technik von Captiva Geschäftsdokumente erfassen (Input-Management). Ferner wurden eigene Workflow-Funktionen mit Technik des Anbieters ProActivity kombiniert, um eine Umgebung zu schaffen, mit der Unternehmen wiederholbare Prozesse grafisch definieren und automatisieren können. Ferner sind D6-Produkte für das Output-Management (Web, Print, Briefe) erhältlich.

CW: Was ist mit den übrigen zehn Prozent?

Fehlende ECM-Anwendungen könnten wir über die Service-orientierte Architektur (SOA) von D6 einbinden. Doch sind beim TCM Abertausende Prozesse mit Millionen von Varianten denkbar, für die eigene Workflows definiert und optimiert werden müssten. Hierfür setzen wir auf die Hilfe unserer Partner und Systemintegratoren.

CW: Ihr ärgster Konkurrent IBM/Filenet setzt schon lange auf TCM und bietet Hunderte ECM-Anwendungen.

Lewis: IBM/Filenet war bisher stärker auf TCM fokussierter als Documentum (siehe auch IBMs Pläne mit Filenet). Technisch hatten wir die robustere Plattform, doch die haben wir zu wenig für dieses Einsatzgebiet positioniert. Um das zu ändern, haben wir in den vergangenen Jahren vor allem in Technik für das Input-Management und Workflows investiert. Auch gibt es bereits ECM-Anwendungen für einzelne Branchen wie etwa die Pharmaindustrie. Ich sehe zwei Aspekte, wo wir IBM/Filenet beim TCM schlagen können: Zum einen können Systemintegratoren und Kunden durch neue Tools wie "Document Composer" oder "Taskspace" Lösungen und Prozesse per Drag and Drop wesentlich schneller erstellen. Zum anderen bieten wir Großkunden aufgrund der Breite unseres Angebots eine stabilere und konsistentere Infrastruktur für die Datenverwaltung.

CW: Wollen Sie D6 in zwei Geschmacksrichtungen anbieten: klassisch-datenzentriert und transaktional?

Lewis: D6 ist eine Plattform für OEM-Partner und ISVs, die eigene Anwendungen aufbauen wollen. Ferner dient D6 als Umgebung für ein TCM, das künftig auch Knowledge-Management und Collaboration umfassen soll. Drittens nutzen wir es als Plattform für ein integriertes Content-Management, das beliebige Inhalte (Multimedia, Digital Asset Management) verwalten kann. Hierzu planen wir eine Reihe spezieller Lösungen. Viertens dient D6 zur Archivierung und rechtskonformen Aufbewahrung von Dokumenten (Compliance), und es stellt die Basis für eine integrierte Archivlösung für beliebige Inhalte (Dateien, Papier, E-Mails, Datenbankauszüge) und Records-Management. Dies ist alles heute verfügbar, wenn auch mehr Lösungen geplant sind.

CW: Ihre Produktstrategie für die E-Mail-Archivierung war bisher unklar. Zunächst setzen Sie auf die Software "E-Mail Xtender", dann auf D6, und nun scheint E-Mail Xtender wieder die Zukunft zu sein.

Lewis: Bisher bauen Kunden in erster Linie Lösungen für die Archivierung und das Information-Lifecycle-Management in einzelnen Anwendungen wie beispielsweise E-Mail auf. Hierzu dient E-Mail Xtender als separates Produkt. Parallel dazu integrieren wir das Frontend von E-Mail Xtender mit dem Repository von Documentum 6, um eine zentrale Plattform für eine Archivierung beliebiger Inhalte zu schaffen - ein Ansatz, der in fünf Jahren dominieren wird. Kunden können aber weiter zwischen beiden Angeboten wählen (siehe auch "E-Mail-Archivierung: Mehr als Mailboxen verwalten").

CW: Auch Ihr Collaboration-Angebot zeigt parallele Entwicklungen.

Optimismus: EMC-Manager Lewis sieht den Markt für ECM-Software noch lange nicht gesättigt.
Optimismus: EMC-Manager Lewis sieht den Markt für ECM-Software noch lange nicht gesättigt.
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Lewis: Die Software "eRoom" bietet nur rudimentäre Repository-, aber gute Collaboration-Funktionen. Diese werden in D6 integriert. eRoom bleibt aber separat erhältlich. Zudem unterstützt D6 Collaboration-Produkte wie Microsoft Sharepoint Server, den Kunden als Frontend für das Documentum-Repository einsetzen können.

CW: Könnten Sie sich vorstellen, eine eigene Portallösung anzubieten?

Lewis: Wir wollen einen Großteil der Kernfunktionen liefern. Ansonsten kooperieren wir mit Anbietern im Markt.

CW: Bisher erwirtschaftet EMC keine signifikanten Umsätze mit Software für Web-Content-Management (WCM). Wollen Sie auf diesem Gebiet größere Anstrengungen unternehmen?

Lewis: Eine traditionelle WCM-Strategie (Publishing) verfolgen wir nicht. Wir setzen vielmehr auf den künftigen Markt für interaktives Medien-Management, das Inhalte (Rich Media) über verschiedene Kanäle bereitstellen muss. WCM ist darin nur ein Baustein.

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